Der Olifantus‑Verlag in Lauscha wirkt auf Besucher wie ein Betrieb, der sich aus der Umgebung heraus entwickelt hat, ohne sich je von ihr zu lösen. Das langgestreckte Gebäude an der Bahnhofstraße steht direkt gegenüber dem kleinen Backsteinbahnhof, an dem die Linie 109 im Stundentakt hält. Wer aus dem Zug steigt, sieht zuerst die hohen Fenster des Verlags, in denen sich das Licht des Zento bricht. Drinnen sitzen Kartografen, Redakteure, Setzer und Programmierer an langen Tischen, die an Werkbänke erinnern. Die Nähe zum Fluss und zur Bahn ist kein Zufall, sondern Teil der Geschichte des Hauses, das 2023 von Olifantus Wohlrabe gegründet wurde. Wohlrabe, ein Mann mit ruhiger Stimme und einer Vorliebe für Tee, begann damals mit einem kleinen Kartenatelier, das er in einem ehemaligen Lagerraum des Bahnhofs untergebracht hatte. Die ersten Karten entstanden auf einem wackeligen Zeichentisch, den er aus dem Heimatmuseum geliehen hatte, weil dort gerade renoviert wurde. Die Museumsleiterin, eine gewisse Mira Kallweit, die heute die Laienspielgruppe des Dorfes leitet, soll ihm damals gesagt haben, dass Lauscha jemanden brauche, der die Welt außerhalb des Zento‑Tals sichtbar mache. Wohlrabe nahm den Satz ernst und machte daraus ein Unternehmen.

Der Name des Verlags entstand angeblich an einem Winterabend, an dem Wohlrabe mit dem pensionierten Lehrer Hanno Brecht am Ufer des Zento stand. Brecht, der später seine Modelle alter Flussschiffe im Heimatmuseum ausstellte, erzählte von einem hölzernen Idol, das man bei Ausgrabungen gefunden hatte. Es zeigte ein Tier mit langem Rüssel und breiten Ohren, das niemand eindeutig zuordnen konnte. Brecht nannte es im Scherz „Olifantus“, weil es ihn an ein Tier aus alten Geschichten erinnerte. Wohlrabe gefiel der Klang des Wortes, und er beschloss, sein neues Kartenatelier danach zu benennen. Manche behaupten, er habe den Namen gewählt, weil er sich selbst als jemand sah, der mit großem Gedächtnis und ruhiger Beharrlichkeit arbeitet. Andere sagen, er habe einfach ein Wort gesucht, das in keinem Wörterbuch steht und deshalb niemandem gehört. Wie auch immer es war: Der Name blieb, und heute ist er in ganz Landauri bekannt.

Im Laufe der Jahre wuchs der Verlag, ohne seine Arbeitsweise zu verändern. Die Mitarbeiter stammen fast alle aus Lauscha oder den umliegenden Orten. Da ist zum Beispiel die Kartografin Livia Mertens, die eigentlich Pfarrerin der Kirche St. Venera ist, aber seit ihrer Studienzeit ein Talent für präzise Linien hat. Sie zeichnet Flussläufe und Höhenlinien mit einer Genauigkeit, die selbst die Vermesser aus Kornumünde beeindruckt. Wenn sie nicht im Pfarrhaus sitzt oder Abendandachten am Fluss organisiert, arbeitet sie im Obergeschoss des Verlags an Karten, die später in Reiseführern und digitalen Anwendungen erscheinen. Ihr Schreibtisch steht direkt unter einem Fenster, das auf den Horchbach zeigt. Sie sagt, der Blick auf das Wasser helfe ihr, die Landschaft besser zu verstehen.

In der Redaktion arbeitet der junge Autor Torben Weller, Sohn des Ehepaars, das die Pension „Am Horchbach“ führt. Torben begann als Praktikant, nachdem er in der Grundschule von Ruth Eberlein ein Projekt über die Geschichte des Zento geschrieben hatte. Eberlein, die seit zwanzig Jahren unterrichtet und jedes Jahr ein Sommerfest organisiert, soll Wohlrabe damals gesagt haben, dass der Junge ein Gespür für Orte habe. Heute schreibt Torben Ortsbeschreibungen, die so genau sind, dass selbst alteingesessene Bewohner manchmal staunen. Er verbringt viel Zeit in Archiven, spricht mit Fischern, Imkern und Wirten und fährt regelmäßig mit der Linie 109 nach Ferkelau, um dort in der Stadtbibliothek zu recherchieren. Seine Texte bilden das Rückgrat vieler Reiseführer, die der Verlag veröffentlicht.

