
(Pop.: 715 – 103m NN)
Südteich, ein Dorf mit 715 Einwohnern auf 103 m NN, liegt am Südufer des Großen Teichs im nördlichen Seelandwald, rund sieben Kilometer südwestlich von Seestadt. Der Ort zieht sich in einer leichten Bogenform entlang des Wassers, wo die Uferlinie zwischen breiten Schilfgürteln, schmalen Stegen und den Hallen der beiden Werften wechselt. Vom Wasser her wirkt Südteich geschlossen, beinahe wie ein Hafen in den Bäumen: schmale Dächer, niedrige Schornsteine, der Glockenstuhl der kleinen Kapelle St. Bereniké, die das Dorf überragt. Die Luft riecht nach Harz, Rauch und Teer, und wenn am Vormittag die Werftsirene erklingt, laufen die Gesellen mit Werkzeugtaschen über den Kai, während die Möwen lautstark um die Fischabfälle der Nacht streiten.
Südteich verdankt seine Entstehung einer älteren Fischersiedlung, die bereits im 13. Jahrhundert am Rande der „Teichlande“ bestand. Sie diente den Booten aus Unterstrand als östlicher Anlegepunkt, wenn starker Wind oder Nebel die Weiterfahrt nach Teicha verhinderte. Noch heute liegen am Ufer Reste der alten Pfahlreihen; einige wurden im Zuge der Uferbefestigung in den 1920er Jahren wieder freigelegt. Die Siedlung wuchs im 19. Jahrhundert, als Holzhandel und Bootsbau sich hier dauerhaft ansiedelten. Das Wasser bot Transportwege, der Wald den Rohstoff. Eine Schmalspurbahn, die 1887 eröffnet wurde, verband Südteich mit Rosengarten und Unterstrand; sie ist längst stillgelegt, doch die Dämme sind als Wanderweg erhalten, gesäumt von Pappeln, die heute als Windschutz dienen.
Das Leben in Südteich folgt dem Rhythmus von Wasser und Werk. Zentrum ist der Werfthafen, eine rechteckige Anlage mit zwei Schwimmstegen, Werkhallen aus Wellblech und einer Maschinenhalle mit genieteten Trägern. Hier arbeiten rund sechzig Männer und Frauen in den Betrieben „Südteicher Werftgesellschaft“ und „Bootsbau Heining & Söhne“, die in traditioneller Holzbauweise Ruderboote, kleine Jachten und Arbeitskähne fertigen. Das Holz stammt aus den Eschenhainen südlich des Ortes, die eigens für den Bootsbau kultiviert werden: Bäume mit geradem Wuchs und festem, biegsamem Kernholz. Ein Teil dieses Holzes geht nach Unterstrand zur Werkstatt „Unterstrander Bootsleisten“, wo es zu Kimmleisten und Rumpfteilen weiterverarbeitet wird. So ist Südteich ein stiller, aber unentbehrlicher Teil des seeländischen Bootsbaukreislaufs.

Am westlichen Kai erhebt sich die Südteicher Räucherei & Konserven GmbH, ein Betrieb mit gemauerten Backsteinbauten aus den 1930er Jahren. Die Firma produziert Dosenfisch, eingelegte Gurken, Rote Bete und die bekannte Spezialität „Teichkrebse in Dilllake“, deren Rezept bis in die Zeit der Teichverordnung von 1868 zurückreicht. Besucher können die Fertigung von einer Galerie aus beobachten: die Reihen der Autoklaven, das rhythmische Stampfen der Etikettiermaschine, den metallischen Geruch von Dampf und Salzlake. Auf den Hof stapeln sich Holzkisten mit Etiketten, auf denen in blauer Schrift „Südteicher Teichwaren – Tradition seit 1897“ steht.
Südteich ist zugleich ein Ort der Schifffahrt. Im Sommer verkehren von hier Ausflugsschiffe über den Großen Teich nach Seestadt und weiter über den Teichfluss bis nach Unterstrand. Die Fahrten sind ruhig, der Kurs führt entlang von Schilfinseln, kleinen Bootshäusern und den Pfählen alter Fischfangrechte. Wer an Bord bleibt, erlebt in zwei Stunden das Zusammenspiel der drei Wasserorte des Seelandes – Südteich, Seestadt und Unterstrand – ein Band aus Holz, Teer und Musik. Denn oft spielt an Bord ein Musiker aus Seestadt leichte Bläserstücke, die sich im Wind verlieren, wenn das Boot an der „Bereniké-Spur“ vorbeigleitet. Diese Spur ist ein Uferweg, der bei der Kapelle beginnt und auf einer Strecke von knapp zwei Kilometern durch Schilf und Weiden zu einem Beobachtungspunkt führt. Von hier aus öffnet sich der Blick über das Wasser: dunkle Flecken im Teich zeigen die tiefen Stellen, an denen Fischer die Windzeichen ablesen. Eine kleine Holzplattform mit Geländer dient als Rastplatz; die Bank trägt die Inschrift „Hier schweigt das Land“. Im Frühjahr ziehen Enten und Reiher durch das Schilf, im Winter gefriert der Rand des Wassers, und der Weg ist nur mit dicken Stiefeln begehbar.

