(Pop.: 225 – 12m NN)

Wer auf der Northern Desert Railway von Kohla hinüber ins Seeland nach Langsalza reist, der sollte den Halt in Bunsa nicht verschlafen. Zwischen den sanften Hügeln der Seeland-Ebene und dem dunklen Saum des Hochwalds liegt das kleine Dorf Bunsa im Landkreis Teichfurt. Der Zug, der stündlich in beide Richtungen verkehrt, hält an einem windschiefen Bahnsteig, den man kaum einen Bahnhof nennen mag – ein hölzernes Wartehäuschen, an dem morgens ein halbes Dutzend Berufspendler in der aufgehenden Sonne blinzelt, während der Lokführer schon wieder die Pfeife prüft. Die K310 zwängt sich im Nordosten durch den Weiler Welso und schlängelt sich im Südwesten – dort als SEE8 ausgeschildert – hinüber ins seeländische Langsalza. Von Norden her führt die schmale K309 aus Kohlamünde ins Dorf, von Süden her windet sie sich als SEE5 durch den Hochwald hinauf nach Hocheck. Die Straßen sind schmal, aber sie führen allesamt hierher, an den Rand des größten geschlossenen Waldstücks des Kreises.

Der Hochwald, ein rund 28 Quadratkilometer großes Eichen-Hainbuchen-Gehölz, das zur Hälfte jenseits der Landesgrenze im Seeland liegt, schiebt sich südlich des Dorfes wie ein grüner Wall in die Ebene. Einst trieben die Bauern ihre Schweine und Rinder in den Wald, ein Hutewald, der das Vieh mit Eicheln mästete und den Menschen Bauholz und Brennholz lieferte. Noch immer findet man zwischen den mächtigen, knorrigen Bäumen die Spuren der alten Weidezäune, und wenn im Herbst die Sonne tief steht, leuchtet das Laub in einem satten Gold, das weit über die Felder hin sichtbar ist. Das Dorf selbst duckt sich bescheiden an den Waldrand, als wolle es sich vor dem Wind verstecken, der von der Sturmsee herüberstreicht.

Die Wurzeln Bunsas reichen bis ins 14. Jahrhundert zurück. Es war ein Waldbauerndorf, dessen erster urkundlicher Eintrag – so erzählt man im Ort – auf einem 1347 datierten Pergament zu finden sei, das den Verkauf von sechs Hufen Land an das Kloster Teichfurt besiegelte. Der Ortsname selbst gibt Rätsel auf: Vielleicht stammt er von einem längst vergessenen wendischen Wort für die nahe Bache, vielleicht geht er auf den Namen eines frühen Siedlers zurück. Sicher ist nur, dass die heutigen Bewohner ihren geheimnisvollen Namen mit einem Schmunzeln tragen. „Wir sind Bunsaer“, sagt Ortsvorsteherin Mareile Timke gern, „und damit basta.“ Ihr Büro im ehemaligen Spritzenhaus ist immer geöffnet, wenn die Fahne an der Tür weht – eine alte Tradition, die im ganzen Kreis nur noch hier gepflegt wird.

Die Dorfmitte ist schnell gefunden: ein kleiner Anger mit einer mächtigen Linde, unter deren breitem Blätterdach an die dreißig Menschen Platz finden. In ihrer Rinde haben Generationen von Liebespaaren ihre Initialen geritzt, und an schönen Sommerabenden versammelt sich hier, wer Zeit und Lust hat, auf den knorrigen Holzbänken dem Summen der Bienen zu lauschen. Der steinerne Brunnen neben dem Baum, gekrönt von einer verwitterten Ritterfigur, wurde 1694 gestiftet und plätschert unermüdlich vor sich hin. Gesäumt wird der Anger von einigen schmucken Fachwerkhäusern, deren Gebälk in dunklen Brauntönen und gedeckten Rottönen leuchtet. Das Haus Angerstraße 3 mit seinem reich beschnitzten Erker aus dem Jahr 1721 ist das Postkartenmotiv des Dorfes – im Erdgeschoss betreibt Elsbeth Vroom eine winzige Teestube, in der es samstags hausgemachten Sanddornkuchen gibt.

