Zwischen dem Dorf Schittingen und dem Lauf des Zajinbachs liegt eine Landschaft, die weder Wald noch Wiese, weder Moor noch Fluss ist – eine Mischform aus allem, feucht, vielschichtig, voller Übergänge. Hier verläuft der Schittinger Auenpfad, ein 4,2 Kilometer langer Rundweg, der durch den dichten Schittinger Auenwald führt. Er gilt als einer der stillsten Wege des südwestlichen Seelandes und als Beispiel für das, was man hier „lesbare Landschaft“ nennt: ein Ort, an dem sich die Arbeit, das Wasser und die Geschichte ineinander spiegeln.

Der Pfad beginnt am Dorfanger von Schittingen, wo eine schlichte Holztafel mit einer Karte steht. Darauf sind die Stege und Brücken als dünne Linien eingezeichnet, die sich wie Nervenbahnen durch das Grün ziehen. Wer den Weg betritt, merkt nach wenigen Schritten, dass es hier nicht um Entfernung, sondern um Aufmerksamkeit geht. Die Bretter sind uneben, absichtlich unterschiedlich lang, damit man die Schritte zählen muss und langsamer wird. Der Pfad ist so gebaut, dass man sich auf den Boden konzentriert – das Knarren des Holzes, das Schmatzen des Wassers darunter, das Rascheln der Halme an den Seiten.

Der Auenpfad wurde 1989 von der Genossenschaft Auenwolle Schittingen eG gemeinsam mit dem Kreis Unterstrand angelegt. Ursprünglich diente er als Wartungsweg für die Wassergräben und Schafweiden; später wurde er zu einem Natur- und Kulturpfad ausgebaut. Die Idee war, den Besuchern den Lebensraum Aue als Arbeitslandschaft zu zeigen, nicht als unberührte Idylle. Denn hier wird seit Jahrhunderten gearbeitet: Wasser reguliert, Schafe gehütet, Wolle gewaschen, Gräser geschnitten. Der erste Abschnitt führt über die Erlenbrücke, eine flache Konstruktion aus groben Brettern, die bei Hochwasser knapp über der Oberfläche steht. Unter ihr fließt der Zajinbach, an dieser Stelle kaum mehr als zwei Meter breit, aber mit kräftiger Strömung. Im Frühjahr schwimmen hier Äste, Schilfstücke und manchmal ganze Grasbüschel vorbei, die aus den Wiesen gerissen wurden. Auf der anderen Seite der Brücke beginnt der Weidenpfad, ein enger Gang zwischen niedrigen Bäumen. Die Luft ist feucht und kühl, und der Boden federt leicht, weil er von Wurzeln und Moos durchzogen ist.

Nach etwa einem Kilometer öffnet sich der Wald zu einer breiten Wiese, auf der im Sommer Schafe der Auenwolle Schittingen eG weiden. Ein niedriger Zaun aus Weidenruten trennt den Weg von der Weidefläche. Auf einem Schild steht: „Hier wächst das Grau des Seelandes“ – eine Anspielung auf die hellgraue Wolle, die typisch für die Auenherden ist. Besucher können zusehen, wie die Tiere langsam durch das nasse Gras ziehen, das Wasser in den Spurrinnen glitzert und sich kleine Insekten auf den Halmen sammeln. Etwas weiter führt der Pfad zu einem der Beobachtungsstände – einfache Holzhütten mit offenen Schlitzen. Von hier aus sieht man Reiher, Enten, mit Glück auch einen Biber oder einen Eisvogel. Der Stand trägt den Namen „Stille 3“ – in Anlehnung an drei Ruhepunkte, die über die Strecke verteilt sind. Jede dieser Hütten hat ein kleines Schild mit einem Satz, der von Dorfbewohnern stammt. Auf der ersten steht: „Das Wasser redet, wenn man zuhört.“ Auf der zweiten: „Wolle dampft wie Atem.“ Auf der dritten: „Langsam hören lernen.“

