Somm (Pop.: 784 – 201m NN)

Es ist ein Ort, den man leicht übersehen könnte, wenn man mit der Kornutalbahn durch das flache Vorland des Zentralmassivs fährt. Ein kurzer Blink, ein paar rot-braune Dächer hinter einer Pappelreihe, dann ist er auch schon wieder vorbei. Aber Somm ist mehr als nur eine flüchtige Silhouette. Eingebettet zwischen den Deichen des Flusses Kornu und dem sanft ansteigenden Hinterland, das Richtung Whisperwood und Zaubernebelhain langsam dichter und unergründlicher wird, lebt das Dorf seinen eigenen Rhythmus. Wer hier aussteigt, spürt sofort die besondere Mischung aus jahrhundertealter Behäbigkeit und modernem, fast futuristischem Aufbruch.

Der Name „Somm“ ist kurz, knapp und klingt nach Sonne. Und tatsächlich erzählt man sich im Ort eine hübsche Anekdote über den Ursprung. Einer alten Aufzeichnung im Pfarrarchiv zufolge, die der Heimatforscher Theodor Wengraf vor Jahren entzifferte, nannten die ersten Siedler das Fleckchen Land „An de Sunn“, weil es am südlichen, sonnenexponierten Ufer des Kornu lag und die Winter dort weniger streng waren als im schattigen Tal weiter flussaufwärts. Aus „An de Sunn“ wurde über die Jahrhunderte „Sunn“ und schließlich das heutige, klare „Somm“. Ein Name, der Versprechen ist: Es ist einer der wärmsten Orte im ganzen Kornutal.

Genau diese Wärme und die Nähe zum Wasser sind es, die das Leben hier bestimmen. Das Institut für Biomechanik und Bewegungswissenschaft hat sich nicht zufällig hier angesiedelt. Im ehemaligen Wirtschaftstrakt eines großen Vierseithofs am südlichen Ortsrand, in der Stiller-Weg-Straße 8, forscht ein Team um die renommierte Professorin Dr. Elisa Brenner an den grundlegenden Bewegungsabläufen von Mensch und Tier. Von hier aus beobachtet man mit hochempfindlichen Kameras die Schafe, die ganzjährig auf den saftigen Deichen am Kornu unterwegs sind. Es ist ein kurioser, aber durchaus typischer Anblick für Somm: Während auf der einen Seite des Flussdeichs die Herde des Schäfers Henrik Voss friedlich grasen, filmt auf der anderen Seite ein Doktorand der Biomechanik jeden einzelnen Tritt.

Noch futuristischer geht es bei der PhotonLighting Systems AG zu, die in einer schlichten, aber hochmodernen Halle an der B53, kurz vor der Ortseinfahrt von Norden, hochspezialisierte Beleuchtungssysteme für die Industrie entwickelt. Ihre bläulich-weißen Teststrahler erhellen nachts manchmal den ganzen Himmel über Somm, was die Bewohner des Nachbardorfs Wildeck nicht selten mit einer optischen Täuschung verwechseln.

Doch das Herz des Dorfes schlägt noch immer an der alten, fast tausendjährigen Feldsteinkirche. Sie steht leicht erhöht an der Kirchgasse, umgeben von einem verwunschenen Friedhof mit moosbewachsenen Steinen, auf denen Namen wie „Mühlstein“, „Fährmann“ und „Deichgraf“ stehen. Ihre Architektur ist von schlichter, romanischer Strenge: Grobe, unbehauene Feldsteine fügen sich zu einem massiven Mauerwerk, der gedrungene Turm ist kaum höher als das Kirchenschiff. Im Innern jedoch offenbart sich eine Überraschung. Ein moderner, schwebender Altar aus hellem Birkenholz, entworfen von dem Zentroer Künstler Lucian Feininger, kontrastiert wunderbar mit der rauen Steinwand. Hier hält Pastorin Maria Madsen, die auch für die Flecken Altmühlen und Petegut zuständig ist, jeden Sonntag um 10:00 Uhr einen Gottesdienst, bei dem die Gemeinde – meist nicht mehr als dreißig ältere Damen, der Bürgermeister Rolf Domberg und ein paar neugierige Wanderer – eng zusammenrückt.

Das gesellschaftliche Leben spielt sich zum großen Teil in den beiden Gasthäusern des Dorfes ab. Da ist zum einen die legendäre Bahnhofsgaststätte, direkt am kleinen, aber gepflegten Bahnhof Somm (Linie BZF110). Hier, wo die Züge stündlich nach Kornutal und Kornumünde fahren, serviert Wirtin Gunda Kroll seit über dreißig Jahren deftige Brotzeiten. Ihr „Deichgrafen-Schnitzel“ mit Spiegelei und Bratkartoffeln ist eine Institution. Die zweite Adresse ist die Pension „Zum Sommertal“ in der Dorfstraße 17, die von der Familie Tornow geführt wird. Es gibt keine luxuriösen Suiten, sondern einfache, blitzblanke Zimmer mit Blick auf den Kornu. Das dazugehörige Restaurant ist berühmt für seine Forelle nach Müllerin-Art, die die Hausherrin Eva Tornow persönlich beim örtlichen Fischer Holm Janneck kauft. Für den täglichen Bedarf gibt es den kleinen Supermarkt „Kornu-Korb“ , der von der freundlichen Tamina Skiba geführt wird und alles Nötige bereithält, vom frischen Brot bis zur Zahnpasta.

