Queckberg (Pop.: 5 – 1347m NN)

Es gibt Orte, die sich nicht auf den ersten Blick erschließen. Der Queckberg ist so einer. Denn genau hier, auf dem kahlen Gipfel, treffen sich Zentravia, Seeland und das Nudelland. Wer die alte Grenzsteinhütte aus dem 18. Jahrhundert findet, die etwas unterhalb des höchsten Punktes im Schutz einer Felsspalte liegt, steht auf jenem Pflaster, wo ab dem 19. Jh. die ersten Ausflügler aus allen drei Provinzen ihre Säcke abstellten, um zu rasten. Die Hütte ist heute nicht mehr als ein gemauertes Gewölbe mit steinernem Tisch, aber wenn der Wind von Südwest kommt, riecht man noch immer die Phantasie vergangener Märkte – oder vielleicht ist es auch nur das harzige Aroma der Latschenkiefern, die hier oben die Baumgrenze markieren.

Fünf Menschen leben ständig auf dem Berg. Sie betreiben die Wetterstation, deren Messreihen seit den 1920er Jahren das Rückgrat der Zentralmassivforschung bilden. Die Station ist ein weiß getünchter Bau mit einem Gitterturm, der im Nebel wie das Deck eines gestrandeten Schiffes wirkt. Einer von ihnen ist Jona Kiesel, ein Meteorologe mit wettergegerbtem Gesicht, der vor dreißig Jahren zum ersten Mal für ein Praktikum heraufkam und nie wieder hinunterging. Seine Frau Mira führt die kleine Herberge, die an die Station angebaut ist. Es gibt nur sechs Betten, einen langen Holztisch in der gemeinsamen Küche und den unausgesprochenen Ehrenkodex, dass jeder Gast beim Abwasch hilft. Fernwanderer, die den Kammweg beider Länder absolvieren, schätzen diesen Ort als stillsten aller Etappenziele. Abends sitzt man dann auf der Bank vor der Tür, sieht, wie die Lichter von Altenquell im Seeland drüben im Tal aufblinken, und hört Jona erzählen, wie der Queckberg seinen eigenen Wolken macht.

Rund um den Berg zieht sich die Ringstraße – mehr ein gutmütiger Schotterweg – als verbindendes Band durch drei Staatsgebiete. 23 Kilometer lang ist sie, und wer sie geht oder mit einem geländegängigen Rad befährt, spürt die Eigenheiten der Länder im Untergrund: Zentravias Seite ist am besten ausgebaut, Seeland lässt seinen Abschnitt bewusst rau, das Nudelland setzt auf enge Kurven und plötzliche Ausblicke. An der Stelle, wo von dieser Ringstraße der Weg steil hinunter zur Holzmühle abzweigt, steht etwas Unerwartetes: die Bergkirche St. Aurelia.

Sie ist winzig, kaum mehr als ein rechteckiger Bau mit einem hölzernen Glockenstuhl. Schlicht, fast streng, und doch birgt sie ein Geheimnis. Ihre Glasfenster sind ein Zyklus von erstaunlicher Farbkraft, geschaffen in den 1950er Jahren von einer vergessenen Künstlerin aus der Zentravia-Hauptstadt Zentro. Sie zeigen keine Heiligen, sondern Szenen aus der Geschichte Landauris – die Ankunft der ersten Siedler, den Bau der Ringstraße, die Versammlung der Händler an der Grenze. Das Licht fällt hier in tiefem Blau und warmem Ocker auf die Holzbänke, und wer still sitzt, kann meinen, die Geschichten der Inselwelt flössen durch den Raum.

Gekümmert wird um die Kirche von einer ehrenamtlichen Gruppe aus den umliegenden Orten, allen voran von Elara Voss aus Ferkelau. Sie ist gelernte Steinmetzin und hat die verwitterten Ecksteine der Kirche Stück für Stück ersetzt, ohne den Charakter des Gebäudes anzutasten. Bei der Arbeit hat sie, so erzählt sie, oft Besuch von den Forschern der nahen Queck-Research-Area, die in den alten Grenzsteinen Hinweise auf mittelalterliche Handelsrouten suchen. Die Forschungsstation liegt versteckt im Wald oberhalb von Ferkeltal, ein Ort von modernen Containern und akribischer Kleinarbeit, der in seltsamem Kontrast zur Jahrhunderte alten Kirche steht.

Im Sommer aber, wenn die Tage lang sind und die Nächte mild, verwandelt sich der Queckberg. Dann findet das „Berglicht‑Fest“ statt, ausgerichtet von den fünf Bewohnern der Wetterstation, den Dörfern im Tal und mittlerweile auch von einer Handvoll Enthusiasten aus Altenquell und Altzehtau. Bei Einbruch der Dunkelheit werden Hunderte kleiner Laternen entlang des gesamten Kamms entzündet – vom Dreiländereck bis hinunter zur Abzweigung nach Taunheim. Jeder Gast bastelt seine eigene, und es ist ein stiller Wettstreit, wer das kunstvollste Lichtwerk aus Holz, Papier und Draht erschafft. Die Laternen ziehen sich als Perlenschnur durch die Nacht, und von der Ringstraße aus gesehen sieht es aus, als hätte sich die Milchstraße auf den Berg niedergelassen.

Manche Besucher kommen nur für diesen Anblick, aber wer bleibt, entdeckt mehr. Dass die fünf Bergbewohner für jeden Gast einen Platz am Tisch haben. Dass die Holzmühle am Fuße des Berges, jenes uralte Sägewerk mit angeschlossener Mosterei, das beste Brot im Umkreis backt – mit Mehl aus Ferkeltal und Wasser vom Queckberg. Und dass die Stille hier oben eine besondere Qualität hat: Sie ist nicht leer, sondern gefüllt mit dem Summen der Hochflächen, dem Rufen der Ziegen aus Altenquell und dem fernen Klang der Glocke von St. Aurelia, die Elara Voss jeden Sonntagmorgen läutet – für drei Länder gleichzeitig.

Die Verkehrsverbindungen sind, wie es sich für einen Berg gehört, bescheiden. Von der Ringstraße zweigen Schotterpisten ab: nach Altenquell im Seeland, hinunter zur Holzmühle, nach Altzehtau und Taunheim im Nudelland. Man parkt am besten an einem der ausgewiesenen Plätze nahe der Abzweige an der Ringstraße und geht die letzten Kilometer zu Fuß. So soll es sein. Der Queckberg verlangt keine Eile. Er belohnt jene, die sich Zeit nehmen, mit dem Gefühl, an einen Ort gelangt zu sein, der nicht zufällig so geblieben ist, wie er war – sondern aus Überzeugung.

Am Ende eines Tages, wenn die Sonne hinter dem Seeland versinkt und die drei Länder im Tal nach und nach ihre Lichter einschalten, setzt sich Jona Kiesel noch einmal auf die Bank vor der Wetterstation. Dann sagt er manchmal zu den Gästen: „Wisst ihr, die Messgeräte hier oben zeigen nicht nur Luftdruck und Temperatur. Sie zeigen auch an, wann etwas im Gleichgewicht ist. Und hier, zwischen der Kirche, der Hütte, euch und uns – momentan ist alles im Gleichgewicht.“ Dann schweigt er, und die Stille des Queckbergs tut den Rest.