
(Pop.: 1.254 – 28m NN)
Wer mit der Zentrobahn anreist oder die Bundesstraße 36 aus Kohla kommend nimmt, ist in wenigen Minuten da – und doch in einer anderen Welt. Nur zwei Kilometer trennen die südliche Stadtgrenze Kohlas von Teichfurt, und während die letzten Ausläufer der Hauptstadt noch hinter dem Bahndamm zu erahnen sind, taucht der Reisende hier bereits in jene ruhige, von Wasserläufen durchzogene Landschaft ein, die den nordöstlichen Zipfel des Landes Kohlonia prägt. Teichfurt, mit seinen 1.254 Einwohnern noch nicht die kleinste Kreisstadt des Landes, liegt auf gerade einmal 28 Metern über dem Meeresspiegel, eingebettet zwischen dem Teichfluss, dem Quorzo und den fruchtbaren Lehmböden zweier geschützter Täler.
Der Name des Ortes verrät bereits, was hier einst den Ausschlag für die Besiedlung gab: eine Furt durch den träge dahinfließenden Teichfluss, die jahrhundertelang die einzige Möglichkeit bot, auf dem Weg vom Osten südlich der Ruinenstätte Kohla das Gewässer zu queren. Fuhrleute, deren Wagen voll beladen mit Waren aus dem Hinterland waren, rasteten hier im 13. Jahrhundert erstmals, und wo gerastet wird, entstehen bald feste Häuser. Dass die Furt mitunter tückisch sein konnte, weiß eine alte Anekdote zu berichten, die man sich im Gasthof „Zum grünen Frosch“ noch heute erzählt: Ein Fuhrmann namens Hinnerk, so heißt es, habe einst bei Hochwasser seinen gesamten Wagen mit kostbarem Seestädter Leinen verloren, woraufhin er wütend ausgerufen haben soll: „Dieser Teich wird mich noch furtbringen!“ – ein Wortspiel, das die Teichfurter seither als Ursprung ihres Ortsnamens schmunzelnd kolportieren, auch wenn die Sprachforschung da anderer Meinung ist. Erst 1898 wurde die Furt durch eine steinerne Brücke ersetzt, und mit ihr und dem Bau der Zentrobahn wuchs der kleine Marktflecken zu einem bescheidenen, aber selbstbewussten Zentrum des Umlands heran.

Das Herz Teichfurts schlägt auf dem Eobansplatz, benannt nach jenem legendären Gründer Kohlas, dessen Name im ganzen Land verehrt wird. Der rechteckige, von Kopfsteinpflaster durchzogene Platz wird an seiner Nordseite vom Rathaus dominiert, einem schlichten Putzbau aus dem Jahr 1742, über dessen weiß getünchter Fassade sich ein zierlicher Dachreiter mit einer Uhr erhebt. Dass die Uhr gelegentlich nachgeht, nimmt hier niemand übel – man hat ja Zeit. Gegenüber erhebt sich die St.-Aldomars-Kirche, eine kleine barocke Saalkirche mit einem hölzernen Turm, der bei Abendsonne in einem warmen Goldton leuchtet. Sie ist dem letzten Fürsten des alten Seelandes geweiht, und ein schlichtes Ölgemälde im Innern zeigt Aldomar in einer wenig heldenhaften Pose: sitzend, ein Buch in der Hand, den Blick nachdenklich ins Leere gerichtet. Die Gemeinde unter Pfarrerin Mareile Quast trifft sich sonntags um zehn Uhr zum Gottesdienst, und einmal im Jahr, zum Aldomarsfest im Juni, wird der Platz zur Bühne für einen kleinen Kirmesbetrieb mit Karussell und Bierstand.
An der Südseite des Eobansplatzes liegt der ganze Stolz Teichfurts: die Teichfurter Brauerei, die seit 1831 ein untergäriges Landbier braut. Der Braumeister Ludger Vosskamp, ein Mann mit Händen wie Schraubstöcken und einem buschigen grauen Schnauzbart, wacht über das Sudhaus wie über einen Altar. Sein Bier, malzig und mit einer leichten Karamellnote, wird in der gesamten Region geschätzt und ist kilometerweit das einzige, das im Gasthof „Zum grünen Frosch“ ausgeschenkt wird. Wer Vosskamps Herz erfreuen will, bestellt ein zweites.

