Halvard Einarsson wurde am 14. September 1963 in einem der ältesten Häuser von Tiefental geboren, einem Dorf mit 97 Einwohnern auf 508 Metern Höhe im Sturminselgebirge, wo der Viddelva-Fluss die Siedlung in zwei Hälften teilt. Das Haus, in dem er zur Welt kam, beherbergte bereits damals die Werkstatt, die seit über zwei Jahrhunderten im Besitz der Familie ist. Halvard war das jüngste von vier Kindern; seine Mutter Gunhild führte den Haushalt und verarbeitete in den Herbstmonaten Beeren zu Sirup, während sein Vater Einar als Bootsbauer am Hafen von Antlas arbeitete und an den langen Winterabenden in der Werkstatt mit Holz experimentierte. Von ihm lernte Halvard schon als Kind den Umgang mit Hobel, Stemmeisen und Ziehmesser.

Nach der Dorfschule in Tiefental, die damals aus einem einzigen Raum mit einem Kanonenofen bestand, besuchte Halvard ab 1977 die weiterführende Schule in Antlas. Den täglichen Weg von neun Kilometern legte er bei Wind und Wetter mit dem Fahrrad zurück, nur in den strengsten Wintern brachte ihn der Postkurier auf dem Traktor mit. Eine förmliche Lehre als Schreiner absolvierte er nicht; stattdessen lernte er das Handwerk direkt von seinem Vater und von Oskar Nyström, einem der bekanntesten Holzschnitzer (und Brauer) des Landkreises, in dessen Werkstatt am nördlichen Waldrand noch mit Techniken gearbeitet wurde, die seit Generationen überliefert waren. Von Nyström übernahm Halvard die Kunst, kunstvolle Masken und Schutzamulette zu fertigen, aber auch das Gespür dafür, welche Maserung eines Holzstücks sich für einen Teller, welche für einen Türrahmen eignete. Zwei Jahre verbrachte er zudem zwischen 1986 und 1988 in Darso an der Südküste, wo er bei einem Küfer in die Lehre ging und den Bau von Fässern und Bottichen aus Eichenholz erlernte – eine Fertigkeit, die ihm später bei der Herstellung seiner berühmten Räuchertonnen zugutekam.

1991 kehrte Halvard nach Tiefental zurück und übernahm die Werkstatt seines Vaters, der sich zunehmend auf die Reparatur von Fischerbooten im Hafen von Antlas konzentrierte. Die Werkstatt, ein langgestreckter Feldsteinbau mit Grassodendach, steht auf einer kleinen Anhöhe nahe der steinernen Bogenbrücke aus dem 18. Jahrhundert, die das Dorf überspannt. Hier fertigt Halvard seither Gebrauchsgegenstände, die im gesamten Landkreis geschätzt werden: Eschenholztische, Angelruten-Halterungen aus Birke, Truhen mit eisernen Beschlägen. Ein großer Teil seiner Arbeit besteht jedoch aus Aufträgen für die Räucherhäuser entlang der Hafengasse in Antlas, wo Kabeljau und Seeteufel verarbeitet werden. Halvards Räucherspäne-Mischung aus dreijährig getrocknetem Wacholder und Kiefernholz gilt unter Fischern als Geheimtipp. In den Monaten Januar bis März, wenn die Nachfrage nach Möbeln zurückgeht, schnitzt er Holzschilder für die Geschäfte in Antlas – darunter eines für Nyboms Süße Stube, dessen Schriftzug er mit Blattgold hinterlegte.

Zu den wenigen Menschen, denen Halvard sein volles Vertrauen schenkt, gehört Sverre Bjørnson, der zurückgezogen lebende Gelehrte, der in den Ruinen des Klosters Hjalmvik alte Pergamente restauriert. Die beiden Männer verbindet eine fünfzehnjährige Freundschaft, die an einem Oktoberabend im Gästehaus von Ingrid Solberg begann, als Sverre einen handgeschnitzten Kerzenhalter bei Halvard in Auftrag gab und die beiden bis tief in die Nacht über die Friesmuster der Wikinger diskutierten. Seither steigt Halvard jeden zweiten Sonntag den steilen, zwei Kilometer langen Pfad zum Kloster hinauf, bei Regen ebenso wie bei Schneefall, und bringt seinem Freund Brot von Ingrid Solberg sowie gelegentlich eine Flasche von Oskar Lundströms hellem, leicht bitterem Bier mit, das mit kaltem Quellwasser aus den Bergen gebraut wird. Sverre wiederum versorgt Halvard mit historischen Bauplänen von Wikinger-Langbooten und mittelalterlichen Holzverbindungen, die dieser in seine Arbeiten einfließen lässt. Auch zu Jorun Lagesdottir, der Holzschnitzerin vom nördlichen Waldrand, pflegt Halvard ein freundschaftliches Verhältnis; man tauscht Werkzeuge und gelegentlich eine selbstgebaute Hobelbank gegen geschnitzte Teller. Den Kontakt zu Oskar Lundström, dem Brauer, hält er weniger aus Geselligkeit als aus praktischen Gründen: Die Treber, die beim Brauen anfallen, nimmt Halvard als nährstoffreichen Dünger für seinen Gemüsegarten ab.

