(Pop.: 735 – 5m NN)

Wer an einem klaren Morgen auf der Mole von Kohlamünde steht und den Blick über die Bucht von Kohla schweifen lässt, dem bietet sich ein Bild, in dem Vergangenheit und Gegenwart des kleinen Ortes aufs Schönste zusammenfließen: keine fünfzig Meter entfernt tuckert die „Sturmtaucher“ durch die Fahrrinne – einer der vier Kutter der alteingesessenen Fischereigenossenschaft – während hinter den Dünen der schlanke, rot-weiß gestreifte Leuchtturm von 1876 in der aufgehenden Sonne aufglüht und in der klaren Luft bereits die ersten Räucheraromen der Fischräucherei Kordes herüberziehen. „Das riecht nach Heimat“, sagt ein alter Fischer, der an der Kaimauer sein Netz flickt – und tatsächlich ist es dieser Geruch, der Besucher bereits an der Bundesstraße 30 empfängt, lange bevor das Ortsschild mit der Aufschrift „K-3010 Kohlamünde“ ins Blickfeld rückt.

Dabei ist der Name des Ortes mit seinen gerade einmal 735 Einwohnern durchaus wörtlich zu nehmen: Kohlamünde liegt auf der Südseite der Mündung des Kohla-Flusses, jenes rund fünfzig Kilometer langen Gewässers, das im Kohlgebirge entspringt und bei Kohla, der ältesten geschichtlich belegten Stadt der gesamten Inselwelt Landauris, in die Sturmsee fließt und hier, am äußersten Rand des Kreises Teichfurt, die weite Bucht von Kohla bildet. Die Siedlung, nur fünf Meter über dem Meeresspiegel, schmiegt sich zwischen die Deichlinien und ein natürliches, von Sandbänken geschütztes Hafenbecken, das den Fischern seit jeher einen sicheren Liegeplatz bietet – sofern die Sturmsee die Einfahrt nicht wieder einmal versandet hat. Dass die Pflege des Hafenbeckens und der Fahrrinne eine Daueraufgabe ist, weiß niemand besser als Hafenmeister Tjark Henningsen, der jeden Morgen mit einem langen Peilstock die Wassertiefe misst und den kleinen Schwimmbagger dirigiert, der im Sommer fast wöchentlich im Einsatz ist.

Die Geschichte Kohlamündes ist eng mit jener Kohlas verwoben. Während die Hauptstadt sechs Kilometer flussaufwärts bereits im Jahr 722 durch Kapitän Eoban gegründet wurde und später zur glanzvollen Residenz der Seelandfürsten aufstieg, war die Flussmündung über Jahrhunderte kaum mehr als ein windumtoster Ankerplatz, an dem Fischer ihre Hütten errichteten. Erst 1734, in einer Zeit wachsender Handelsströme zwischen den Provinzen, errichtete die fürstliche Verwaltung ein Zollhaus, das die Waren kontrollierte, die auf dem Weg ins benachbarte Seeland die alte Binnenzollgrenze passierten. Noch heute erinnert der zweigeschossige Backsteinbau mit seinem hohen Walmdach an diese Epoche. Längst hat man das Haus in ein liebevoll eingerichtetes Museum zur Geschichte der Fischerei und Küstenschifffahrt verwandelt. Museumsleiterin Merle Quast, eine Frau mit einer beeindruckenden Kenntnis seemännischer Knoten, hat über Jahre eine Sammlung historischer Fischereigeräte und Schiffe zusammengetragen, deren Herzstück eine Kollektion filigran gearbeiteter Buddelschiffe ist, die in der gesamten Region ihresgleichen sucht.

Ein gutes Stück westlich des Hafens, auf einer kleinen Anhöhe, die zu den wenigen Erhebungen der flachen Küstenlandschaft zählt, erhebt sich der alte Leuchtturm. 1876 als schlanker Ziegelbau mit einer Feuerhöhe von 28 Metern errichtet, leitete sein rot-weißes Leuchtfeuer über Generationen die Fischerboote sicher in die Flussmündung. Heute dient er nicht mehr der Navigation – moderne Funkfeuer haben seine Aufgabe übernommen –, aber seine Aussichtsplattform ist zu einem stillen Wahrzeichen des Ortes geworden. An klaren Tagen reicht der Blick von hier oben bis zu den Silhouetten der Hauptstadt Kohla und weit hinaus auf das Westmeer. Eine Besonderheit, die selbst viele Einheimische kaum kennen: Seit einigen Jahren ist im Turmzimmer ein kleines Standesamt eingerichtet. Standesbeamtin Gesa Bruns vollzieht hier oben, mit dem endlosen Meer als Kulisse, Trauungen für Paare aus dem gesamten Kreis Teichfurt. Die nächsten freien Termine, sagt sie, seien für Monate ausgebucht – wer hier heiraten möchte, müsse also früh planen.

