
(Pop.: 92 – 35m NN)
Ob man von Norden über die B35 aus Kohla kommt oder die holprige Kreisstraße K308 von Welso her nimmt – die Annäherung an Radebeul ist eine stille Ankündigung. Die Landstraße senkt sich unmerklich, der schwere, lehmige Boden der Seeland-Ebene tritt offen zutage, und die Luft wird spürbar feuchter. Dann, fast ohne Übergang, schlägt die weite Fläche goldgelber Getreidefelder um in ein Mosaik aus spiegelnden Wasserflächen. Es sind die Reisfelder von Radebeul, die das Landschaftsbild des südlichsten Zipfels von Kohlonia auf so überraschende Weise prägen. Mit seinen 92 Einwohnern, auf 35 Metern über dem Meeresspiegel gelegen, ist Radebeul ein winziger Flecken, der doch für die gesamte Region von zentraler Bedeutung ist – denn nirgendwo sonst im Land wird Reis angebaut.
Die Geschichte des Reisanbaus hier ist so ungewöhnlich wie der Anblick der gefluteten Parzellen selbst. Es war ein visionärer Agronom namens Wilhelm Torbeck, der 1928 erkannte, dass die schweren, tonigen Böden und der hohe Grundwasserstand am Reisbach ideale Bedingungen für die Nassreiskultur boten. Er überzeugte die damals skeptischen Bauern, und noch heute berichtet man sich im Dorf, dass die erste Ernte so üppig ausfiel, dass die Körner die Scheunen sprengten. Seither ist Radebeul das unbestrittene Zentrum des Reisanbaus im Landkreis Teichfurt. Das Herzstück dieses Erbes schlägt in der Radebeuler Reismühle, einem genossenschaftlich organisierten Betrieb, in dem der Rohreis verarbeitet und unter dem stolzen Markennamen „Seeland-Reis“ im ganzen Land vertrieben wird.
Die Mühle, ein schlichter Zweckbau aus rötlichem Backstein, liegt direkt am Reisbach. Wer sie betritt, wird empfangen vom tiefen, gleichmäßigen Stampfen der Schälmaschinen und dem feinen, süßlichen Duft von frisch polierten Reiskörnern. Hier arbeitet seit dreißig Jahren Mühlenleiterin Greta Sander, eine resolute Frau mit kräftigen Händen, der man die langen Tage in der Produktion nicht ansieht. Sie ist stolz auf ein uraltes Mühlenrecht, das der Genossenschaft erlaubt, einen Teil des Reisbachwassers zu stauen, und öffnet Besuchern gern die Tür. In der kleinen Mühlenstube, einem improvisierten Ladengeschäft, füllt sie den Reis direkt in mitgebrachte Beutel ab und gibt gern eine Kostprobe des tiefbraunen, nussigen Vollkornreises, der nur hier zu haben ist. Auch Liesbeth Frobös, die weit über achtzigjährige ehemalige Lehrerin, ist noch jede Woche hier. Früher unterrichtete sie die Dorfkinder und brachte ihnen bei, wie man die Reissetzlinge bündelt – heute hilft sie in der Verwaltung und wacht mit Argusaugen über die richtige Etikettierung der Säcke.

Südlich der Reisfelder, dort wo sich das Gelände sanft zu einer leichten Kuppe erhebt, liegt der Gutshof Radebeul. Seine markante Silhouette mit dem hohen Mansarddach und den beiden wuchtigen Ecktürmen ist eine weithin sichtbare Landmarke, die schon von der Bundesstraße aus den Weg weist. Der ehemalige Adelssitz aus dem 18. Jahrhundert, den einst die Familie von Rabenau erbauen ließ, befindet sich heute in Privatbesitz und ist der Öffentlichkeit nicht zugänglich. Doch selbst vom Zaun des verwilderten Parks aus ist der morbide Charme des Anwesens spürbar. Alte Eichen und wuchernde Rhododendronbüsche umschließen das Gebäude, und in der Abendsonne, wenn die Spatzen in den efeubewachsenen Turmspitzen lärmen, wirkt das Herrenhaus, als träume es von einer großen Vergangenheit. Der junge Besitzer, Johann von Rabenau, ein stiller Mann, der nur selten im Dorf gesehen wird, soll Teile des Dachs eigenhändig mit den historischen Biberschwanzziegeln ausbessern. Mehr als ein Nicken und einen knappen Gruß bekommt man von ihm nicht – aber das, so sagen die Radebeuler, sei schon immer so gewesen mit den Herrschaften.

