(Pop.: 983 – 17m NN)

Wer mit der stündlichen Stammbahn ankommt, steigt in Tümplo nicht an einem Bahnhof im klassischen Sinn aus, sondern an einem schmalen Bahnsteig mit einem Windschutz aus Glas und Metall, einem Fahrplankasten und einem Kiesstreifen, der in nassen Wochen gern die Schuhe mitnimmt. Hinter der Trasse liegt flaches Land, davor zieht sich das Dorf in einer Linie entlang der Hauptstraße. Auf 17 Metern über dem Meer steht Tümplo so niedrig, dass man das zwei Kilometer entfernte Mare Internum manchmal eher hört als sieht: ein gedämpftes Rollen, wenn der Wind von der Küste herüberkommt und sich in den Höfen verfängt. Knapp tausend Menschen leben hier, 983 sind es offiziell, und fast jeder kennt die Stellen, an denen sich nach einem Schauer Wasser in Mulden sammelt und die Wege dunkel färbt.

Der Ort wirkt, als sei er aus Bewegungen entstanden: morgens der Berufsverkehr Richtung Butha und Tosental auf der B4, mittags die Fahrräder, die aus den Seitenwegen auf die Hauptstraße stoßen, am späten Nachmittag die Rückkehr der Lieferwagen und Transporter, die Brot, Tierfutter, Pakete und manchmal auch neue Fensterrahmen bringen. Tümplo hat ein paar kürzere Abzweige, die die Bewohner eher nach dem Ziel benennen als nach dem Schild. Wer „zum Küstenwald“ will, meint den Weg, der am Ende der Häuserreihe in einen Streifen aus Kiefern und niedrigem Gebüsch führt; wer „zur Bahn“ sagt, meint die Bahnhofstraße, wo die Garagentore meist offen stehen und man in Werkstätten hineinsehen kann: Reifenstapel, Netzkisten, ein halb zerlegter Außenborder auf einer Holzpalette. Der Feldweg nach Nospunkt beginnt unscheinbar zwischen zwei Höfen, erst Schotter, dann Sand, und im Sommer steht dort oft ein handgeschriebener Hinweis: „Bitte langsam – Hühner“.

Beim Namen sind die Tümploer empfindlich und gleichzeitig locker. „Tümplo“ klingt für Fremde, als müsse man am Ende noch etwas verschlucken, und genau darüber gibt es eine Erzählung, die in mehreren Varianten kursiert. Mal heißt es, ein Vermesser habe den Ort ursprünglich „Tümpelau“ notiert, weil hinter den ersten Häusern flache Wasserlöcher lagen, in denen sich Frösche und Mücken trafen; mal soll ein Schreiber im Amt die Endung falsch verstanden und „-o“ gesetzt haben, weil der Fischer, der ihm den Namen diktierte, gerade auf einem Pfeifchen herumkaute. In den Küchen wird dazu gern gelacht, aber in der Praxis ist der Name nützlich: Wer „Tümplo“ sagt, meint eben nicht den Strand, nicht den Wald, nicht den Durchgangsverkehr, sondern die Siedlung dazwischen, die sich über Generationen zwischen Küste und Landstraße eingerichtet hat.

Von dieser langen Einrichtung erzählt die Kirche, die an einem kleinen aufgeweiteten Stück der Hauptstraße steht. Sie ist das Gebäude, auf das man in Tümplo zeigt, wenn man erklärt, wo etwas ist: „gegenüber der Kirche“, „hinter der Kirche“, „zwei Häuser weiter von der Kirche“. Der Turm ist nicht hoch, aber er ist sichtbar genug, um im Winternebel als grauer Block zu erscheinen, und im Sommer hängt manchmal ein leichter Salzfilm auf den Fensterbänken. Im Inneren steht viel Holz: Bänke, Empore, ein schmaler Taufständer. In der Ecke hängt ein Votivschiff, das nicht geschniegelt wirkt, sondern benutzt: an der Reling ein kleiner Riss, am Mast eine ausgeblichene Schnur. Die Küstenorte in Landauri tragen ihre Seefahrt nicht als Museum, sondern als Alltagswissen, und Tümplo ist da keine Ausnahme.

Dorfkneipe „Zum Küstenblick“ in Tümplo
Dorfkneipe „Zum Küstenblick“ in Tümplo

Direkt gegenüber liegt die Dorfkneipe „Zum Küstenblick“, und es ist kein Zufall, dass zwischen Kirchentür und Kneipentür nur wenige Schritte liegen. Wer am Sonntag aus dem Gottesdienst kommt, verschwindet nicht sofort in die Häuser, sondern bleibt kurz stehen, schaut, wer da ist, und geht dann auf ein Gespräch hinüber, das oft im „Küstenblick“ endet. Die Kneipe öffnet täglich gegen Mittag und schließt erst am späten Abend; der Wirt Anders Bjornsson, der vor über einem Jahrzehnt aus Sturmland nach Tümplo gekommen ist, steht oft selbst hinter dem Tresen. Er hat die Küche breiter aufgestellt, als man es in einem Dorf dieser Größe erwartet: neben bodenständigen Tellern tauchen Gerichte wie Rote-Bete mit Käse oder ein Quinoa-Salat auf, und am Nebentisch steht genauso selbstverständlich eine panierte Hähnchenbrust mit Spaghetti. Vor allem aber reden die Leute über Bier, weil die Karte mehr kann als „hell oder dunkel“. Bjornsson lässt gern probieren, erklärt Herkunft und Bitterkeit, und wenn der Laden voll ist, ruft er Bestellungen in einem Ton, der eher nach Hafen als nach Gaststube klingt.

