
(Pop.: 72 – 18m NN)
Wer auf der Northern Desert Railway von Kohla hinüber ins Sturmland reist, erblickt hinter Kohla West eine flache, von Wassergräben durchzogene Ebene, in der sich die Gehöfte eines kleinen Dorfes lose um einen dunkelgrünen Teich scharen. Dieses Dorf ist Welso, mit 72 Einwohnern und auf 18 Metern über dem Meeresspiegel gelegen eines jener stillen Juwelen des Kreises Teichfurt, die man leicht übersieht – und die doch eine ganze Welt für sich sind. Der Ortsname, so erzählt man sich hier, leitet sich von jenem Teich ab, der einst „Wels-Au“ geheißen haben soll, weil ein Fuhrmann darin einen riesigen Wels gefangen haben will. Sprachforscher mögen darüber die Nase rümpfen, aber die Welser halten an ihrer Legende fest, und wer an einem Sommerabend mit Altbauer Hinnerk Voss am Ufer steht, bekommt die Geschichte so lebendig erzählt, dass man den Fisch fast selbst zu sehen meint.
Schon die Anfahrt lohnt die Aufmerksamkeit. Die Kreisstraße K308 führt von Kohlamünde im Nordwesten heran, vorbei an den saftigen Weiden der Familie Petersen, auf denen in den Morgenstunden eine Herde von rund 120 Rindern der Rasse Kohlonisches Angus zu beobachten ist – tiefschwarze, hornlose Tiere mit ruhigem Wesen, die gemächlich das fette Gras der Seeland-Ebene zupfen. Von Osten nähert sich die K308 aus Radebeul, wo die Reisfelder in der Sonne glitzern; die K310 wiederum bindet Welso an Bunsa im Südwesten und an die westlichen Ausläufer der Hauptstadt Kohla im Nordosten an. So abgelegen Welso auch wirken mag – das Dorf liegt an einem unsichtbaren Kreuzungspunkt, den seit Jahrhunderten Bauern, Händler und Handwerker nutzen.
Das Dorf selbst ist ein Haufendorf, wie es für die Region typisch ist: Die Gehöfte gruppieren sich unregelmäßig um den zentralen Teich, der früher als Viehtränke und Löschwasserreservoir diente und an dessen Ufer heute eine kleine Pumpstation der Kohlonischen Wasserwirtschaft steht. Sie reguliert den Grundwasserstand und sorgt dafür, dass die schweren Lehmböden der Umgebung entwässert werden – eine unscheinbare, aber lebenswichtige Einrichtung, ohne die die Felder nach jedem Regen wochenlang unter Wasser stünden. Gleich neben der Pumpstation hat die Gemeinde eine hölzerne Bank aufgestellt, auf der an lauen Abenden oft Klaas Petersen sitzt und den Enten zuschaut, während er gedanklich schon die nächsten Lieferungen für den Wochenmarkt in Seestadt plant.

Denn Klaas Petersen, ein Mann um die sechzig mit Händen wie Schraubstöcken und einem ruhigen Lächeln, ist der Herr über den größten fleischverarbeitenden Betrieb des Kreises: die Landschlachterei Petersen. Der Betrieb, der nach alter Handwerkstradition arbeitet, liegt am westlichen Dorfrand in einem schlichten, weiß gekalkten Backsteinbau, über dessen Tür ein verwittertes Holzschild mit einem Rind baumelt. Im Inneren duftet es nach geräuchertem Fleisch und frischen Kräutern. Hier entstehen jene geräucherten Mettwürste und luftgetrockneten Schinken, die Kenner auf den Wochenmärkten von Kohla und Seestadt mit Argusaugen suchen. Der dazugehörige Hofladen ist nur wenige Schritte entfernt und hat täglich außer sonntags geöffnet; ein handschriftlicher Zettel an der Kasse verrät, dass Magda Petersen, die Schwiegertochter des Hauses, mittwochs auch „Wurstspitzen vom Vortag“ zum halben Preis anbietet. Die Petersens sind seit Generationen in Welso ansässig, und dass ihre Rinder direkt hinter dem Hofladen auf der Weide stehen, verleiht dem Begriff „regional“ eine Bedeutung, die kein Supermarkt der Welt einholen kann.