Die Seestädter Chaussee, die zentrale Straße des Ortes, führt schnurgerade vom Eobansplatz in Richtung Südosten und ist gesäumt von zweigeschossigen Fachwerkhäusern, deren Alter man an den eingeschnitzten Sprüchen und Füllhölzern ablesen kann. „Wer baut an die Straßen, muss Spot und Tadel lassen“ steht an einem Haus nahe der Brücke, und an der Ecke zur kleinen Gasse „Am Teichwehr“ prangt der Spruch: „Dies Haus ist mein und doch nicht mein, wer nach mir kommt, wird‘s auch so sein.“ Hier wohnt die Bäckersfamilie Heitbrink, deren Sauerteigbrot weit über die Kreisgrenzen hinaus bekannt ist, gleich neben dem kleinen Laden von Krämerin Lotte Övermöhle, die alles führt, was man vergessen haben könnte: Gummistiefel, Briefmarken, Einmachgläser, Zwirn.

Dass Teichfurt Kreisstadt ist, merkt man dem Ort nicht auf den ersten Blick an. Die Kreisverwaltung residiert in einem umgenutzten Gutshof am westlichen Ortsrand, wo sich die Büros der Kreisbediensteten auf die ehemaligen Stallungen und die Tenne verteilen. Ein schmaler Flur führt zum Büro des Landrats Johannes Wibbelsmann, dessen Tür immer einen Spalt offen steht – ein Prinzip, das er von seinem Vorgänger übernommen hat. Im Hof des Gutshofs parken die Dienstfahrzeuge zwischen zwei alten Kastanien, und wer einen Termin hat, muss nur dem Fliesenboden aus der Erbauungszeit folgen.

Ein bedeutender Pfeiler der lokalen Wirtschaft ist der Landmaschinenhandel Hennecke & Sohn an der Chaussee Richtung Altbrück. Seit über hundert Jahren vertreibt und repariert die Familie Hennecke hier, was Felder pflügt und Getreide drischt. Der jetzige Inhaber, Torben Hennecke, ein stiller Mann mit ölverschmierten Fingernägeln und einem enzyklopädischen Wissen über Dieselmotoren, führt den Betrieb in vierter Generation. In seiner Werkstatt stehen Traktoren, deren Typenbezeichnungen ein halbes Jahrhundert Agrargeschichte erzählen, und an der Wand hängt noch das erste Firmenschild von 1908. Nur wenige Kilometer östlich erstrecken sich die Obstplantagen des Obsthofs Quorzo, die das Flüsschen gleichen Namens säumen. Hier reifen Äpfel und Birnen, die als Tafelobst und in Form von naturtrübem Apfelsaft direkt vermarktet werden. Die Besitzerin, Hedwig Quorzo, eine resolute Frau mit strohblonden Haaren und wettergegerbtem Gesicht, ist Vorsitzende des örtlichen Kulturvereins und organisiert im Herbst das alljährliche Apfelfest.
Das landwirtschaftliche Rückgrat der Region aber liegt in den Tälern oberhalb Teichfurts. Der Teichbach, ein unscheinbares, träge dahinfließendes Gewässer, entspringt irgendwo im dämmergrünen Trollskog und schlängelt sich auf etwa zwölf Kilometern durch eine Landschaft aus Feldern, Bruchwald und Schilf, bevor er in den Quorzo mündet und mit ihm gemeinsam bei Teichfurt den Teichfluss erreicht. Der fruchtbare kohlschwarze Lehmboden und das milde, windgeschützte Talklima machen das Teichbach- und Quorzo-Tal zu einem der ertragreichsten Gemüseanbaugebiete ganz Koloniens. Kohl, Weizen und Hafer wachsen hier in üppigen Beständen, und wer im Spätsommer über die Wege zwischen den Feldern radelt, sieht die Erntewagen im Stundentakt in Richtung Kohla rollen.
Für die Bildung der Kinder und Jugendlichen ist in Teichfurt gesorgt. Im Ort gibt es eine Grundschule, deren Pausenhof an die St.-Aldomars-Kirche grenzt, sodass das Kichern der Erstklässler durch die buntglasierten Kirchenfenster dringt. Für die älteren Schüler steht am südlichen Ortsausgang die einzige weiterführende Schule des gesamten Landkreises: eine kleine Gesamtschule, in der Lehrerin Imke Strootmann seit zwanzig Jahren Biologie und Chemie unterrichtet und deren Schulbus morgens Jugendliche aus allen umliegenden Dörfern herankarren. Schulleiter Gero Frerichs, ein Hobbyornithologe mit Nickelbrille und stets einem Fernglas um den Hals, kennt jeden seiner 180 Schüler persönlich.