Halvards Tagesablauf folgt einem festen Rhythmus, der nur durch seine drei Leidenschaften unterbrochen wird. Das Angeln betreibt er seit seinem sechsten Lebensjahr, als ihm sein Vater eine selbstgebaute Rute aus Haselnussholz schenkte. Seine bevorzugten Stellen liegen am Viddelva oberhalb der Brücke, wo sich Bachforellen in den Strömungskanälen zwischen den Felsblöcken halten, sowie an der Flussmündung bei Antlas, wo er mit einem kleinen Ruderboot auf Seesaiblinge und gelegentlich einen Kabeljau hinausfährt. In der Werkstatt lagert eine Sammlung von über vierzig handgefertigten Kunstködern, die er in den Wintermonaten aus Balsaholz und Messingdraht fertigt. Das Schwimmen hingegen entdeckte er erst mit Mitte Vierzig für sich, als ihm die Heilkundige von Winoma nach einer Rückenverletzung durch einen Sturz vom Gerüst tägliche Bewegungsübungen im kalten Wasser verordnete. Seither schwimmt Halvard von April bis November jeden Morgen um sechs Uhr im in Tiefental angestauten Viddelva, etwa dreihundert Meter flussaufwärts von der Brücke entfernt, wo der Fluss eine knietiefe, von Kieseln übersäte Bucht bildet. Die Dorfbewohner haben sich an den Anblick gewöhnt; Besucher des Gästehauses hingegen erschrecken gelegentlich, wenn sie am frühen Morgen einen nackten weißhaarigen Mann mit einem Handtuch über der Schulter aus dem Nebel auftauchen sehen.

Die dritte und ungewöhnlichste seiner Gewohnheiten ist das Yoga, das Halvard seit dem Jahr 2000 praktiziert. Auslöser war ein zerfleddertes Taschenbuch über Hatha-Yoga, das ein durchreisender Wanderer im Gästehaus zurückgelassen hatte und das über Ingrid Solberg in Halvards Besitz gelangte. Zunächst belächelt, hält er seither jeden Abend bei Sonnenuntergang auf einer flachen Granitplatte hinter seiner Werkstatt eine halbe Stunde inne. Seine Yogamatte besteht aus gewachstem Segeltuch, das er mit einem Lederriemen zusammenrollt. Die stehenden Positionen, so sagt er, helfen ihm gegen die Verspannungen durch die einseitige Körperhaltung beim Hobeln, und die Atemübungen wendet er an, wenn er bei der Restaurierung von Kirchengestühl millimeter genaue Einlegearbeiten ausführen muss.

Was Halvard auf den Tisch kommt, bestimmen die Jahreszeiten. Von Oktober bis März isst er mittags fast täglich einen Eintopf aus geräuchertem Kabeljau, Kartoffeln, Möhren und Lauch, gewürzt mit Dill und einem Schuss saurer Sahne – eine Abwandlung des Kabeljau-Eintopfs, den es im „Klippenläufer“ in Winoma für neun Sturmlandtal gibt. Dazu trinkt er entweder Wasser aus dem klaren Quellbrunnen des Klosters Hjalmvik, den Sverre Bjørnson für ihn in einer Steinzeugflasche abfüllt, oder im Sommer ein selbst angesetztes Heidelbeerbier, dessen Rezept er mit Oskar Lundström entwickelt hat. An Festtagen gönnt er sich eine der Honigkaramellen aus Nyboms Süßer Stube in Antlas, die er mit einem Gläschen Aquavit hinunterspült. In den Sommermonaten, wenn die Temperaturen in der Werkstatt auf über dreißig Grad steigen, besteht sein Abendessen häufig nur aus einem Teller kaltem Räucherfisch, Roggenbrot von Ingrid Solberg und eingelegten Preiselbeeren, die er im Herbst im angrenzenden Wald sammelt.

Seit 2022 arbeitet Halvard an seinem bislang größten Projekt: einer originalgetreuen Nachbildung der geschnitzten Kirchentür des Klosters Hjalmvik, deren biblische Motive und heidnische Symbole er anhand von Sverres Pergamenten und Zeichnungen rekonstruiert. Das dreijährige Vorhaben soll im Herbst 2025 abgeschlossen sein; das fertige Türblatt wird im Museum für Sturminselgeschichte in Antlas ausgestellt werden, wo es künftigen Generationen von der Handwerkskunst des Sturminselgebirges erzählen soll. Halvard selbst plant, sich danach einem neuen Projekt zu widmen: dem Bau eines Schwitzhauses nach finnischem Vorbild am Viddelva-Ufer, mit einem Fundament aus Granitblöcken vom Klosterberg und einer Tür aus dem Holz einer zweihundertjährigen Kiefer, die der letzte große Herbststurm gefällt hat.