Gleich nebenan erhebt sich die kleine Kirche St. Ehwald im Barte – eine schlichte Saalkirche aus grauem Bruchstein mit einem hölzernen Glockenturm, der bei Sturm bedenklich knarrt. Der Namenspatron, ein Missionar aus dem 8. Jahrhundert, der in den Chroniken als „der raubeinige Heilige mit dem struppigen Bart“ geführt wird, ist eine kohloniaweit seltene Weihe. Die im Innern der Kirche erhaltene Sandsteinstatue zeigt ihn tatsächlich mit einem ausgesprochen wilden Bart, unter dem eine Hand zum Segen hervorschaut. Pfarrerin Klarissa Vogts hält jeden Sonntag um halb zehn einen Gottesdienst, zu dem nicht selten mehr Besucher aus den umliegenden Weilern als aus dem Dorf selbst erscheinen. Ein besonderes Ereignis ist das Ehwaldfest am ersten Samstag nach Pfingsten, wenn die Freiwillige Feuerwehr Bunsa (unter der Leitung von Hauptbrandmeister Tammo Fries) einen Bierstand auf dem Anger aufbaut, der Kirchenchor das Halleluja anstimmt und die ganze Nacht unter der Linde gefeiert wird.

Drei Kilometer südlich vom Dorf, auf einem bewaldeten Hügel, thront die Burgruine Bunsa – nicht weniger als das bedeutendste historische Bauwerk des gesamten Landkreises Teichfurt. Errichtet im 12. Jahrhundert als Sitz eines Ministerialengeschlechts, das dem Fürstenhaus des Seelandes diente, war die Burg einst eine stolze Festung mit Bergfried, Palas und einer Ringmauer, die den gesamten Hügel umspannte. Ihre Zerstörung ist eng mit den Kämpfen verwoben, die die Inselwelt Landauri über Jahrhunderte erschütterten: Als 1432 die Bergwikinger über die Pässe des Kohlgebirges heranstürmten und die vereinten Heere der Königreiche Storha und Storcha sich ihnen entgegenstellten, hielt die Besatzung von Bunsa die Stellung – bis die Angreifer den Hügel stürmten und alles niederbrannten. Seitdem wurde die Burg nicht wieder aufgebaut. Erhalten sind der Stumpf des Bergfrieds, der wie ein zerbrochener Zahn in den Himmel ragt, große Teile der Ringmauer und die Grundmauern des Palas, in denen man bei genauem Hinsehen noch die Umrisse des Rittersaals und der Kemenate erkennen kann. Seit 1954 sichert und pflegt der Heimatverein Kohla-Süd die Ruine, und Vorsitzender Heino Bruns weiß von mancher stürmischen Nacht zu berichten, in denen die Geister der gefallenen Verteidiger um den Turm klagen. Der Aufstieg zur Burg führt über einen schmalen, mit Holzstufen befestigten Pfad von der K309 aus – festes Schuhwerk ist ratsam. Wer die Mühe nicht scheut, den belohnt oben eine Aussicht, die ihresgleichen sucht: An klaren Tagen reicht der Blick weit über die Seeland-Ebene bis zu den Türmen von Kohla, und manchmal, wenn die Luft besonders rein ist, zeichnet sich am Horizont sogar das ferne Sturmgebirge ab.

