Die Auenwolle Schittingen eG ist eine der ältesten und eigenständigsten landwirtschaftlichen Verarbeitungsgenossenschaften des Seelandes. Ihr Sitz liegt am Südrand von Schittingen, einem Dorf im Tal des Zajinbachs, umgeben vom dichten Schittinger Auenwald. Die Genossenschaft wurde 1923 gegründet – damals als Zusammenschluss von sechs Schäfern und zwei Webern, die erkannten, dass sich die Wollverarbeitung in der feuchten, wasserreichen Landschaft nur gemeinschaftlich bewältigen ließ. Heute gilt die Auenwolle als Modellbetrieb für regionale Kreislaufwirtschaft und handwerkliche Beständigkeit. Das Gelände liegt direkt am Bachufer, wo sich das klare Wasser staut und in kleinen Rinnen verteilt. Hier, zwischen Erlen, Bretterstegen und Dampf, findet man das Herzstück der Genossenschaft: die Waschhalle, das Sortierhaus und die Trockenscheune – drei flache, längliche Gebäude aus rotem Ziegel und Wellblech, verbunden durch Holzstege und kleine Überdachungen. Zwischen ihnen hängt Wäsche aus Wolle: graue Strähnen, gedrehte Kordeln, aufgefasste Vliese. Der Geruch nach Seifenlauge und feuchter Wolle prägt den Ort seit Generationen.

In den Jahren nach den Bürgerkriegen war die Schafhaltung im südwestlichen Seeland bedroht: zu geringe Absatzpreise, zu hohe Transportkosten, zu wenig Verarbeitung vor Ort. Die Schäfer von Schittingen beschlossen, ihre Kräfte zu bündeln. Der alte Schulschuppen am Bach wurde zum ersten Wollwaschplatz, beheizt mit einem Ofen aus einem umgedrehten Torfkessel. Die Wolle wurde in Bottichen mit warmem Wasser gewaschen und anschließend im Wind getrocknet. Schon damals lieferte die Feuchtigkeit der Aue ideale Bedingungen – sie verhinderte das Brechen der Fasern und sorgte für gleichmäßiges Trocknen. In den 1950er Jahren entstand das erste größere Gebäude: die heutige Waschhalle mit ihren drei Blechwannen und dem kleinen Schornstein. Hier wird das Wasser über Holzfeuer erhitzt, das noch immer aus dem nahen Auenwald stammt. Der Prozess hat sich kaum verändert: Die Rohwolle wird in Drahtkörben in das 50 bis 60 Grad warme Wasser getaucht, in dem Seife und Soda beigemischt sind. Die Arbeiterinnen bewegen die Körbe mit langen Stangen, und über Stunden steigt der feine Lanolindampf in die Luft. Dieses natürliche Wollfett wird aufgefangen, geklärt und an Seifenmacher in Papierstedt verkauft – ein Nebenprodukt, das längst zur Marke gehört.

Die Sortierhalle nebenan ist der ruhigste Raum. Auf langen Holztischen liegt die getrocknete Wolle, geordnet nach Farbe und Faserstärke. Schittinger Wolle ist bekannt für ihre hellgraue bis silbrige Färbung, ein Erbe der Auenweiden, deren Kräuter und Mineralien die Faser beeinflussen. Die Sortiererinnen erkennen mit einem Griff, welche Partie zu Garn taugt und welche für Matten oder Dämmmaterial genutzt wird. Die feinsten Vliese gehen an das Werk „Vier Mühlen – Tuch & Strick“ in Papierstedt, wo sie zu Garnen und Walkstoffen weiterverarbeitet werden.

In der Kardierhalle, die 1987 erbaut wurde, laufen vier Maschinen, deren rotierende Trommeln die Fasern parallel ausrichten. Hier entstehen die typischen kardierten Bänder – breite, weiche Stränge, die von den Spulen hängen wie graue Schleifen. Wenn die Sonne durch die Fenster fällt, glitzern feine Faserstaubpartikel in der Luft, und der ganze Raum wirkt wie in Bewegung.
Die Auenwolle Schittingen ist Teil eines dichten, regionalen Wirtschaftssystems. Sie beliefert nicht nur Papierstedt mit Rohmaterial, sondern arbeitet eng mit dem Agrarverbund Seeland-Ebene Unterstrand eG zusammen. Der Mist der Schafherden wird als Dünger auf die Roggen- und Rübenfelder von Achthaus, Ulmdorf und Zajin gebracht. Diese geschlossene Kreislaufstruktur – Futter, Wolle, Mist, Flachs – macht die Genossenschaft zu einem Sinnbild seeländischer Nachhaltigkeit. Die Schafhaltung erfolgt gemeinschaftlich. Acht Herden mit insgesamt etwa 900 Tieren grasen auf den Auenflächen, die der Genossenschaft gehören oder gepachtet sind. Im Sommer zieht der Schäfer Henrik Laabs mit seiner Herde durch den Seelandwald bis an den Grenzsee, im Winter stehen die Tiere in Stallungen bei Schittingen. Jede Herde trägt das Zeichen der Genossenschaft: zwei ineinanderliegende Kreise, eingebrannt auf Holztafeln an den Zauntoren. Ein Teil der Wolle bleibt im Ort und wird in Handarbeit weiterverarbeitet. In der Spinnkammer stehen mehrere alte Spinnräder, an denen abends noch gearbeitet wird. Frauen aus Schittingen und Papierstedt fertigen Strickgarn, Socken und Handschuhe, die auf Märkten verkauft werden. Das bekannteste Produkt ist die „Auenjacke“, ein schlichtes, graues Wolljackett mit Flachsbesatz aus Faultierwald – Symbol für die enge Verbindung der Orte des Kreises Unterstrand.