Klaus Schneider

An einem der Tische sitzt an manchen Tagen Klaus Schneider, Jahrgang 1965, Fischer und jemand, der im Dorf als Maßstab für „kennt das Wasser“ gilt. Er arbeitet draußen auf dem Mare Internum, aber er ist nicht der Typ, der das Meer romantisch verklärt; er spricht über Strömungen, über Zeiten, in denen der Fang mager ist, über Stellen, an denen Müll hängenbleibt, und darüber, wie man ein Netz flickt, ohne dass die Maschen später ausreißen. Wenn in Tümplo Strandreinigungen organisiert werden oder das kleine Fischfest auf dem Platz vor der Kneipe ansteht, ist Schneider meistens einer derjenigen, die früh da sind und später noch die Kisten zurücktragen. Besucher geraten mit ihm schnell ins Gespräch, weil er Fragen beantwortet, ohne daraus eine Vorführung zu machen.

Marta Berger

Ein paar Straßen weiter, dort wo die Gärten dichter werden und die Hecken höher, pflegt Marta Berger ihren Blumengarten. Sie ist 1991 geboren und wird im Dorf fast immer mit dem Beinamen genannt, den man ihr irgendwann gegeben hat: die „Blumenzauberin“. Wer ihn hört, erwartet Kitsch; wer vor dem Gartenzaun steht, sieht eher Arbeit. Beete sind in Reihen gesetzt, die Wege mit Split befestigt, und an windigen Tagen klappern kleine Holzlatten, die als Windschutz dienen. Berger öffnet den Garten regelmäßig, nicht als offizielles Event mit Eintritt, sondern nach dem Prinzip „Tür auf, wer will, kommt rein“. Dann stehen auf einem Tisch vor dem Haus Gläser mit Samen, kleine handbeschriftete Tütchen, Stecklinge in Töpfen, und jemand aus der Nachbarschaft bringt Kuchen vorbei. Die Gespräche drehen sich um Schnecken, um Boden, um Sorten, die mit Salzluft klarkommen, und um die Frage, welche Blumen in diesem Jahr in der Kirche am Altar stehen sollen.

Arbeit in Tümplo ist selten spektakulär, aber sichtbar. Morgens fahren Leute zur Schicht oder ins Büro nach Butha, andere bleiben im Ort: eine kleine Kfz-Werkstatt nahe der Bahn, ein Bootsschuppen am Rand des Küstenwaldes, wo Außenborder geprüft werden, ein Betrieb, der Netze, Seile und einfache Beschläge verkauft und Reparaturen annimmt. Dazu kommen die typischen Strukturen eines Dorfes mit Durchgangsstraße: ein Dorfladen mit Postagentur, in dem neben Brot und Milch auch Schrauben, Gummistiefel und Karten für den Bus verkauft werden; eine Bäckerei, die früh öffnet und mittags schon wieder ausdünnt; ein kleiner Friseur, bei dem Termine oft „zwischen zwei Kunden“ entstehen. Medizinisches läuft reduziert: einmal in der Woche Sprechstunde einer Hausärztin im Nebenraum des Gemeindehauses, Rezepte und Überweisungen per Abholung im Laden, und die Apotheke kommt mit dem Lieferdienst aus Butha zurecht.

Die Schule ist klein genug, dass man die Pausenglocke auch am Rand der Hauptstraße hört. Der Sportplatz liegt etwas abseits, damit die Bälle nicht ständig auf Autos rollen; nachmittags trainieren dort Kinder, während Eltern am Zaun stehen und über Wetter, Arbeit und Fahrgemeinschaften reden. Die Freiwillige Feuerwehr ist ein eigener Kosmos: Wer neu zuzieht, lernt sie spätestens kennen, wenn im Herbst Sturmböen Äste auf die Straße legen oder im Winter ein Dach abgedichtet werden muss. Im Kalender sind die festen Punkte schnell gefunden: ein Ernteabend im Gemeindehaus, ein Sommernachmittag im Küstenwald mit Spielen für Kinder, und das Fischfest, bei dem Klaus Schneider mit anderen am Räucherofen steht und Anders Bjornsson später die letzten Gäste aus der Kneipe winkt.

Für Reisende ist Tümplo kein Ort, den man „abarbeitet“, sondern einer, den man benutzt: als Basis, als Zwischenhalt, als Ecke, in der man versteht, wie Land und Meer hier ineinandergreifen. Wer am frühen Morgen durch den Küstenwald geht, kommt an Stellen vorbei, an denen der Boden sandig wird und die Kiefern schmaler stehen. Dahinter liegt das Mare Internum, manchmal glatt, manchmal mit kurzen Wellen, und das Dorf bleibt als Reihe von Dächern zurück. Übernachten lässt sich in privaten Zimmern und kleinen Pensionen, oft mit Schlüsselausgabe nach Absprache; die Kneipe weiß in der Regel, wer gerade ein freies Bett hat. Am Abend, wenn die SB1001 wieder Richtung Butha fährt und die B4 leiser wird, schiebt Tümplo den Tag zusammen: Kirchenlicht aus, Kneipenfenster an, und irgendwo klappert in einer Werkstatt noch ein Werkzeug, weil jemand „nur schnell“ etwas fertig machen will.

B.: SB1001 stündlich 7:15 – 22:15 nach Butha, 6:15 – 22:15 nach Ackero

Ch.: B4 (NW: Tosental 6km, O: Butha 13km); BT20 (W: Badeweg); Feldweg nach Nospunkt