Schittingen

Schittingen (Gemeinde Papierstedt – Kreis Unterstrand – Seeland)

(Pop.: 524 – 122m NN)

Schittingen liegt im Schittinger Auenwald, einer feuchten, vielschichtigen Landschaft, in der das Wasser des Zajinbachs in unzählige Arme und Mulden zerfällt. Der Ort, mit seinen 524 Einwohnern auf 122 Metern Höhe, liegt auf einer sanften Erhebung, die sich wie eine Insel aus dem nassen Gelände hebt. Im Sommer duftet es nach Gras und Harz, im Herbst nach feuchtem Laub und Schafwolle. Der Auenwald reicht bis an die Gärten heran, und kein Haus steht hier weit vom Wasser entfernt. Die Wege sind schmal, teils aus Brettern gebaut, denn schon wenige Regentage genügen, um den Boden aufzuweichen.

Der Ortskern besteht aus rund zwei Dutzend Häusern, dicht aneinander gebaut, meist aus dunklem Ziegel oder Holz mit Schilfdächern. In der Mitte liegt der kleine Angerplatz, auf dem ein handgezimmerter Unterstand steht, der zugleich Bushaltestelle und Treffpunkt ist. Daneben ragt der Mast der Dorfantenne auf, umgeben von Obstbäumen und Wäscheleinen. Schittingen ist kein Durchgangsort – wer hierher kommt, will hierher. Die Straße endet im Süden, wo die Brücke über den Zajinbach führt, ein schmaler Holzsteg mit Geländer aus Weidenruten. Dahinter beginnen die Wiesen, auf denen Schafe weiden, deren Wolle das bekannteste Produkt des Dorfes ist.

Das wirtschaftliche Herz des Ortes schlägt in der Genossenschaft Auenwolle Schittingen eG, die ihre Anfänge um 1923 nahm, als mehrere Schäfer beschlossen, ihre Wolle gemeinsam zu waschen und zu vermarkten. Damals stand am Bach nur ein offener Waschplatz mit zwei Zubern und einem kleinen Schuppen für die Wannen. Heute ist daraus ein zusammenhängender Betrieb mit Waschhalle, Sortierhaus und Trockenscheune geworden. Die Genossenschaft beschäftigt knapp zwanzig Personen – fast jede Familie im Ort hat mindestens ein Mitglied, das dort arbeitet oder Anteile besitzt. Die Wolle stammt aus den Auen und Sandrücken des Seelandwaldes, wo die Herden im Sommer grasen. Morgens, wenn der Nebel über dem Bach liegt, sieht man die Arbeiterinnen und Arbeiter an den Wannen stehen. Der Dampf steigt aus den Blechwannen, in denen das Wasser auf 50 Grad erhitzt wird. Die Wolle wird in Drahtkörben hineingelassen, langsam bewegt, gespült, gewendet. Auf der Oberfläche des Wassers bildet sich ein schimmernder Lanolinfilm, der wie ein feiner Regenbogenrand an den Stegen zurückbleibt, wenn das Wasser abgelassen wird. Dieses natürliche Wollfett wird gesammelt, gefiltert und später an Seifenmacher in Papierstedt verkauft. Neben der Waschhalle steht das Sortierhaus, wo die Wolle nach Farbe, Länge und Struktur getrennt wird. Auf den langen Holztischen liegen graue, beige und fast weiße Vliese, die von Hand auseinandergezogen und mit Bürsten gekämmt werden. Anschließend wird das Material zu kardierten Bändern verarbeitet, breiten, weichen Strängen, die von den Spulen hängen wie schwere Schleifen. Diese Bänder gehen weiter an das Werk „Vier Mühlen – Tuch & Strick“ in Papierstedt, wo sie zu Garnen und Walkstoffen verarbeitet werden. So bleibt der Stoffkreislauf des Seelandes geschlossen: Schafe aus Schittingen, Garn aus Papierstedt, Kleidung in ganz Landauri. Die Auenwolle Schittingen liefert nicht nur Wolle, sondern auch Mist als Dünger für den Agrarverbund Seeland-Ebene Unterstrand eG. In den Roggenfeldern von Achthaus und Ulmdorf findet man so die Spuren der Schittinger Tiere wieder – ein Kreislauf, der Boden, Tier und Mensch verbindet. Ein Stück Wolle aus Schittingen findet sich sogar im Altarraum der Maria-Magdalena-Kirche in Zajin: Auf der Mensa liegt ein handgewebtes graues Tuch aus Schittinger Schafwolle, in das ein Fischsymbol eingearbeitet ist. Es wurde 1998 als Zeichen der Verbundenheit zwischen Zajin und Schittingen übergeben, und jedes Jahr zur Erntezeit wird es neu gesegnet.

