Die Pension „Am Horchbach“ liegt am Rand von Lauscha auf der anderen Zento-Seite, dort, wo der Bach aus der Klamm tritt und sich zwischen Steinen teilt, bevor er in den Zento fließt. Wer über die Brücker fährt, folgt dann rechts der Horchbachgasse, einer schmalen Kopfsteinlinie, die direkt zum Wasser führt. Das Gebäude steht ein Stück zurückgesetzt, sodass man den Bach hören kann, ohne ihn zu sehen. Erst wenn man den kleinen Vorhof betritt, öffnet sich der Blick auf das klare Wasser, das an den Weiden vorbeiläuft. Die Nähe zum Fluss prägt den Aufenthalt: Morgens zieht Nebel über die Oberfläche, mittags spiegeln sich die Uferböschungen, abends hört man das konstante Rauschen, das den Ort zusammenhält.

Geführt wird die Pension von Lina und Torsten Weller, einem Paar, das seit Jahren im Ort verwurzelt ist. Lina kennt viele Bewohner persönlich, weil sie im Dorf aufgewachsen ist und lange im Dorfladen gearbeitet hat, bevor sie die Pension übernahm. Torsten stammt aus einem Seitental des Zento und kam als junger Mann nach Lauscha, um im Holzhandel zu arbeiten. Beide führen das Haus mit einer klaren Aufgabenteilung: Lina kümmert sich um die Gäste, Torsten um alles, was repariert, getragen oder organisiert werden muss. Wer ankommt, trifft meist zuerst auf Lina, die am Empfangstisch sitzt und die Ankunftszeiten der Züge im Kopf hat. Torsten sieht man oft im Hof, wo er Holz stapelt oder Fahrräder für Gäste vorbereitet. Die beiden wirken wie Menschen, die ihren Ort nicht verlassen müssen, weil sie ihn gut kennen und sich in ihm bewegen wie andere in einer großen Stadt.

Ihr Sohn Torben Weller arbeitet als Autor im Olifantus‑Verlag, der direkt gegenüber dem Bahnhof liegt. Seine Texte über Orte, Flussläufe und Menschen gelten im Verlag als besonders präzise. Er verbringt viel Zeit in Archiven und spricht mit Bewohnern, die Geschichten über den Zento oder den Horchbach erzählen. Wenn er in der Pension vorbeikommt, trägt er oft Notizhefte bei sich, in denen er Beobachtungen sammelt. Für Gäste ist er manchmal eine zusätzliche Informationsquelle, denn er kennt Wege, die nicht auf Karten stehen, und weiß, welche Stellen am Fluss sich für einen ruhigen Nachmittag eignen. Seine Verbindung zur Pension ist spürbar, auch wenn er längst eigene Aufgaben im Verlag hat.
Das Frühstück in der Pension folgt einem festen Ablauf. Auf dem Tisch stehen Kaffee und Tee, daneben eine Kanne mit Ingwer‑Zitronen‑Tee, der nach kurzer Zeit den Raum erfüllt. Torsten stellt jeden Morgen eine Flasche Sauvignon Blanc bereit, weil einige Gäste den Tag gern mit einem Glas Weißwein beginnen, besonders Wanderer, die erst am späten Vormittag aufbrechen. Für Kinder und Erwachsene, die es süß mögen, gibt es heiße Schokolade mit Marshmallows, die Lina in einer schweren Metallkanne serviert. Die Getränke stehen nicht nebeneinander wie in einem Buffet, sondern werden nach und nach gebracht, sodass der Tisch sich langsam füllt und die Gäste Zeit haben, sich zu entscheiden. Der Honig, den Lina anbietet, stammt von Imkern, die ihre Bienenstöcke am Horchbach aufgestellt haben. Im Frühjahr summt es dort wie in einem großen Bienenhaus, und der Geschmack des Honigs erinnert an die Weiden, die den Bach säumen.
Die Gästezimmer liegen im oberen Stockwerk und sind über eine schmale Holztreppe erreichbar, die Torsten selbst erneuert hat. Jedes Zimmer hat ein Fenster zum Bach oder zum Hof. Die Zimmer zum Bach tragen die Geräusche des Wassers in den Raum, während die Zimmer zum Hof ruhiger sind und den Blick auf die Holzstapel und die kleinen Beete freigeben, die Lina pflegt. Die Einrichtung ist schlicht gehalten: ein Bett, ein Tisch, ein Regal, eine Lampe, die Torsten aus alten Metallteilen gebaut hat. In einigen Zimmern hängen Karten aus dem Olifantus‑Verlag, die Torben ausgewählt hat. Sie zeigen Flussläufe, Höhenlinien oder Orte, die mit Lauscha verbunden sind. Die Gäste nutzen sie oft, um ihre Tagesausflüge zu planen. Die Fenster lassen sich weit öffnen, sodass man den Geruch des Wassers und der Weiden im Raum hat. Die Türen schließen leise, weil Torsten die Scharniere regelmäßig ölt.
Wer in der Pension „Am Horchbach“ übernachtet, erlebt Lauscha nicht nur als Ort, sondern als Zusammenspiel von Menschen, Wasser und Wegen. Die Pension wirkt wie ein Teil des Dorfes, der sich nicht in den Vordergrund drängt, aber spürbar bleibt, sobald man den Hof betritt und den Bach hört, der seit Jahrhunderten denselben Weg nimmt.