Das kulturelle Leben konzentriert sich, der Ortsgröße angemessen, auf den bereits erwähnten Kulturverein und die Freiwillige Feuerwehr, deren Gerätehaus am Teichufer auch als Versammlungsort für den Seniorennachmittag und den jährlichen Laternenumzug dient. Wehrführer Hauke Brömmel, von Beruf Installateur, hat die Modernisierung der Löschfahrzeuge zur Chefsache gemacht und zieht jeden Mittwochabend mit seiner Mannschaft zur Übung aus. Ein eigenes Kino gibt es nicht, doch einmal im Monat wird im Saal des „Grünen Froschs“ ein Film gezeigt: alte Klassiker meistens, über die man sich vorher per Aushang an der Bäckerei Heitbrink informieren kann.
Übernachten kann man in Teichfurt im Gasthof „Zum grünen Frosch“ (Eobansplatz 3, Inhaberin Wiebke Frodermann), der sechs schlichte, aber ordentliche Zimmer mit Blick auf den Platz oder den Fluss vermietet. Das angeschlossene Restaurant tischt deftige Hausmannskost auf: Grünkohl, Bratkartoffeln, Teichfurter Landbier und als Nachtisch Apfelkuchen vom Obsthof Quorzo. Morgens backt die bereits erwähnte Bäckerei Heitbrink frische Brötchen (Seestädter Chaussee 12), und für den täglichen Bedarf gibt es Krämerin Övermöhles Laden (Am Teichwehr 2), der auch gleichzeitig Postagentur und Paketshop ist. Eine Bankfiliale sucht man vergebens; Bargeld gibt es am Automaten im Rathausfoyer. Die medizinische Grundversorgung sichert Dr. Hiltrud Gantenbrink, deren Praxis in einem umgebauten Fachwerkhaus an der Chaussee untergebracht ist und die mittwochs und freitags Sprechstunde hält.

Verkehrstechnisch ist Teichfurt bemerkenswert gut angebunden: Die Linie 11 der Zentrobahn hält im Stundentakt und verbindet den Ort in Richtung Nordwesten mit Kohla sowie über Seestadt, Arnsheim und Zentro mit Bierona im Südosten. Zusätzlich verkehrt die Linie 20 der Zentralmassivbahn vom Teichfurter Bahnhof aus ebenfalls stündlich nach Kohla und alle zwei Stunden ins seeländische Althaus. Mit dem Auto erreicht man über die B36 die Hauptstadt in wenigen Minuten und in entgegengesetzter Richtung nach nur fünf Kilometern das Dorf Altbrück. Die B361 zweigt im Ort ab und führt in östlicher Richtung über dreizehn Kilometer nach Quorzo.
Dass Teichfurt bei all dem nie zur Schlafstadt der nahen Hauptstadt Kohla verkommen ist, liegt an jener sturen Eigenständigkeit, die man den Bewohnern der Kreisstadt gern nachsagt und auf die sie insgeheim stolz sind. Noch immer wird die Furt, die dem Ort seinen Namen gab, beim alljährlichen Teichfest zelebriert, wenn ein als Fuhrmann verkleideter Freiwilliger unter dem Jubel der Zuschauer den Fluss durchwatet – heute freilich unterhalb der steinernen Brücke und mit einem Bier in der Hand. Und wenn dann die Glocken von St. Aldomar läuten und Ludger Vosskamps Landbier in Strömen fließt, scheint es, als hätte die Zeit in Teichfurt einen Bogen geschlagen, der das Alte bewahrt und das Neue willkommen heißt, ohne das eine für das andere aufzugeben.
Verkehrsverbindungen:
Bahn: Linie 11 (Zentrobahn) Eilzüge 9:02, 13:02, 17:02, 21:02 nach Kohla, 7:07, 11:07, 15:07, 19:07 nach Bierona, Regionalbahnen 06:05, 08:12, 09:05, 10:12, 11:05, 12:10 dann stündlich 13:05-21:05 nach Kohla, stündlich 6:39-18:39 über Seestadt, Arnsheim, Zentro, Ruppin nach Bierona, 19:39 nach Ruppin, 20:39 nach Arnsheim; Linie 20 (Zentralmassivbahn) stündlich 6:35-21:35 und 22:05 nach Kohla, aller 2 Stunden 7:09-21:09 nach Althaus (Seeland)
Straße: B36 (NW: Kohla 2km, SO: Altbrück 5km); B361 (O: Quorzo 13km); K307 (SW: Radebeul 5km)
Land: Kohlonia
Landkreis: Teichfurt
Postleitzahl: K-3000 Teichfurt