Doch der wahre Reiz von Somm liegt nicht im Dorf selbst, sondern in den Wegen, die von hier aus in die mystische Landschaft ringsherum führen. Die Region ist durchzogen von einem gut ausgeschilderten Netz an Verbindungen. Über die B53 erreicht man in wenigen Minuten Kornuschleuße, und die Nebenstraßen Z-10 und Z-11 öffnen das Tor nach Teistig und Wildeck. Besonders reizvoll ist der Feldweg nach Westen, auf dem man mit dem Rad in ca. einer Stunde Zentofeld erreicht. Von all diesen Ausflugszielen ist jedoch eines das bedeutendste: Der Zaubernebelhain.

Dieser kleine, etwa zwölf Kilometer südöstlich von Somm gelegene Wald ist ein Ort der Sagen. Ein feiner, kühler Dunst hüllt die knorrigen Eichen und Buchen das ganze Jahr über in ein geheimnisvolles Licht. Die Alten erzählen, dass hier Kräfte wirken, die sich jeder rationalen Erklärung entziehen. Der Wanderweg von Somm zum Hexentisch ist das Tor zu dieser Welt. Er führt zunächst durch das Blinkitztal, ein schmales, feuchtes Wiesental, das im Frühling in einem Meer von gelben Sumpfdotterblumen erstrahlt, bevor er allmählich ansteigt und in den Dunst des Hains eintaucht. Mitten im Wald erhebt sich der Hexentisch – ein seltsam geformter Felsen, der wie ein steinerner Altar aussieht. Wenn man den Weg fortsetzt, erreicht man nach einer weiteren, etwas beschwerlichen Stunde die beiden einsamen Flecken, die zur Gemeinde Somm gehören: Altmühlen und Petegut.

Altmühlen (14 Einwohner) ist nicht viel mehr als ein Haus, aber was für eines! Die voll funktionsfähige Wassermühle aus dem 17. Jahrhundert in der Talstraße 1 ist ein Juwel. Müller Klaus Behrendt lässt hier noch heute für die umliegenden Höfe Korn zu feinem Mehl vermahlen. Das hölzerne Mühlrad knarrt und ächzt im Takt des Wassers, ein hypnotischer Klang, der den Ort für immer in der Zeit einzufrieren scheint.

Noch eine Meile weiter oben, am Rande des Dunstwaldes, liegt Petegut (neun Einwohner). Das Anwesen von Annelie und Gunnar Festersen ist ein reiner Ziegenhof. Die weißen und braunen Tiere grasen auf den steilen, nebligen Hängen, was ihrem Käse eine einzigartige, leicht erdige Note verleiht. Der „Petermännchen“ , ein halbfester Ziegenkäse mit einer dünnen, essbaren Rinde, ist über die Grenzen Zentravias hinaus berühmt. Auf dem kleinen Hoffladen der Festersens kann man ihn erwerben – wenn man den weiten Weg von Somm aus auf sich nimmt.

Die beste Zeit, um nach Somm zu reisen, ist der späte Frühling oder der frühe Herbst. Im Mai, wenn die Obstbäume im Blinkitztal blühen, ist die Luft schwer von süßem Duft. Im September hingegen, wenn der erste Nebel über den Kornu-Deichen kriecht und die Schafe von Henrik Voss mit ihren Glocken ein leises, melodisches Konzert geben, zeigt sich der Ort von seiner melancholischsten, aber auch schönsten Seite. Wer dann am Abend in der Pension „Zum Sommertal“ sitzt, ein Glas des herb-süßen Mostes aus den umliegenden Obstgärten trinkt und den Lichtern der PhotonLighting-Fabrik zusieht, die wie ferne, künstliche Sterne am Horizont leuchten, der wird verstehen, warum Somm mehr ist als nur eine flüchtige Silhouette am Fenster einer vorbeirasenden Bahn.


Verkehrsverbindungen:
Bahn: Kornutalbahn (BZF110) stündlich 6:31-21:31 nach Kornutal, 6:44-21:44 nach Kornumünde
Straße: B53 (SW: Kornu 12km, N: Kornuschleuße 6km), Z-10 (O: Teistig 13km); Z-11 (S: Wildeck 15km); Feldwege (W: Zentofeld 15km, NW: Röxe 9km); Waldweg durch den Whisperwood (NO: Forstdorf 12km); Straße zum Zaubernebelhain (SO: Altmühlen 9km, Petegut 11km)