Schittingen liegt in einer Landschaft, die man eher betritt als durchquert. Der Auenwald ist dicht, von Erlen, Weiden und Eschen durchzogen, dazwischen Schilfinseln, nasse Wiesen und schmale Lichtungen. Über die feuchten Mulden führen Bretterstege, die regelmäßig erneuert werden müssen, weil sie im Winter aufquellen und im Sommer von Moos überzogen werden. Unter den Erlen wachsen lange, schmale Gräser, die im Spätsommer geschnitten und zu Matten geflochten werden – eine alte Handarbeit, die in den Höfen noch gepflegt wird. Diese Matten werden in Unterstrand als Bodenbelag für Scheunen oder als Verpackung für Fischkisten verwendet. Der Schittinger Auenpfad, ein 4,2 Kilometer langer Rundweg, führt durch diese Landschaft. Er beginnt am Dorfanger, wo eine kleine Holztafel mit Karte steht, und verläuft in einem weiten Bogen entlang des Zajinbachs. Die Stege sind unterschiedlich lang und breit, manche leicht geneigt, andere schmal, damit man, wie die Führer sagen, „die Schritte zählt und langsamer geht“. Unterwegs trifft man auf kleine Beobachtungsstände mit Blick auf Reiher, Enten und gelegentlich einen Biber. Eine der Brücken trägt ein Schild: „Langsam hören lernen“ – das Motto des Auenpfads. Am Rand des Pfads steht eine alte Reusenhütte, heute eine kleine Freiluftausstellung. In ihr hängen Weidenruten, Messer, Eisenringe und fertige Reusen. Besucher dürfen mitarbeiten, und oft sitzen dort ältere Dorfbewohner, die zeigen, wie man aus Erlenzweigen die Bogen formt. Der Geruch von feuchtem Holz, Wasser und Wolle liegt über allem – es ist der Duft, der Schittingen definiert.

Obwohl klein, ist Schittingen lebendig. Es gibt einen Chor, der aus zwölf Frauen und Männern besteht und regelmäßig bei Festen in Zajin und Papierstedt singt. Besonders beim jährlichen Thingfest auf dem Thingplatz von Zajin treten die Schittinger auf: in grauen Leinenjacken und mit Liedern, die von der Arbeit am Wasser handeln. Der Chor wird von der Genossenschaft unterstützt – die Sängerinnen tragen Tücher aus eigener Wolle, handgesponnen und naturbelassen. Das gesellschaftliche Leben dreht sich oft um die Auenwolle. Im Frühling findet das „Waschfest“ statt, bei dem der erste Waschtag der Saison gefeiert wird. Tische werden am Bach aufgestellt, Suppen gekocht, Brot gebacken, und die Kinder dürfen die Lämmer streicheln. Im Herbst folgt das „Licht der Aue“ – ein Abend, an dem Lampions in den Bäumen hängen und Kerzen auf den Stegen leuchten. Dann klingt Musik über das Wasser, und aus der Ferne hört man die Schafe blöken.

Die Häuser in Schittingen sind einfach, meist eingeschossig, mit niedrigen Dächern und breiten Giebeln. Viele tragen an den Türen geschnitzte Zeichen – Wellen, Bögen, Schafe –, die Hauszeichen aus der Zeit vor der Nummerierung. Der wichtigste Bau ist das Genossenschaftsgebäude am Bachufer, ein langgestreckter, flacher Bau aus Backstein mit Sheddach und großen Holzportalen. Auf einer Bank davor sitzen oft ältere Männer, rauchen Pfeife und beobachten den Dampf über der Waschhalle. Die meisten Familien halten eigene Tiere – Schafe, Hühner, manchmal Schweine. In den Gärten stehen Bienenstöcke und Wäschepfähle. Die Kinder lernen früh, wie man Schafwolle kämmt oder Grasmatten bindet. Strom kommt über eine alte Leitung aus Papierstedt, das Telefonnetz teilt man mit Zajin. Im Winter, wenn der Nebel den Wald füllt und der Bach fast stillsteht, riecht die Luft nach Rauch und Wolle. Dann hört man im Dorf nur das Klopfen der Trockentrommeln in der Genossenschaft und das ferne Pfeifen des Zuges. Es ist die ruhigste, aber vielleicht auch die wahrste Zeit in Schittingen.

Bahn: SeeLB88 stündlich 6:59 – 20:59 nach Seestadt, 21:59 nach Papierstedt, 6:22 – 21:22 nach Teichstedt

Ch.: SEE7 Zajinbachweg (W: Zajin 7km, SO: Wawna 11,5km), Feldwege (N: Papierstedt 9km, S: Berno 5km)