Das Werk „Vier Mühlen – Tuch & Strick“ in Papierstedt ist einer jener Orte im Seeland, an denen das Handwerk den Übergang zur Industrie überlebt hat, ohne seine Seele zu verlieren. Zwischen Bahnlinie und Seitenkanal gelegen, wo einst vier Wassermühlen die Strömung des Zajinbachs nutzten, entstand hier ein Betrieb, der seit Generationen Textilien für Arbeit, Alltag und Seefahrt fertigt. Der Name erinnert an die Ursprünge: vier Mühlenräder, vier Familien, vier Linien von Handwerkern, die im 18. Jahrhundert den Grundstein für Papierstedts industrielle Entwicklung legten. Heute arbeiten rund neunzig Menschen in den Backsteinbauten der alten Fabrik. Die Gebäude stehen in einem weiten Winkel an der Lagerstraße 3, direkt am Industriebahnhof, wo früher Garn und Wolle verladen wurden. Die Fassade zeigt noch die alten Schleifrillen der Transmissionen, und wer durch das Haupttor tritt, hört das rhythmische Schlagen der Webstühle – ein Klang, der seit über hundert Jahren kaum verstummt ist.

Die Anfänge des Werkes reichen in das Jahr 1821 zurück, als der Papierstedter Tuchmacher Gottlieb Harnisch in einer der vier Wassermühlen einen kleinen Walkbetrieb einrichtete. Das Wasser des Kanals trieb die Stampfen an, die grobe Wollstoffe verdichteten und glätteten. Bald darauf kamen weitere Handwerker hinzu – Spinner, Färber, Weber –, und die Mühlen verbanden sich zu einer Arbeitsgemeinschaft, die 1848 den Namen „Vereinigung der vier Mühlen zu Papierstedt“ trug. Mit dem Ausbau der Eisenbahn in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wuchs der Bedarf an robusten Stoffen für Uniformen, Matrosenkleidung und Säcke. 1894 wurde die erste Dampfmaschine installiert, 1908 das heutige Hauptgebäude errichtet, ein dreigeschossiger Backsteinbau mit großen Rundbogenfenstern. Nach den Wirren des 20. Jahrhunderts wandelte sich die Fabrik 1962 in eine eingetragene Genossenschaft und erhielt ihren heutigen Namen: „Vier Mühlen – Tuch & Strick“. Die Struktur des Werkes blieb überschaubar. Statt Massenproduktion setzt man auf widerstandsfähige, langlebige Ware. Das Motto des Betriebs – in die Giebelwand eingelassen – lautet: „Dicht gewebt, lange getragen.“
Das Werk bezieht seine Rohstoffe überwiegend aus der Region. Wolle kommt von der Auenwolle Schittingen eG, deren Schafherden in den Auen und auf den Sandrücken des Seelandwaldes weiden. Die Fasern werden dort gewaschen, gekämmt und zu kardierten Bändern vorbereitet. Diese Bänder werden in Papierstedt auf Spulen gewickelt, gezwirnt und auf Webstühlen verarbeitet. Der zweite Hauptrohstoff ist Flachs, angebaut in Achthaus und Ulmdorf unter Leitung des Agrarverbunds Seeland-Ebene Unterstrand eG. Aus den Flachsfasern entstehen feste Gewebe, die mit der Wolle gemischt werden, um widerstandsfähige, atmungsaktive Stoffe zu schaffen.
Das Werk produziert heute vier Hauptlinien:
- Walkwaren und Jackenstoffe – dichte, warme Tücher, die in der Fischerei und im Schiffbau verwendet werden.
- Seemannstextilien – Strickwaren aus reiner Auenwolle: Unterhemden, Pullover, Strümpfe.
- Sackstoffe – schwere Leinwand für Rüben, Getreide und Futtermittel, gefertigt in Kooperation mit dem Leinenwerk Faultierwald Faden & Band.
