(Pop.: 748 – 47m NN)

Stellen Sie sich einen Ort vor, an dem sich der salzige Geruch des Meeres mit dem süß-herben Aroma von Sanddorn mischt, wo die Uhren etwas langsamer ticken und die Geschichte hinter jeder dicken Feldsteinmauer zu lauern scheint. Ein solcher Ort ist Anbucht, ein Dorf mit 748 Einwohnern, das sich, nur fünf Kilometer nordwestlich der Kreisstadt Stegstedt entfernt, wie ein Muschel an die Küste der Stegstedter Bucht geschmiegt hat.

Der Legende nach verdankt Anbucht seinen Namen einem alten Fischer, dem bei der ersten Sichtung der kleinen Bucht nur entfuhr: „An, was für eine Bucht!“ – eine Geschichte, die natürlich nicht verbürgt ist, aber wunderbar den unbeschwerten Charme dieses Ortes einfängt. Er liegt auf einer Höhe von 47 Metern über dem Meeresspiegel, und sein landschaftliches Herzstück ist die Mündung des Verdant Run. Der kleine, klare Bach entspringt tief im Hushwood auf dem Stegstedter Rücken und legt nach nur drei kurzen Kilometern, vorbei an dichten Wäldern und sonnigen Hängen, seine letzten Meter durch das Dorf zurück, um schließlich ins offene Meer zu strömen. Diese einzigartige Lage – zwischen dem schützenden Rücken des Hushwood und der unendlichen Weite des Mare Internum – macht das Klima in Anbucht besonders mild und beschert den Dörflern und Besuchern gleichermaßen viele sonnige Tage im Jahr.

Das absolute Highlight jeder Besichtigung ist die gewaltige mittelalterliche Wehrkirche aus dem 13. Jahrhundert. Schon von Weitem sind ihre massiven Ausmaße zu erkennen: dicke, schier uneinnehmbare Mauern und schmale, finstere Schießscharten, die an die unruhigen Zeiten der Wikingerüberfälle erinnern, als die Dorfgemeinschaft hier Schutz suchte. Es heißt, dass im Kirchturm noch heute bei Sturm die Geister der alten Wächter umgehen sollen – der Pastor, Magnus Thormann, lächelt zwar über solche Erzählungen, gesteht aber, dass selbst er manchmal eine Gänsehaut verspürt, wenn er nachts allein im Gebäude ist. Im Erdgeschoss des massigen Turms verbirgt sich ein wahres Kleinod: ein liebevoll eingerichtetes Heimatmuseum. Auf kleinstem Raum zeigt es eine faszinierende Sammlung von Alltagsgegenständen, von uralten Fischernetzen und hölzernen Werkzeugen der Seilerei bis hin zu den schweren, handgeschmiedeten Hufeisen der letzten Zugpferde aus Großvaters Zeiten. Klara Falk, die rüstige, 78-jährige Kuratorin, führt Besucher mit einer Mischung aus Stolz und Wehmut durch die Ausstellung. „Das hier“, sagt sie dann mit einem verschmitzten Lächeln, während sie auf eine uralte Sanddornpresse deutet, „ist der Urgroßvater von unserem ganzen heutigen Betrieb.“

Denn die Verarbeitung von Sanddorn ist das wirtschaftliche und kulinarische Aushängeschild des Dorfes. An den sonnenverwöhnten Hängen des Stegstedter Rückens gedeiht die kleine, aber feine Beere prächtig. Die landwirtschaftliche Genossenschaft „Sanddornwerk Anbucht“ hat sich auf die Veredelung der Frucht spezialisiert. Betrieben wird das Werk von der jungen, energiegeladenen Agrarwissenschaftlerin Nele Beringer, die mit innovativen Rezepturen die Tradition fortführt. In ihrem kleinen, aber feinen Hofladen bietet sie eine nahezu unüberschaubare Vielfalt an: herbe Säfte, delikate Gelees mit einem Hauch von Vanille oder Ingwer sowie wertvolle Öle, die als wahre Schönheitselixiere gelten. Es duftet betörend, und man sollte sich nicht der Versuchung hingeben, von jedem Glas eines zu kaufen – man wird es nicht bereuen.

Direkt gegenüber, in einem langgestreckten, holzgetäfelten Gebäude, klappern die Holzspulen einer traditionellen Seilerei. Schon seit Generationen stellt die Familie Kämpfert hier Hanfprodukte von unvergleichlicher Qualität her. Vom feinen, nahezu unsichtbaren Angelschnüren bis hin zu dicken, handgeflochtenen Tauen, die selbst den schweren Stürmen auf dem offenen Meer trotzen. Der derzeitige Meister des Fachs, Henning Kämpfert, ein stiller, bedächtiger Mann mit wettergegerbtem Gesicht, arbeitet noch mit den gleichen Techniken wie sein Urgroßvater. „Maschinen können keine Knoten fühlen“, sagt er dann und fährt mit seiner rauen Hand über ein fertiges Stück Tauwerk. Seine Produkte sind weit über die Grenzen der Insel hinaus begehrt, besonders bei den Seglern der nahen Hauptstadt.

