Petegut

(Pop.: 9 – 383m NN)

Noch einen knappen Kilometer oberhalb von Altmühlen, auf 383 Metern Höhe, wo der Wald des Zaubernebelhains dichter wird und die Bäume ihre Äste wie neugierige Finger über den Weg strecken, liegt Petegut. Neun Menschen leben hier, aber eigentlich könnte man sagen: Es sind acht Menschen und eine Herrscherin. Denn wer den Hof betritt, dem fällt sofort auf, wer hier das Sagen hat: Ziegenkönigin Brunhilde, eine stattliche weiße Geiß mit schwarzen Augenringen und einem unverwechselbaren Charakter. Sie steht am Gatter, mustert jeden Besucher misstrauisch und entscheidet, ob er würdig ist, ihren Hof zu betreten.

Das Anwesen selbst ist ein stattlicher, dreiseitig geschlossener Gutshof aus gelbem Sandstein, dessen Gebäude sich um einen gepflasterten Innenhof gruppieren. In der Mitte plätschert ein alter Ziehbrunnen, um den herum sich die Ziegen – etwa sechzig an der Zahl – an warmen Tagen zum Dösen versammeln. Geführt wird Petegut von Annelie Festersen und ihrem Mann Gunnar, beide Ende vierzig, beide mit wettergegerbten Gesichtern und kräftigen Händen. Annelie ist die Käsemeisterin, Gunnar der Ziegenhirt. Ihre Tochter Lene, 19 Jahre alt, studiert in Zentro Agrarwissenschaften, kommt aber jedes Wochenende zurück, um zu helfen – und um den Käse zu essen, sagt sie lachend.

Berühmt ist Petegut weit über die Grenzen Zentravias hinaus für seinen Ziegenkäse „Petermännchen“ , ein halbfester, mild-würziger Käse mit einer dünnen, weißen Edelschimmelrinde. Das Geheimnis, so verrät Annelie Festersen Besuchern mit einem Augenzwinkern, liege nicht nur in der Rezeptur, sondern im Futter. Die Ziegen grasen auf den steilen, nebligen Hängen direkt am Rande des Zaubernebelhains. Das Gras dort ist kürzer, würziger und von feinen Wasserpartikeln des ständigen Dunstes überzogen. „Der Nebel gibt den Kräutern etwas“, sagt Annelie. „Eine leichte Bitternote, die im Käse zu einer wunderbaren Nussigkeit wird.“ Wer das „Petermännchen“ probiert, wird ihr recht geben: Es schmilzt sanft auf der Zunge und hinterlässt ein überraschend langes, erdiges Aroma, das an Pilze und frische Haselnüsse erinnert.

Der kleine Hofladen in der ehemaligen Scheune ist täglich von 10 bis 17 Uhr geöffnet – außer mittwochs. Hier gibt es nicht nur den berühmten Käse in drei Reifegraden, sondern auch Ziegenjoghurt, Ziegenfrischkäse mit Kräutern aus dem eigenen Garten und manchmal, wenn die Festersens gute Laune haben, selbst gemachte Ziegenmilchseife. Die Preise sind fair, die Beratung herzlich. Wer Glück hat, trifft auf Ole van der Meer, den einzigen nicht zur Familie gehörenden Bewohner Peteguts. Der 68-jährige ehemalige Schiffsingenieur aus Bierona hilft seit fünf Jahren bei der Stallarbeit und erzählt jedem, der es hören will, Geschichten vom Meer – die sich auf einem nebligen Berg mitten im Zentralmassiv surreal anhören.

Die Landschaft um Petegut ist von stiller, fast unheimlicher Schönheit. Direkt hinter dem Hof beginnt der Zaubernebelhain in seiner dichtesten Form. Moosbewachsene Felsblöcke, knorrige Buchen und ein Licht, das immer irgendwie dämmerig bleibt. Ein schmaler, unmarkierter Pfad führt von Petegut aus in etwa zwanzig Minuten zum Hexentisch hinunter – ein beliebter Kurzausflug für Gäste, die den Weg von Somm heraufgewandert sind. Die Festersens bieten keine Übernachtungsmöglichkeiten an, aber wer höflich fragt, darf manchmal auf einer Holzbank im Innenhof sitzen, ein Stück „Petermännchen“ essen, den Ziegen beim Blöken zuhören und auf den Nebel warten, der unweigerlich am späten Nachmittag aus dem Wald kriecht. Dann wird Petegut zur Insel in einem weißen Meer – und man versteht, warum neun Menschen hier oben geblieben sind.