Nur einen Steinwurf vom Teich entfernt steht die kleine Dorfkirche, ein schlichter, weiß verputzter Saalbau mit einem hölzernen Dachreiter, in dem eine einzige Glocke hängt. Die Kirche ist der Heiligen Brigitta geweiht, und ihr Inneres überrascht mit einer handgeschnitzten Kanzel aus dem 18. Jahrhundert, die Szenen aus dem Leben der Namenspatronin zeigt. Berühmt ist die Kirche jedoch für ihren reichhaltigen Büchertisch: Gleich links neben dem Eingang stapeln sich auf einer alten Eichenholztruhe Romane, Bildbände und Kinderbücher, die die Gemeindemitglieder untereinander tauschen. Küsterin Annemarie Frerichs, eine rüstige Witwe mit einer Vorliebe für historische Kriminalromane, verwaltet den Tisch mit sanfter Strenge und notiert jede Ausleihe in einem in Leder gebundenen Heft, das sie selbst „den Codex“ nennt. Gottesdienst ist jeden Sonntag um halb zehn, und einmal im Monat kommt Pfarrerin Solveig Johannsen aus Kohlamünde herüber, um die Predigt zu halten und anschließend mit der Gemeinde Kaffee zu trinken.

Auf der gegenüberliegenden Seite des Teichs, in einer umgebauten Scheune, hat sich vor einigen Jahren der Drechsler Jan-Hendrik Trapp niedergelassen. Der schlaksige Mittdreißiger, der sein Handwerk an der Kunstgewerbeschule in Seestadt gelernt hat, fertigt aus heimischen Hölzern – vor allem Eiche und Hainbuche aus dem nahen Hochwald – Schalen, Kerzenständer und Pfeffermühlen von einer Eleganz, die man in dieser Abgeschiedenheit nicht erwartet. Sein Verkaufsraum ist gleichzeitig die Werkstatt; das leise Sirren der Drechselbank begleitet den Besucher, während Trapp bereitwillig erklärt, dass die Maserung einer einzigen Eichenholzschale mehr über das Leben eines Baumes verrät als ein ganzes Lehrbuch. Auf Kunsthandwerkermärkten in der gesamten Region – von Teichfurt bis hinüber ins seeländische Langsalza – ist er ein gern gesehener Gast, und sein Kerzenständer aus Mooreiche steht sogar im Rathaus von Kohla.
Ein richtiges Gasthaus sucht man in Welso vergeblich, doch das Dorf hat eine Einrichtung, die diesen Mangel mehr als wettmacht: den „Welser Abend“, eine lose Folge von Zusammenkünften, die in den Sommermonaten jeden zweiten Freitag auf dem Platz vor der Kirche stattfindet. Dann rollt Klaas Petersen seinen Grill heran, Jan-Hendrik Trapp steuert handgedrechselte Salatschüsseln bei, und Annemarie Frerichs öffnet eine Flasche Holunderlikör, die sie nach einem geheimen Rezept ihrer Großmutter ansetzt. Die übrigen Dorfbewohner bringen Decken, Brot und was sonst noch da ist, und wenn die Dämmerung über den Teich sinkt und die Fledermäuse ihre Kreise ziehen, sitzen sie alle beieinander und erzählen sich Geschichten von früher und heute. Gäste sind bei diesen Abenden stets willkommen, und wer mit offenen Ohren und einem leeren Magen kommt, geht garantiert mit beidem reich gefüllt nach Hause.
Übernachtungsmöglichkeiten gibt es in Welso selbst nicht, aber Bäuerin Wiebke Petersen vermietet in der warmen Jahreszeit auf ihrem Hof zwei Gästezimmer unter dem Namen „Petersens Diel“. Die Zimmer sind einfach, aber behaglich, und morgens stellt Wiebke ein Frühstück mit hausgemachter Mettwurst und frischen Brötchen vor die Tür. Für alle anderen Belange des täglichen Lebens – Post, Bank, Arzt – muss man ins sechs Kilometer entfernte Kohlamünde oder ins fünf Kilometer entfernte Bunsa ausweichen. Doch das nimmt man in Welso gelassen hin; schließlich, so sagt man hier, kommt der Briefträger dreimal die Woche mit dem Fahrrad, und für alles andere gibt es den Nachbarn.
So ist Welso ein Dorf, das auf den ersten Blick wenig zu bieten scheint und bei genauerem Hinsehen umso mehr schenkt: die Ruhe einer stillen, von Wasser und Weiden geprägten Landschaft, die Herzlichkeit einer eingeschworenen Gemeinschaft und die Entdeckung, dass große Handwerkskunst auch in den kleinsten Orten gedeiht. Wer die Muße mitbringt, auf der Bank am Teich Platz zu nehmen, während die Sonne hinter den Dächern versinkt und der Duft von geräuchertem Schinken in der Luft liegt, wird verstehen, warum die 72 Einwohner ihre Heimat um nichts in der Welt eintauschen würden.
Verkehrsverbindungen:
Bahn: Linie 3001 (Northern Desert Railway) stündlich 6:46-21:46 nach Kohla, 6:17-21:17 nach Western
Straße: K310 (SW: Bunsa 5km, NO: Kohla West 6km); K308 (NW: Kohlamünde 4,5km, O: Radebeul 5km)
Land: Kohlonia
Landkreis: Teichfurt
Postleitzahl: K-3150 Welso