Die Kapelle St. Bereniké, die am Wiesenrand oberhalb des Ufers steht, gilt als das charakteristischste Bauwerk des Ortes. Sie wurde 1829 errichtet, an der Stelle einer älteren Fischerhütte, die einem Sturm zum Opfer gefallen war. Der Bau besteht aus Lärchenholz, außen schindelgedeckt, mit einem einfachen Glockenstuhl. Die kleine Glocke, aus einem alten Anker gegossen, trägt die Inschrift „Fide et Aqua“. Ihre Töne sind hell und metallisch, und wenn der Wind vom Teich herüberweht, trägt er sie weit über das Wasser. Zur Kirchweih im August schmücken die Bewohner ihre Boote mit Zweigen und Blumen, schieben sie an der Kapelle vorbei und lassen die Glocke klingen – ein Brauch, der aus den Weihefesten der alten Fischerzünfte stammt. Danach versammelt man sich auf der Wiese, wo Brot, Käse und Fischsuppe verteilt werden.

In der Nähe der Kapelle steht die Kapellenklause, ein einfaches Gasthaus mit Blick auf den Hafen. Es bietet drei Zimmer, einen Schankraum und eine kleine Terrasse direkt am Ufer. Spezialität des Hauses ist Kaninchen mit Wacholder, das in schweren Eisenpfannen über offenem Feuer gegart wird. Von den Tischen aus sieht man die Boote im Wasser schaukeln, hört die Sirene der Werft und riecht das Harz der Trockenschuppen. Abends sitzen Arbeiter, Fischer und Reisende gemeinsam beim Bier; es wird ein kräftiges Flachsbier aus Ulmdorf ausgeschenkt, dunkel und leicht harzig im Geschmack.
Die Dorfstruktur ist einfach: ein längsgerichteter Hauptweg, der Uferstraße, folgt dem Verlauf des Teichs. Nördlich davon liegen kleine Höfe mit Obstgärten und Schuppen, südlich der Waldweg, der in den Seelandwald führt. Zwischen den Häusern wachsen Eschen, Pappeln und Pflaumenbäume, und in manchen Gärten stehen noch alte Räucheröfen, die längst nicht mehr in Betrieb sind. An den Rändern der Wege finden sich Spuren alter Gräben, die einst der Wasserregulierung dienten; sie leiten noch heute das Schmelzwasser des Waldes in den Teich. Südteich lebt von seiner Verbindung zu Wasser und Holz, von Gewerken, die sich ergänzen. Die Boote aus Unterstrand, die Leinen aus Faultierwald, die Fischwaren aus der Räucherei – alles fügt sich zu einem Kreislauf, in dem das Dorf eine feste Rolle spielt. Selbst die Eschenhaine werden planvoll gepflegt: alle zwölf Jahre werden die ältesten Bäume geschlagen, neue gepflanzt, und das Holz wird nach Unterstrand geliefert. Diese Regelung beruht auf einem Vertrag aus dem Jahr 1912, der im Archiv der Werft erhalten ist.
In jüngerer Zeit hat sich der Ort behutsam dem Tourismus geöffnet. Zwei kleine Pensionen am Ostrand des Dorfes bieten Zimmer mit Blick über den Teich, und der ehemalige Lokschuppen der alten Bahnlinie beherbergt heute ein kleines Museum über Bootsbau und Räucherei, das Werkzeuge, Fotos und Modelle zeigt. Der Zugang erfolgt über eine Holzrampe; an der Wand hängt eine Karte mit den alten Handelsrouten, die von Südteich über Seestadt bis nach Kohla führten. Verkehrlich ist Südteich gut angebunden: Über die Bundesstraße B512 erreicht man Seestadt in etwa 15 Minuten, Rosengarten über die B512 in zwanzig. Mehrere Regionalzüge verbinden Südteich mit Bierona, Kohla und Kleebaum. Der Bahnhof liegt am westlichen Dorfrand, wo eine alte Werftboje als Denkmal aufgestellt ist.
Bahn: Zentrobahn Eilzüge 7:43, 10:46; 13:43, 16:43 und 19:43 nach Bierona, 8:26, 11:31, 14:26, 17:26, 20:26 nach Kohla; Regionalbahnen stündlich 7:49 – 19:49 nach Bierona, 20:49 nach Ruppin, 21:49 nach Arnsheim, 7:00 – 20:00 nach Kohla, 21:00 nach Teichfurt; BZF108 stündlich 6:32 – 21:32 nach Seestadt, 6:19 – 21:19 nach Kleebaum
Ch.: B53 (N: Seestadt 7km, O: Flutkanal 3,5km); B512 (NW: Rosengarten 8km, O: Flutkanal 3,5km); Ragelblitzweg (W: Ragelblitz 10,5km); Waldstraße (S: Beerenburg 18km)