Ein deftiger Kontrast zur feinen Handarbeit ist der Fischverarbeitungsbetrieb direkt am Ufer der Bucht. Dieser wird von der kleinen Fischereiflotte der Kreisstadt Stegstedt beliefert, die in Anbucht einen geschützten zweiten Ankerplatz besitzt. Am Kai, wo die Kutter der Fischer Rolf Böttcher und Lena Siemensen täglich anlegen, riecht es nach Meer, Teer und vor allem nach frischem Fisch. Der Betrieb verarbeitet den Tagesfang zu marinierten Filets, würzigen Pasteten und natürlich dem allseits beliebten „Anbuchter Räucherfisch“, der in der kleinen, direkt am Wasser gelegenen Räucherei von Gunnar Ludwigs zubereitet wird. Man sollte unbedingt eine kleine, braune Tüte mit frisch geräuchertem Makrele oder Hering erstehen und sich an einem der wettergegerbten Holztische auf den Fischkisten niederlassen – das ist pure Poesie.

Was die Anreise betrifft, so ist Anbucht ideal angebunden, bleibt dabei aber eine ruhige Oase. Der Insula-Express (Linie 2002) rattert mehrmals täglich durch den Ort: stündlich fährt der Zug um 6:53 Uhr und letztmalig um 21:53 Richtung Hauptstadt Insula, sowie um 6:31 und 21:31 zurück nach Butha. Die Straßenverbindungen sind gut: Die B31 führt direkt nach Stegstedt (5 km) und in die andere Richtung weiter nach Aschwitz (9 km). Für Abenteurer bietet sich die alte Lehmstraße über den Stegstedter Rücken durch den dichten Hushwood nach Westfähre an, und wer zu Fuß unterwegs ist, kann den beschaulichen Wanderpfad nach Fischerhütten nehmen, einem Weiler, der mit seinen elf Einwohnern noch einmal eine ganz eigene, fast surreale Stille ausstrahlt. Sofern man von der Kreisstadt Stegstedt kommt, ist der Weg kaum mehr als eine Viertelstunde mit dem Fahrrad oder ein paar Minuten mit dem Bus.

In Anbucht selbst gibt es alles, was das Herz begehrt, und mehr, als man dem kleinen Ort zutrauen würde. Eine Übernachtung bietet das urige „Gasthaus zum Anker“ von Wirtin Greta Pohlmann. Die vier Gästezimmer im Obergeschoss sind einfach, aber blitzblank und bieten einen traumhaften Blick über die Bucht. Wer es noch ursprünglicher mag, kann ein Ferienzimmer bei der Familie Hansen im alten Bauernhof direkt am Waldrand mieten. Gegessen wird am besten auch im „Anker“: Hier gibt es deftige Hausmannskost, bei der der Fisch natürlich die Hauptrolle spielt. Die „Fischsuppe nach Großmutters Art“ ist legendär.

Ein kleiner Dorfladen, der „Koop-Laden“, betreut von dem freundlichen Rentner Jochen Ruge, führt alles Nötige für den täglichen Bedarf, von frischen Brötchen über Zeitungen bis hin zu regionalem Gemüse. Die nächste Postfiliale ist im Dorfladen untergebracht, der nächste Arzt, Dr. med. Stefan Wagenbach, hat seine Praxis in einem umgebauten Wohnhaus an der Hauptstraße.

Das Gemeindeleben ist überschaubar, aber aktiv. Die Freiwillige Feuerwehr probt jeden Mittwochabend unter der Leitung von Brandmeister Torben Asmussen. Der örtliche Gesangsverein „Anbucht Voices“ unter der Leitung von Musiklehrerin Christin Born trifft sich im Gemeindesaal neben der Kirche. Im Sommer wird ein kleines Hafenfest gefeiert, bei dem die beiden Fischkutter zum bunten Abend ihre Boote schmücken und die Sanddorngenossenschaft ihren neuen Gelee-König kürt.

Anbucht ist kein Ort für hektische Sightseeing-Touren. Es ist ein Ort zum Durchatmen, ein Ort für leise Momente. Ein Ort, an dem man die Seele baumeln lassen kann, während man mit einer Tasse Sanddorntee die Schiffe auf der Bucht beobachtet oder den Klängen einer alten Orgel aus dem Kirchturm lauscht. Diese Mischung aus harter Geschichte, gelebter Tradition und einer Prise nordischer Melancholie macht den einzigartigen Zauber von Anbucht aus. Man kommt als Besucher und geht vielleicht als ein Freund.


Verkehrsverbindungen:
Bahn: Linie 2002 (Insula-Express) stündlich 6:53-21:53 nach Insula, 6:31-21:31 nach Butha
Straße: B31 (NW: Aschwitz 9km, SO: Stegstedt 5km); Lehmstraße über den Stegstedter Rücken durch den Hushwood nach Westfähre, Wanderpfad nach Fischerhütten.

LandInsula
LandkreisStegstedt
Ort: I-3120 Anbucht, I-3121 Fischerhütten