Der zweite Abschnitt des Auenpfads verläuft entlang eines alten Grabenarms, dessen Wasserstand durch kleine Holzwehre geregelt wird. Diese Wehre stammen aus den 1920er Jahren und werden noch immer von Hand bedient, um das Auenland zu entwässern oder zu fluten. Neben einem der Wehre liegt eine kleine Reusenhütte, die älteste Struktur des Pfades. Sie wurde restauriert, zeigt Werkzeuge des früheren Fischfangs und Flechtarbeiten aus Weidenruten. Innen hängen Reusen, Messer, Haken, Körbe – Spuren einer Arbeitswelt, die nie ganz verschwunden ist. Manchmal sitzt hier ein älterer Mann, der Besucher begrüßt und das Flechten von Fischfallen demonstriert. Von der Hütte aus führt der Pfad leicht ansteigend zur Schafwiese von Westschittingen, einer trockeneren Fläche, auf der die Tiere im Winter stehen. Hier endet der Wald allmählich, und man sieht das Dorf am Horizont, die Dächer zwischen den Erlen, den Rauch aus der Genossenschaftshalle. Eine Holzbank lädt zum Ausruhen ein. Auf ihrer Lehne steht eingeritzt: „Wasser unten, Himmel oben – dazwischen wir.“

Der letzte Abschnitt des Rundwegs, der sogenannte Mattensteg, ist vielleicht der schönste. Er führt durch eine Senke, in der Sumpfgräser wachsen, die im Spätsommer geschnitten und zu Matten geflochten werden. Diese Gräser sind fein und elastisch, werden in Schittingen noch immer zu Bodenmatten und Verpackungen verarbeitet – ein Nebenprodukt der Schafhaltung, das an vielen Orten verschwunden ist. Auf dem Steg liegen manchmal kleine Grasreste, die Besucher beim Gehen aufnehmen und weitertragen. So verbreitet sich das Auenmaterial im wahrsten Sinne über die Schritte der Menschen.

Der Pfad endet wieder am Dorfanger, wo ein Holzhaus mit Schautafeln steht. Hier kann man Karten, Fotos und Textilien aus Schittingen sehen. Eine der Tafeln erklärt den ökologischen Kreislauf: Wasser – Wiese – Schaf – Wolle – Mist – Feld – Brot – Mensch. Ein anderer Text erinnert an die alte Bezeichnung des Gebietes aus dem 9. Jahrhundert: „Skittunga“, was so viel bedeutet wie „Ort zwischen Wasser und Weide“.

Der Auenpfad ist kein touristischer Weg im üblichen Sinn. Es gibt keine Kioske, keine Beleuchtung, keine asphaltierten Abschnitte. Wer ihn geht, wird langsamer, hört mehr, sieht mehr. Der Pfad zwingt zur Achtsamkeit – im Schritt, im Atem, im Blick. Und er ist zugleich ein Spiegel der seeländischen Lebensweise: Arbeit, Wasser, Geduld. Im Frühjahr, wenn die Schneeschmelze einsetzt, steht der Pfad oft unter Wasser. Dann schließt die Gemeinde die Stege, bis sie wieder begehbar sind. Im Sommer hingegen ist er Ziel von Schulklassen und Handwerkern, die sich über die Wiesenwirtschaft informieren. Und im Herbst, wenn das Licht flach wird und der Dampf über den Wasserflächen hängt, wirkt der Pfad wie eine Verlängerung des Dorfes – als gehbarer Gedanke über Herkunft und Arbeit. Am Abend, wenn die Sonne zwischen den Erlen untergeht, spiegelt sich das Licht auf den Brettern, und die Rillen im Holz leuchten auf. Dann kann man hören, wie das Wasser gegen die Pfähle schlägt, wie die Schafe blöken und in der Ferne das leise Klopfen aus der Waschhalle der Auenwolle Schittingen eG klingt. Alles scheint verbunden: die Bewegung des Wassers, der Rhythmus der Arbeit, das Gehen selbst.