Der Gasthof „Zentohaus“ steht an der Uferstraße 6, wenige Schritte vom Zento entfernt, in einem zweistöckigen Fachwerkbau mit blauen Fensterläden in Lauscha. Das Haus wirkt, als hätte es sich über Jahrzehnte an den Fluss angepasst: Die Balken tragen Spuren früherer Hochwasser, und im Keller findet man noch die alten Eisenhaken, an denen einst die Flößer ihre Werkzeuge aufhängten. Die Geschichte des Gasthofs beginnt im Jahr 1894, als der Fischer Arwed Rautenberg das Gebäude von einem Steinmetz übernahm, der es ursprünglich als Lager für Flusssteine nutzte. Arwed richtete im Erdgeschoss eine einfache Schankstube ein, in der er Zander aus dem Zento verkaufte, den er morgens selbst fing. Sein Sohn übernahm später den Betrieb und baute ein kleines Obergeschoss an, in dem Reisende schlafen konnten, die mit Lastkähnen unterwegs waren. In den 1960er Jahren wurde der Gasthof modernisiert, ohne die alten Strukturen zu entfernen: Die Holzbalken blieben sichtbar, und die Küche wurde in den ehemaligen Geräteraum verlegt, dessen Wände noch heute leichte Kerben von den Werkzeugen der Flößer zeigen. Seit 2012 führt Selma Rautenberg das Haus, eine Enkelin des Gründers, die den Gasthof in eine Mischung aus traditionellem Treffpunkt und kulinarischem Anker für den Ort verwandelt hat.
Selma Rautenberg ist in Lauscha eine bekannte Figur. Sie arbeitet an zwei Tagen pro Woche als Vermessungstechnikerin im Olifantus‑Verlag und verbringt den Rest ihrer Zeit im Zentohaus, wo sie zwischen Küche, Tresen und Flussufer pendelt. Sie trägt meist eine Schürze mit kleinen Flecken von Kräutern, weil sie ständig Proben aus dem Garten hinter dem Haus holt. Ihre Art ist direkt, und sie hat die Angewohnheit, Gästen beim Erzählen kurz auf die Schulter zu tippen, wenn sie etwas betonen will. Viele behaupten, sie könne am Geschmack eines Fisches erkennen, aus welchem Abschnitt des Zento er stammt. Sie selbst sagt, das sei übertrieben, aber niemand glaubt ihr so recht. Wenn sie abends im Gastraum steht, hört man oft ihr kurzes Lachen, das durch die Balken hallt und selbst die Gäste am hintersten Tisch erreicht.

Die Speisekarte des Zentohauses ist übersichtlich, aber präzise zusammengestellt. Der Zander in Kräuterkruste stammt aus einem Abschnitt des Flusses, den Selma seit ihrer Kindheit kennt. Die Flusskrebssuppe wird in einem schweren Topf gekocht, der noch aus der Zeit ihres Großvaters stammt. Der „Zento‑Teller“ kombiniert geräucherten Aal und gebratenen Barsch, eine Zusammenstellung, die ursprünglich für die Flößer gedacht war, die nach langen Fahrten etwas Kräftiges brauchten. Neben diesen traditionellen Gerichten finden sich Angebote, die Selma aus ihren Reisen übernommen hat: Mangolassi, den sie in einer kleinen Küche in Petra kennengelernt hat; thailändischer Glasnudelsalat mit Garnelen, den sie nach einem Rezept einer ehemaligen Kollegin aus dem Verlag zubereitet; und Entenbrust mit Orangensauce und Kartoffelgratin, die sie nur an Wochenenden anbietet, weil die Zubereitung Zeit braucht. Die Getränkekarte enthält neben Bier aus Ferkelau auch einen Kräutertrunk, den Selma aus Pflanzen vom Horchbach mischt. Die Öffnungszeiten sind klar: täglich 11:30–22:00 Uhr, montags Ruhetag.
Das Zentohaus ist eng mit vielen Menschen und Institutionen in Lauscha verbunden. Mitarbeitende des Olifantus‑Verlags sitzen oft mittags an den Tischen, weil der Weg vom Verlag nur wenige Schritte beträgt. Pfarrerin Livia Mertens bringt nach den Abendandachten am Fluss manchmal eine kleine Gruppe aus der Gemeinde mit, die sich im Gasthof aufwärmt. Der Bootsverleiher Jorek Sandmann erzählt dort regelmäßig von neuen Beobachtungen am Fluss, und die Lehrerin Ruth Eberlein nutzt den Gastraum gelegentlich für Treffen des Schulvereins. Selbst das Heimatmuseum ist mit dem Gasthof verbunden: Der pensionierte Lehrer Hanno Brecht, dessen Modelle alter Flussschiffe dort ausgestellt sind, sitzt oft am Fensterplatz und erklärt Besuchern, wie die Flößer früher den Zento hinabfuhren. Die Imker vom Horchbach liefern Honig für ein kleines Dessert, das Selma nur auf Nachfrage serviert. Und wenn die Laienspielgruppe von Mira Kallweit im Sommer probt, treffen sich die Darsteller nach den Proben im Zentohaus, um ihre Rollen zu besprechen.
So ist der Gasthof „Zentohaus“ nicht nur ein Ort zum Essen, sondern ein Knotenpunkt, an dem sich Geschichten, Arbeit und Alltag des Dorfes kreuzen. Wer dort sitzt, hört Gespräche über den Fluss, über neue Karten aus dem Verlag, über die Kirche St. Venera oder über die Kinder der Grundschule, die gerade ein Theaterstück einstudieren. Das Zentohaus ist ein Ort, an dem Lauscha zusammenkommt – nicht laut, nicht aufdringlich, sondern in einem Rhythmus, der sich aus dem Fluss, den Menschen und der langen Geschichte des Hauses ergibt.