In der Kartenabteilung sitzt außerdem die Vermessungstechnikerin Selma Rautenberg, die eigentlich den Gasthof „Zentohaus“ führt. Sie arbeitet nur an zwei Tagen pro Woche im Verlag, weil sie sich sonst um ihre Gäste kümmern muss. Ihre Kenntnisse über die Flusslandschaft sind jedoch so wertvoll, dass Wohlrabe sie immer wieder bittet, neue Daten zu prüfen. Rautenberg kennt jede Biegung des Zento und weiß, wo sich Sandbänke verschieben oder Ufer abbrechen. Ihre Beobachtungen fließen in die Karten ein, die Wanderer und Bootsfahrer nutzen. Manchmal bringt sie Proben von Flusskieseln mit, die sie auf dem Tresen des Gasthofs sortiert, bevor sie sie im Verlag abgibt.

Die technische Abteilung wird von Jorek Sandmann geleitet, dem Betreiber des Bootsverleihs am südlichen Ufer. Sandmann ist ein Mann mit wettergegerbtem Gesicht, der früher als Mechaniker für die Bahn gearbeitet hat. Er kümmert sich um die digitalen Anwendungen des Verlags, prüft GPS‑Daten und sorgt dafür, dass die interaktiven Karten auf der Webseite funktionieren. Wenn er nicht im Verlag sitzt, repariert er Boote oder erzählt Besuchern, wo sie Eisvögel beobachten können. Seine Verbindung zum Verlag entstand, als Wohlrabe einmal ein Boot mietete, um den Flusslauf für eine neue Karte zu erkunden. Sandmann zeigte ihm damals Stellen, die auf keiner Karte verzeichnet waren. Seitdem arbeiten sie zusammen.

Auch die Verwaltung des Verlags ist eng mit dem Ort verbunden. Die Buchhalterin Lina Manke, Tochter des ehemaligen Steinmetzen Gerold Manke, führt die Finanzen mit derselben Sorgfalt, mit der ihr Vater früher Reliefs in Fensterbänke meißelte. Sie kennt jede Rechnung, jede Bestellung und jeden Vertrag. Wenn sie durch die Horchbachgasse geht, grüßen sie die Leute mit einem Nicken, weil sie wissen, dass sie die Zahlen des Verlags zusammenhält. Ihr Bruder, der Schreiner Tarek Manke, hat die Regale im Archiv gebaut, in denen alte Karten und Manuskripte lagern.

Der Verlag arbeitet eng mit Institutionen im Landkreis zusammen. Die Grundschule nutzt seine Karten im Unterricht, das Heimatmuseum zeigt regelmäßig Ausstellungen über die Arbeit der Kartografen, und die Kirche St. Venera verwendet historische Pläne des Verlags für Führungen. Selbst die Kreisverwaltung in Ferkelau bestellt jedes Jahr aktualisierte Karten für ihre Planungsabteilung. Die Mitarbeiter der Verwaltung sagen, dass die Karten aus Lauscha zuverlässiger seien als alles, was sie aus der Hauptstadt bekommen.

Die Linie 109 spielt im Alltag des Verlags eine große Rolle. Viele Autoren und Fotografen reisen mit ihr an, wenn sie neue Orte erkunden. Die Züge halten direkt vor dem Verlagsgebäude, und manchmal sieht man Wohlrabe selbst am Fenster stehen, wenn der erste Zug des Tages einfährt. Es heißt, er begrüße ihn jeden Morgen mit einer Tasse Tee. Ob das stimmt, weiß niemand genau, aber die Leute im Dorf erzählen es gern.

So wirkt der Olifantus‑Verlag wie ein Betrieb, der aus vielen kleinen Verbindungen besteht: Menschen, die mehrere Rollen im Dorf haben, Institutionen, die sich gegenseitig unterstützen, und ein Fluss, der alles miteinander verknüpft. Wer den Verlag besucht, spürt, dass hier nicht nur Karten und Texte entstehen, sondern ein Bild von Landauri, das aus Gesprächen, Beobachtungen und Wegen besteht, die sich kreuzen. Lauscha mag klein sein, doch der Verlag macht es zu einem Ort, von dem aus die Inselwelt sichtbar wird.