
(Pop.: 127 – 495m NN)
Wer die geschäftige Kreisstadt Ferkelau im Norden von Zentravia verlässt und der Straße ins Nachtwindflußtal folgt, lässt den Lärm der Moderne rasch hinter sich. Nach etwa sechs Kilometern Fahrt über die B 51 und einem Abzweig nach Norden öffnet sich eine Landschaft, die so still und weit wirkt, dass man kaum glauben mag, sich noch im selben Landkreis zu befinden. Hier, auf 495 Metern über dem Meeresspiegel, erstreckt sich das Dorf Patz. Mit seinen lediglich 127 Einwohnern ist es kein Ort der großen Plätze, sondern ein Ort der langen Wege: Über fast sieben Kilometer ziehen sich die Häuser entlang des Nachtwindflusses, was Patz das charakteristische Aussehen eines Straßendorfes verleiht, das organisch mit der Ufervegetation verwachsen ist.
Die Ankunft in Patz gleicht dem Betreten einer Galerie lebendiger Momentaufnahmen. Während der Fluss träge und klar zwischen Weiden und Erlen dahingleitet, gleitet der Besucher durch eine Abfolge kleiner, friedlicher Szenen. Man sieht Kinder, die an den flachen Uferstellen nach glatten Kieselsteinen suchen, und Gärten, die nicht durch Zäune, sondern durch das sanfte Plätschern des Wassers begrenzt werden. Diese räumliche Ausdehnung sorgt dafür, dass sich die Stille niemals schwer anfühlt; sie verteilt sich auf die Weite des Tals. Der Name „Patz“ soll, so erzählen es die Ältesten am Stammtisch im Unterdorf, auf ein altes zentravinisches Wort für „Ruheplatz am Wasser“ zurückgehen – eine Etymologie, die jeder bestätigt findet, der hier das erste Mal den Motor abstellt.

Über dieser idyllischen Langgezogenheit thront die Kirche St. Nivora. Sie steht auf einer markanten Anhöhe, die wie ein Wächter über das Tal ragt. Die Architektur der Kirche ist schlicht, fast trutzig, geprägt von den grauen Steinquadern der Region, doch ihre Lage macht sie zum unangefochtenen Mittelpunkt der Gemeinde. Von hier oben hat man den besten Blick auf das gesamte Band des Dorfes und die umliegenden Hänge, die im Sommer in sattem Grün leuchten. Es ist die Kirche von Pfarrer Benedikt, einem Mann, der für seine kurzen, aber tiefsinnigen Predigten bekannt ist und der oft selbst auf der Kirchenmauer sitzt, um die Wanderer zu begrüßen, die den Aufstieg wagen. Die Gemeinde ist klein, aber fest verschworen; jedes Jahr zur Sommersonnenwende wird am Fuße des Kirchhügels ein großes Feuer entfacht, dessen Schein man bis weit ins Ferkeltal hinein sehen kann.

Ein unverzichtbarer Haltepunkt für jeden Gast ist die alte Nachtwindmühle. Wo früher Getreide für die Bauern der Umgebung gemahlen wurde, betreibt heute Frau Livia Kern ein Café, das weit über die Grenzen von Patz hinaus Berühmtheit erlangt hat. Das Gebäude mit seinem massiven Gebälk verströmt einen Duft nach frisch gebrühtem Kaffee und warmem Gebäck. Frau Kern ist eine Seele von Mensch, die jeden Gast so empfängt, als käme er nach langer Reise nach Hause. Ihr kulinarisches Aushängeschild ist der Ziegenkäsekuchen. Die Hauptzutat dafür stammt direkt aus der kleinen Dorfkäserei am oberen Ende des Tals, wo die Ziegen auf den steilen Kräuterwiesen weiden. Es ist dieser herbe, frische Geschmack, der die Essenz der Region auf den Teller bringt.