Der Ort selbst gliedert sich in zwei deutlich voneinander zu unterscheidende Siedlungskerne. Am Wasser liegt das alte Hafenviertel mit seinen schmalen, kopfsteingepflasterten Gassen, in denen sich einst die Fischerhäuser mit ihren kleinen, weiß gekalkten Fassaden und blau gestrichenen Türen dicht an dicht drängten. In der Netzgasse 4 wohnt noch immer Fischereimeisterin Fenna Lührs, die mit ihren beiden Söhnen den Kutter „Anke“ führt und jeden Morgen um vier Uhr zum Dorschfang ausläuft. Gegenüber, im Fischerhus am Kai 2, hat sich im vergangenen Jahr mit dem „Sturmkate“ ein kleines Café eröffnet, das neben selbstgebackenem Kuchen eine Terrasse direkt am Wasser bietet. Ein paar hundert Meter landeinwärts, auf dem ehemaligen Deichvorland, liegt das neuere Wohngebiet, das in den 1960er Jahren angelegt wurde, als Kohlamünde einen bescheidenen Aufschwung erlebte und junge Familien vom Land anzog. Die Straßen tragen hier Namen wie „An der Buhne“ oder „Muschelweg“ – letzterer erinnert an die Kohlamünder Muschelzucht, die 1998 von dem Biologen Dr. Jörn Petersen an den westlichen Buhnen begründet wurde und seither Miesmuscheln für den regionalen Markt produziert. In guten Jahren liefern die Langleinen bis zu zwölf Tonnen der schmackhaften Schalentiere.

Ein Spaziergang durch Kohlamünde wäre unvollständig ohne einen Besuch der Fischräucherei Kordes. 1885 von Hinrich Kordes in einem schlichten Holzschuppen am Kai gegründet, wird sie heute in fünfter Generation von Enno Kordes geführt, einem ruhigen, stämmigen Mann um die sechzig, der die Kunst des Räucherns von seinem Vater gelernt hat. In den gemauerten Öfen, die noch aus der Gründerzeit stammen, hängen ganzjährig Dorsch, Hering und Plattfisch über glimmenden Buchenspänen und nehmen jenes unverwechselbare Aroma an, das bei Westwind bis weit in den Ort hineinzieht. Die fertigen Filets, goldgelb und zart, werden noch warm in Pergamentpapier eingeschlagen und im angeschlossenen Hofladen verkauft, ebenso wie die eingelegten Rollmöpse, für die Helene Kordes, die Frau des Hauses, ein geheimes Rezept hütet. In den Regalen der kleinen Räucherkammer stapeln sich zudem Gläser mit maritimem Sanddorngelee, das ein findiger Sohn der Familie aus den Beeren der windzerzausten Büsche am Deichfuß einkocht.

Das Gemeindeleben des kleinen Ortes spielt sich vor allem im Dorfgemeinschaftshaus am Hafenplatz ab, das zugleich als Versammlungsraum der Freiwilligen Feuerwehr dient. Brandmeister Hauke Petersen, der tagsüber die kleine Postagentur am selben Platz betreibt, hält die Löschgruppe mit ihren zwanzig Aktiven in steter Bereitschaft – zum Glück meist nur für das jährliche Osterfeuer und gelegentliche Ölspuren auf der B303. Der einzige Gasthof des Ortes, der „Mündenkrug“ in der Deichstraße 12, bietet mit seinen sieben schlichten, aber sauberen Gästezimmern nicht nur eine Übernachtungsmöglichkeit für Radtouristen auf der Küstenroute, sondern ist auch der Treffpunkt für den wöchentlichen Stammtisch, an dem sich Fischer, Muschelzüchter und Rentner bei Kohlamünder Dorschpfanne und einem Bier aus der Teichfurter Brauerei austauschen. Ein Supermarkt existiert im Ort nicht; die Bäckerei Köster an der B30 versorgt die Bewohner mit Brot und Brötchen, und einmal in der Woche macht ein rollender Supermarkt aus Teichfurt Station. Wer mehr braucht, fährt die wenigen Kilometer nach Kohla, wo die Hauptstadt mit ihren Geschäften, Restaurants und dem Bahnhof der Zentobahn eine gute Anbindung bietet.

So abgeschieden Kohlamünde auf den ersten Blick wirken mag – es ist ein Ort, der durch seine Menschen und ihre Geschichten lebt. Da ist zum Beispiel Karl-Heinz „Kalle“ Detlefsen, der mit seinen 82 Jahren noch jeden Morgen zum Hafen radelt und auf einer Bank vor der Räucherei sitzt, um den Kuttern beim Auslaufen zuzusehen. Er erzählt gern die Legende vom „Mündengeist“, einer Sagengestalt, die angeblich bei Vollmond über die Deiche streift und den Fischern den Weg weist. Und wenn der Besucher dann am Abend auf der Mole steht, während die Dämmerung über die Sturmsee hereinbricht und das letzte Licht sich im rot-weißen Turm des Leuchtturms bricht, dann versteht er, warum die 735 Bewohner dieser kleinen, dem Meer abgerungenen Siedlung sie mit so viel Stolz als ihre Heimat bezeichnen.


Verkehrsverbindungen:
Straße: B30 (W: Volo 10km, O: Kohla Hafen 5km); B303 (N: Nordorf); K309 (S: Bunsa 8km); K308 (SW: Welso 5km)

Land: Kohlonia
Landkreis: Teichfurt
Postleitzahl: K-3010 Kohlamünde