- Handstrickgarne – gesponnene, ungefärbte Wolle, die in Papierstedt selbst und in den Werkstätten von Schittingen und Zajin verarbeitet wird.
Die Färberei des Werkes arbeitet nach alten Methoden. Anstatt synthetische Farbstoffe zu nutzen, wird noch immer mit Tonerden und Pflanzenfarben experimentiert: Eisenoxid ergibt dunkles Grau, Zwiebelschalen warmes Braun, Krappwurzel ein mattes Rot. In der Färberei riecht es nach Dampf, Wachs und feuchtem Garn – ein Geruch, der den ganzen Gebäudekomplex durchzieht. Trotz moderner Ergänzungen hat das Werk eine bemerkenswerte Sammlung alter Maschinen bewahrt. Zwei Webstühle von 1913 stehen noch immer in Betrieb. Besucher können sie im Rahmen von Führungen sehen – besonders samstags, wenn der Weber Kurt Elmers den Tritt betätigt und die Lade von Hand bewegt. Das gleichmäßige Klackern, das Aufblitzen der Schützen zwischen den Kettfäden, der Geruch nach Öl und Wolle – all das vermittelt das Gefühl, dass hier Arbeit nicht nur verrichtet, sondern verstanden wird. Die Strickerei im oberen Stockwerk ist ruhiger. Hier laufen Rundstrickmaschinen, deren metallisches Surren in den Nachmittagsstunden fast hypnotisch wirkt. In langen Reihen hängen die fertigen Pullover, nummeriert und mit dem Etikett „Vier Mühlen – Tuch & Strick – Seeland“. Jedes Stück trägt auf der Innenseite einen gestickten Code aus Buchstaben und Zahlen, der Herkunft, Garn und Arbeiterkennzahl verzeichnet – eine stille Chronik der Produktion.

Das Werk ist Teil eines dichten, regionalen Netzwerks. Die Auenwolle Schittingen eG liefert die gereinigte Wolle, die Leinenproduktion Faultierwald sorgt für Flachsgewebe, und der Agrarverbund Unterstrand nutzt wiederum die Schafmistdünger der Auenwolle auf seinen Feldern. Dieses Zusammenspiel von Rohstoff, Verarbeitung und Rückführung macht das Werk zu einem zentralen Knoten im seeländischen Wirtschaftskreislauf. Ein besonderer Austausch besteht mit der Maria-Magdalena-Kirche in Zajin: Das graue Altartuch mit dem eingewebten Fischsymbol stammt aus der Produktion der Vier Mühlen. Es wurde 1978 von Weberinnen aus Papierstedt gefertigt, aus der Wolle der Schittinger Herden – ein Werk, das Arbeit, Glauben und Landschaft miteinander verknüpft.
Der Arbeitstag beginnt früh. Um sechs Uhr pfeift die Sirene am Haupttor, ein Ton, der über das ganze Tal des Seitenkanals hallt. Arbeiter aus Papierstedt, Schittingen und Zajin treffen ein, viele mit dem Zug oder dem Fahrrad. In der Kantine, einem Raum mit langen Holztischen, stehen Kannen mit Kaffee und Brotkörbe bereit. Der Geruch von Seife, Öl und Wolle hängt in der Luft. In der Mittagspause sitzt man auf den Betonstufen am Kanal, wo früher die Mühlenräder standen. Dort, wo das Wasser gegen die Mauern schlägt, sind noch Reste der alten Achslager zu sehen. Manche werfen Brotkrumen hinein – für die Fische, wie man sagt, aber wohl auch als stilles Ritual. Jeden Freitag findet im Hof ein offener Werksverkauf statt. Auf Tischen liegen Bündel aus Leinen und Wolle, Stoffballen, Reststücke, Säcke. Besucher aus der ganzen Region kommen, um Material zu kaufen oder einfach den Ort zu sehen. Oft steht dann einer der älteren Weber am Rand und erklärt die Muster. „Hier“, sagt er, „kann man fühlen, was Arbeit ist – nicht sehen.“