Das geistige Zentrum des Dorfes ist von bescheidenerer Natur. Die kleine Heilig-Kreuz-Kapelle von 1765 duckt sich mit ihrem hübschen Fachwerk und einem winzigen, schiefergedeckten Dachreiter zwischen zwei Hofstellen, als suche sie Schutz vor dem weiten Himmel des Seelandes. Innen ist es dämmerig und riecht nach altem Holz und Bienenwachs. Einmal im Monat kommt Pfarrerin Mareile Quast aus dem nahen Teichfurt herüber, um den Gottesdienst zu halten. Die Gemeinde ist klein, kaum ein Dutzend Köpfe zählt sie, aber sie ist treu. Nach der Messe sitzt man noch lange auf den Holzbänken zusammen, und Elsbeth Tiedemann, die Mesnerin, reicht ihren berühmten Rhabarberkuchen. Ihr Mann Heiner Tiedemann, ein Nachfahre der alten Müllersfamilie aus Altbrück, kümmert sich um das Gemäuer und hat mit viel Geduld die filigranen Holzschnitzereien des Altars restauriert – jeder einzelne Apostel ein kleines, geduldiges Meisterwerk.

Das eigentliche pulsierende Herz Radebeuls aber ist das ganze Jahr über im Dorfgemeinschaftshaus „Alte Schule“ zu finden. Der kleine Bau mit den blassgelben Wänden und den grünen Fensterläden beherbergt den Reit- und Fahrverein Radebeul, der nicht nur für die Pflege alter Pferderassen bekannt ist, sondern auch für die Organisation des jährlichen Erntedankfestes im August. Dieses Fest ist der Höhepunkt des dörflichen Kalenders und ein Ereignis, zu dem Besucher aus dem gesamten Kreis anreisen. Dann füllt sich die Fläche am Dorfrand mit einem beeindruckenden Aufgebot an liebevoll restaurierten, historischen Landmaschinen: knatternde Lanz Bulldogs, geschwungene Mähdrescher aus den fünfziger Jahren und dampfende, uralte Traktoren, die Vorsitzender Jens-Peter Niemann mit sichtlichem Stolz vorführt. Die Vereinsmitglieder haben in mühevoller Arbeit sogar einen alten Mähdrescher mit hölzernen Zinken wieder funktionstüchtig gemacht, der im vergangenen Jahr die Hauptattraktion war.

Für das leibliche Wohl während des Festes und an jedem anderen Tag sorgt der einzige Gasthof des Ortes, der „Radebeuler Krug“. Das Fachwerkgebäude mit den tief herabgezogenen Reetdachgauben liegt direkt an der Hauptstraße und wird von Wirtin Helene Brandt geführt. Ihre Reis-Suppe, ein kräftiger Eintopf mit viel Lauch und Seeland-Reis aus der Mühle, ist selbst bei den Fuhrleuten aus Vierhaus bekannt, und an den Abenden sitzen die Bauern beim sogenannten „Pflug-Trunk“ zusammen und tauschen sich aus. Wer übernachten möchte, findet ein einfaches, aber blitzsauberes Gästezimmer unterm Dach. Nur wenige Schritte weiter hat Bäckerin Ingrid Martens ihren kleinen Dorfladen, in dem es neben ihrem berühmten knusprigen Reisbrot auch die letzte Briefmarke und frische Eier gibt – und den neuesten Klatsch natürlich gratis dazu.

Wer im Dorf wohnt, lebt mit dem Reis und durch den Reis. Da ist der junge Landwirt Finn-Lukas Marquardt, der mit Stolz die Felder bestellt, die schon sein Großvater 1928 anlegte. Da ist Genossenschaftsleiter Harald Bröker, ein penibler Mann mit Nickelbrille, der jeden Morgen den Wasserstand der Parzellen kontrolliert und für seine minutiösen Aufzeichnungen berüchtigt ist. Und da ist die siebzehnjährige Leonie Sander, die auf dem elterlichen Hof die Buchführung übernimmt und daneben in einer umgebauten Remise einen kleinen Hofladen mit Reismehl und duftendem Seifenkraut betreibt.
Radebeul ist ein Ort, den man nicht einfach durchfährt. Man muss innehalten, über den schmalen Reisbachdamm schlendern, an dem im Frühjahr die ersten grünen Setzlinge aus dem Wasser ragen, den Blicken der Leute standhalten, die Fremde mit stiller Neugier mustern, und sich schließlich im „Krug“ eine Suppe bestellen. Dann, wenn man die Abenddämmerung über den spiegelnden Reisparzellen und die ferne Silhouette des Gutshofs auf sich wirken lässt, versteht man, warum die 92 Einwohner diesen entlegenen Winkel für den schönsten Flecken in ganz Kohlenia halten.
Verkehrsverbindungen:
Straße: B35 (S: Vierhaus 12,5km, N: Kohla West 5km); K308 (W: Welso 5km, O: Altbrück 8km); K307 (NW: Teichfurt 6km)
Land: Kohlonia
Landkreis: Teichfurt
Postleitzahl: K-3130 Radebeul

