
Das Gasthaus „Zum Rückenblick“ liegt an der Dorfstraße 14 in Worda. Die schweren, dunkel gebeizten Holztische des Gastraums sind an den Kanten von Generationen blank gescheuert, und die Bankpolster geben unter dem Gewicht eines Gastes mit einem leisen, vertrauten Zischen nach. Wer mittwochs bis sonntags zwischen elf und zweiundzwanzig Uhr die Tür mit dem handgeschmiedeten Rücken-Beschlag aufdrückt, den empfängt der Geruch von Bienenwachs, das auf dem großen Kachelofen in der Ecke schmilzt, vermischt mit dem harzigen Aroma des Drosenbiers, das hier vom Fass fließt.
Die Geschichte des Hauses beginnt nicht mit einem Baubeschluss, sondern mit einer Weggabelung. 1834 führte der alte Feldweg von Kreuzberg nach Norden hier über den Drosener Rücken, und ein gewisser Hanno Rück, seines Zeichens Fuhrmann, stellte fest, dass seine Pferde an dieser Stelle stets von selbst langsamer wurden, weil der Ausblick sie vielleicht ebenso gefangen nahm wie ihn. Er baute zunächst nur einen hölzernen Unterstand mit einer Feuerstelle, dann ein steinernes Haus mit zwei Räumen, und 1842 schenkte er das erste Bier aus. Die Erhebung, auf der das Haus steht, fällt nach Süden hin sanft ab, so dass der Blick tatsächlich an klaren Tagen das Glitzern des Mare Internum einfängt – daher der Name, den Rücks Enkelin Mathilde 1901 mit Nägeln und schwarzer Farbe auf ein Brett schlug, das noch heute hinter dem Tresen hängt.

Heute führt Silas Prochnow das Haus in vierter Generation, gemeinsam mit seiner Frau Leena, die den Service und die kleine Karte verantwortet. Silas ist ein Mann um die fünfzig, dessen Hände sowohl einen Bierhahn als auch einen Hobel sicher führen, denn er baut die Tische und Stühle des Gastraums in einer Werkstatt im Hof selbst. Leena, gelernte Köchin in der Kreisstadt, hat das Essen im „Rückenblick“ von der deftigen Fettbemme hin zu Gerichten entwickelt, die ohne großen Aufwand aus lokalen Produkten bestehen. Die beiden haben zwei Kinder; Tochter Ronja zapft an den Wochenenden, Sohn Enno mistet morgens den kleinen Stall mit den zwei Eseln aus, die hinter dem Haus auf einer Koppel stehen und von Kindern mit Karottenstücken aus der Küche gefüttert werden.
Die Speisekarte ist ein einziges, von Leena von Hand beschriebenes Blatt Papier, das zwischen Bierdeckel und Salzstreuer geklemmt wird. Wer mittags kommt, bekommt eine Mini-Quiche mit Spinat und Feta, deren Boden aus einem Vollkornteig besteht, den der Bäcker vom alten Backhaus am Ostrand des Dorfes jeden Morgen liefert. Abends wird ein Caesar Salad mit in Butter gebratenen Garnelen aufgetragen, die von einem Händler aus Kreuzberg stammen und zweimal pro Woche angeliefert werden. Der Mojito auf der Getränkekarte ist ein Zugeständnis an Leenas Vorliebe für Minze, die sie in einem Beet hinter dem Haus zieht; der braune Rohrzucker kommt aus der Mühle in Waldbeerenbach, und das Sodawasser sprudelt aus einem alten Siphon, den Silas von einem Trödelmarkt in Bierona mitgebracht hat.
Das Drosenbier der Genossenschaftsbrauerei, das exklusiv hier, im Dorfladen und direkt ab Brauerei verkauft wird, ist das eigentliche Rückgrat der Getränkekarte. Es schmeckt nach Tannenharz, eine alte Rezeptur aus der Zeit, als die Fässer noch mit Fichtenzweigen gereinigt wurden. Silas zapft es mit drei ruhigen Zügen, so dass die Krone genau zwei Finger hoch steht.
Die Pfarrerin Miriam Lohde aus Kreuzberg, die in St. Gorgonius die Gottesdienste hält, bestellt nach der Abendandacht am 10. August regelmäßig eine warme Mahlzeit im „Rückenblick“. Sie sitzt dann am Fensterplatz und liest, während sie isst, in ihrem Notizbuch. Der Kirchenchor probt einmal im Monat im Nebenzimmer, und die Sänger trinken hinterher ein Bier, das ihnen Silas auf ein Holzbrett stellt. Die Laienspielgruppe führt jedes Jahr im März ein Stück auf der kleinen Bühne im hinteren Gastraum auf; 2025 war es eine Kriminalkomödie, bei der der Bürgermeister den Kommissar spielte und im zweiten Akt eine echte Bierflasche der Brauerei als Requisite diente.
Die Genossenschaftsbrauerei selbst hält ihre Jahresversammlung im „Rückenblick“ ab, wobei der Braumeister grundsätzlich Wasser trinkt, was Silas mit einem stummen Nicken quittiert. Und wenn die Schüler der Wordaer Grundschule ihre Bachwerkstatt-Ergebnisse im Gemeindehaus präsentieren, geht der Erlös des anschließenden Kuchenverkaufs traditionell zur Hälfte an den Schulverein und zur anderen Hälfte in die Renovierung der Gaststube, deren historische Landkarten von 1831 im letzten Jahr mit Spendengeldern neu gerahmt wurden. Worda hat auf dieser Karte nur sieben eingezeichnete Höfe, und das Gasthaus ist bereits darunter.