Zurück im Dorf, lohnt ein Abstecher an den Ortsrand, wo an der Einmündung der K309 in die K310 die Holländerwindmühle von Bunsa steht. Erbaut 1817 von Müller Jochim Hinnerk Voss, tat sie ein gutes Jahrhundert lang ihren Dienst, ehe die Flügel stillstanden und das Mauerwerk zu bröckeln begann. Eine aufwändige Restaurierung, die 2011 nach fünf Jahren Planung und Bau abgeschlossen wurde, hat die Mühle jedoch wieder voll funktionsfähig gemacht. Heute dient sie als Außenstelle des Standesamtes Teichfurt, und wer in dem achteckigen Trauzimmer mit seinen blanken Holzböden und dem Blick auf den Hochwald Ja sagt, der erzählt noch seinen Enkeln davon. Müller aus Berufung ist längst keiner mehr im Ort, aber der pensionierte Bäcker Hark Olfers schließt die Mühle jeden zweiten Samstag für Besucher auf und erklärt mit leuchtenden Augen, wie sich die Jalousieflügel in den Wind drehen. Trauungen nimmt Standesbeamtin Wiebke Müller vor, die dafür aus Teichfurt anreist und hinterher gern noch auf ein Stück Torte in der Teestube bleibt.

Dass Bunsa trotz seiner geringen Größe überregionale Bedeutung hat, verdankt das Dorf auch einer kleinen, feinen Tischlerei in der Hochwaldstraße 4. Der Meisterbetrieb von Henning und Greta Ohlsen hat sich auf die Restaurierung antiker Möbel spezialisiert und erhält Aufträge aus ganz Kohlonia und dem benachbarten Seeland. In der Werkstatt riechen Hobelspäne und Schellack in der Luft, während ein Biedermeier-Sekretär aus Kohla, eine barocke Kommode aus Langsalza und ein Bauernschrank aus Hocheck auf ihre Fertigstellung warten. Die Ohlsens geben ihr Wissen im örtlichen Heimatverein weiter, und einmal im Jahr veranstalten sie eine offene Werkstatt, bei der Besucher beim Polieren und Furnieren zusehen können.

Für das leibliche Wohl sorgt vor allem der Dorfgasthof „Zur alten Mühle“ (Mühlenweg 1), geführt von Kord Voss und seiner Frau Almut. Die Wirtsstube ist holzgetäfelt, der Biergarten unter der alten Kastanie urgemütlich, und die Speisekarte listet deftige kohlonische Hausmannskost: Kohlrouladen mit Salzkartoffeln, saure Eier in Senfsauce und als Höhepunkt den Bunsaer Waldpilzeintopf, dessen Rezept angeblich noch aus der Klosterküche von Teichfurt stammt. Am Stammtisch diskutieren die Männer des Angelsportvereins, welche Köder im Kjølevann oder Rimfrostelv am besten beißen, während die Frauen des KRK-Ortsvereins im Nebenraum Verbandsmaterial sortieren. Eine eigene Post oder Bank sucht man vergebens, aber jeden Dienstag kommt der rollende Sparkassenbus aus Teichfurt und parkt zwei Stunden auf dem Anger. Auch der Dorfladen von Petra Rickert in der Angerstraße 1 – ein winziger Raum mit einem verblüffend reichhaltigen Sortiment aus Konserven, Wurst, Brot und Zeitungen – ist eine Institution, ohne die Bunsa nicht funktionieren würde.

Was Bunsa auszeichnet, ist die Stille. Kein Durchgangsverkehr, keine Ampel, keine Hektik. Nur das leise Rattern der Windmühle, das Plätschern des Brunnens und das ferne Hämmern aus der Tischlerei. Wer hier ankommt, der bleibt vielleicht länger als geplant. Und wenn die Abendsonne den Hochwald in goldenes Licht taucht und über der Burgruine die ersten Sterne aufziehen, dann versteht man, warum die 225 Einwohner ihren kleinen Ort für den schönsten Flecken Kohlonias halten.


Verkehrsverbindungen:
Bahn: Linie 3001 (Northern Desert Railway) stündlich 6:40-21:40 nach Kohla, 6:23-21:23 nach Western
Straße: K310 (SW: als SEE8 nach Langsalza 9km, NO: Welso 5km); K309 (N: Kohlamünde 8km, S: als SEE5 nach Hocheck 6km)

LandKohlonia
LandkreisTeichfurt
Postleitzahl: K-3120 Bunsa