Nur einen kurzen Spaziergang von der Mühle entfernt, markiert ein schlichtes Holzschild die Werkstatt von Jaro Munt. Der Flötenbauer ist ein Mann der Tat, nicht der Worte. Wer das Glück hat, ihn in seiner Werkstatt anzutreffen, betritt eine Welt voller feiner Späne und dem herben Geruch von Bergahorn. Munt fertigt Instrumente von außergewöhnlicher Reinheit, die beim jährlichen Musikfestival in Ferkelau regelmäßig die Fachwelt in Erstaunen versetzen. Wenn er an einem neuen Werkstück arbeitet, scheint er die Außenwelt vollkommen zu vergessen. Seine Hände führen das Schnitzmesser mit einer Präzision, die keine Erklärungen braucht. Besucher dürfen ihm oft schweigend zusehen; es heißt im Dorf, eine Flöte von Jaro Munt trage das Echo des Nachtwindes in sich.

Trotz seiner Beschaulichkeit ist Patz kein Museum, sondern ein Ort lebendigen Handwerks und sanfter Erholung. Am südlichen Ortsrand, dort, wo das Tal am engsten ist, findet sich ein kleines, inhabergeführtes Wellnesshaus. Es ist kein Vergleich zu den großen Kurhotels der Städte, doch gerade das macht seinen Charme aus. Die Inhaberin, die junge Heilpraktikerin Elena Vogt, sammelt die Kräuter für ihre Essenzen selbst an den Hängen oberhalb des Dorfes. Die Bäder mit wildem Thymian, Schafgarbe und Johanniskraut sind Balsam für die Seele. Wer dort in den hölzernen Zubern liegt und durch das Fenster auf den Fluss blickt, versteht sofort, warum Patz als einer der ruhigsten und heilsamsten Orte im gesamten Landkreis gilt. Hier scheint die Zeit nicht zu vergehen, sie scheint lediglich sanfter zu fließen.

Für die alltäglichen Bedürfnisse ist gesorgt, wenngleich auf minimalistische Weise. Einmal am Tag hält der „Rollende Laden“ von Herrn Geier im Mitteldorf, ein umgebauter Bus, der alles von frischem Brot bis zu Zeitungen bereithält und gleichzeitig als mobile Nachrichtenbörse fungiert. Wer mehr benötigt, ist durch die gute Straßenanbindung schnell in der Welt: Über die Talstraße erreicht man in wenigen Minuten die B 51, von wo aus es jeweils nur sechs Kilometer in das geschäftige Ferkelau im Nordwesten oder nach Petra im Südosten sind. Doch die meisten Bewohner von Patz sind froh, wenn sie nach einem Ausflug in die Stadt wieder das Ortsschild passieren und die Hektik hinter sich lassen können.
Das Leben in Patz ist geprägt von einer tiefen Verbundenheit mit der Natur und einer fast schon meditativen Gelassenheit. Es sind Menschen wie der alte Fischer Hannes, der jeden Morgen bei Nebel seine Ruten am Nachtwindfluss auswirft, oder die junge Bildhauerin Clara, die im ehemaligen Spritzenhaus der Feuerwehr ihr Atelier eingerichtet hat, die den Charakter des Ortes prägen. Hier gibt es keine großen Einkaufsmeilen oder laute Vergnügungsparks. Stattdessen bietet Patz die seltene Gelegenheit, die eigene Geschwindigkeit dem Rhythmus des Flusses anzupassen. Ob man nun wegen des Ziegenkäsekuchens kommt, eine Flöte bei Jaro Munt in Auftrag gibt oder einfach nur die Aussicht von St. Nivora genießen möchte – Patz empfängt jeden mit einer unaufgeregten Herzlichkeit, die lange nachklingt. Es ist der stille Gegenpol zum pulsierenden Leben der Kreisstadt, ein langgestrecktes Juwel im Herzen von Zentravia, das bewiesen hat, dass man nicht groß sein muss, um eine unverwechselbare Größe zu besitzen.
Verkehrsverbindungen:
Straße im Nachtwindflußtal 7km nach Süden zur B51. Von da 6km nach NW nach Ferkelau oder 6km nach SO nach Petra.