Der Waschplatz am Bach: Das Bild des Waschplatzes gehört fest zum Dorf. Am frühen Morgen, wenn Nebel über dem Wasser liegt, dampft es über den Becken. Die Wolle, in Bündeln aus den Auen gebracht, wird ausgelegt, gespült, gewendet. Der Boden ist feucht, Holzstege führen zwischen den Bottichen hindurch. Wer den Steg betritt, riecht sofort die Mischung aus feuchtem Holz, Seife und Lanolin. An den Ufern wachsen Minze, Rohrkolben und Mädesüß, deren Duft sich mit dem Dampf mischt. Wenn das Wasser abgelassen wird, bleibt am Rand der Stege ein schillernder Film – ein feiner, goldener Rand aus Wollfett. Am Rand des Platzes steht ein kleiner Ofen, in dem das Spülwasser erhitzt wird. Der Brennstoff stammt aus Torfziegeln, die im Moor südlich von Ulmdorf gestochen werden – demselben Moor, das im Winter den Ofen der Kirche St. Gertrud am Teich in Unterstrand wärmt. So schließt sich ein weiterer Kreis: Das Feuer, das die Wolle reinigt, wärmt auch den Ort, der sie segnet.
Die Genossenschaft ist zugleich Arbeitgeber und sozialer Mittelpunkt. Fast jede Familie in Schittingen ist beteiligt – durch Arbeit, Anteil oder Verwandtschaft. Der Vorstand tagt monatlich im kleinen Büro über der Sortierhalle; der Raum riecht nach Kaffee und nasser Wolle. An der Wand hängt ein gerahmter Spruch aus den 1920er Jahren: „Ohne Hand kein Faden, ohne Faden kein Kleid, ohne Kleid kein Haus.“ Im Frühjahr findet das Waschfest statt – ein Tag, an dem der erste Waschtag des Jahres gefeiert wird. Die ganze Dorfgemeinschaft kommt zusammen, Brot wird gebacken, Lämmer werden gesegnet, und Kinder dürfen mit kleinen Schaufeln das Wasser schöpfen. Im Herbst folgt das Licht der Aue, wenn Kerzen auf den Stegen brennen und Laternen im Wasser treiben. Diese Bräuche haben keine offizielle Funktion, sie sind Ausdruck des dörflichen Gleichgewichts zwischen Arbeit und Leben. Viele der älteren Arbeiterinnen tragen noch die alten Schürzen aus grobem Flachs, die in Faultierwald gewebt wurden. Ihre Hände sind rau vom heißen Wasser, doch sie bewegen die Wolle mit einer Routine, die Generationen weitergegeben wurde. Die jüngeren Beschäftigten kommen aus Papierstedt und Zajin – manche übernachten im alten Wohnhaus neben der Waschhalle, das heute als Unterkunft dient.
Die Auenwolle Schittingen eG steht für das Zusammenspiel von Natur, Handwerk und Gemeinschaft im Seeland. Sie liefert nicht nur Rohmaterial, sondern auch Symbole: Das graue Wolltuch, das im Altarraum der Maria-Magdalena-Kirche in Zajin liegt, wurde hier gewebt. Es trägt ein eingewebtes Fischsymbol – eine Verbindung zwischen Wasser und Erde, Arbeit und Glauben. Jedes Jahr im Oktober wird das Tuch beim Erntedankgottesdienst in Zajin gezeigt und anschließend in Schittingen im Sortierhaus aufbewahrt. Im regionalen Bewusstsein hat die Auenwolle fast musealen Wert, ohne ein Museum zu sein. Besucher können Führungen buchen, die an den Wannen beginnen und mit einer Tasse Flachsbier aus Ulmdorf im Pausenraum enden. Doch der Betrieb arbeitet weiter, auch wenn niemand zuschaut – kein Schauhandwerk, sondern echtes Gewerbe.
Die Genossenschaft steht vor denselben Herausforderungen wie viele Betriebe im Seeland: Fachkräftemangel, schwankende Nachfrage, Konkurrenz durch synthetische Fasern. Doch ihr Vorteil liegt in der Eigenständigkeit. Sie produziert für einen klar definierten Markt – regionale Textilien, nachhaltige Baustoffe, Wollseifen – und pflegt eine Produktionsweise, die sich über Jahrzehnte bewährt hat. In der Planung ist derzeit eine kleine Ausstellungs- und Bildungsstätte über die Geschichte der seeländischen Schafhaltung. Dort sollen alte Geräte, Fotografien und Musterstücke gezeigt werden, ergänzt durch ein Archiv mit Aufzeichnungen aus den Anfangsjahren. In den Protokollbüchern von 1924 findet sich der erste Eintrag: „Waschen gemeinsam begonnen. Wasser klar, Hände warm.“ Dieser Satz beschreibt bis heute, was die Auenwolle Schittingen eG ausmacht – gemeinsames Arbeiten im Rhythmus des Wassers. Kein Ort des Fortschritts, sondern der Beständigkeit.

