(Pop.: 24 – 321m NN)

Der kleine Weiler Essteehaus gehört verwaltungsmäßig zur Stadt Gasston, liegt aber ein gutes Stück abseits des städtischen Alltags. Nur 24 Menschen leben hier auf 321 Metern über dem Meer, an der Landstraße Z-8, die sich in sanften Kurven über den Drosener Rücken zieht. Wer von Wildeck her kommt, erkennt Essteehaus zunächst kaum: ein paar Dächer über Feldern, eine Reihe alter Obstbäume, dahinter ein schmaler Streifen Wald. Erst wenn man näherkommt, öffnet sich der Blick auf eine kleine Ansammlung von Höfen, Scheunen und Gärten, die sich locker um einen unscheinbaren Dorfplatz gruppieren.

Der ungewöhnliche Name sorgt bei Besuchern fast immer für ein Lächeln. „Essteehaus“ klingt nach einem Ort, an dem Tee ausgeschenkt wird, doch mit Teehäusern im klassischen Sinne hat der Name vermutlich wenig zu tun. Die gängigste Erklärung führt auf einen alten Hofnamen zurück: „Estehus“ oder „Este-Haus“, der in mittelalterlichen Urkunden erwähnt wird und vermutlich den Besitz einer Familie Este bezeichnete. Über Jahrhunderte wurde daraus im Dialekt „Essteehus“, bis sich schließlich die heutige Schreibweise einbürgerte. Manche Bewohner erzählen Gästen allerdings gern eine andere Version: Früher hätten Reisende auf dem Weg über den Rücken hier Rast gemacht und „Ess-Tee“ bekommen, eine einfache Mahlzeit mit Kräutertee aus dem nahen Wald. Historisch belegt ist das nicht, aber die Geschichte passt wunderbar zur Atmosphäre des Ortes.

Essteehaus besteht im Grunde aus einer Handvoll Höfen, die entlang der Z-8 und einer kurzen Seitenstraße liegen. Einige Gebäude stammen noch aus dem 19. Jahrhundert, Fachwerk mit weiß gekalkten Gefachen und dunklen Balken. Besonders auffällig ist der Hof der Familie Harnisch, dessen große Scheune mit einem geschnitzten Torbalken geschmückt ist. Die Jahreszahl 1864 steht darauf, daneben eine kleine Darstellung von Pflug und Ähren. Gleich gegenüber befindet sich ein kleiner Brunnenplatz, der früher wohl der Treffpunkt der wenigen Bewohner war. Heute steht dort eine hölzerne Bank, auf der man am Abend gelegentlich zwei oder drei Nachbarn sitzen sieht, die den Verkehr zählen können, ohne sich zu verzählen.

Der Weiler wirkt ruhig, fast schläfrig, doch er ist keineswegs verlassen. Viele Bewohner pendeln täglich nach Gasston. Einige arbeiten bei der Firma QuickCircuit Elektrotechnik oder im Zentrum für Mikro- und Nanotechnologie. Morgens sieht man daher regelmäßig Autos, Fahrräder oder gelegentlich auch einen alten Traktor auf der Straße, der sich in Richtung Stadt bewegt. Die Entfernung ist gering genug, um den Weg in wenigen Minuten zurückzulegen, und doch fühlen sich die Bewohner von Essteehaus deutlich weiter draußen.

Landwirtschaft spielt weiterhin eine Rolle, wenn auch in kleinem Maßstab. Die Felder rund um den Weiler werden vor allem für Getreide und Futterpflanzen genutzt. Hinter den Höfen stehen Obstgärten mit Apfel- und Pflaumenbäumen, deren Früchte im Herbst zu Saft oder Marmelade verarbeitet werden. Die Familie Lorenz hält eine kleine Herde Schafe, die auf den sanften Hängen grasen. Ihre Wolle wird einmal im Jahr gesammelt und in einer Werkstatt in Gasston weiterverarbeitet.

Ein Spaziergang durch Essteehaus dauert kaum länger als zehn Minuten, doch gerade darin liegt sein Reiz. Hinter jedem Gartenzaun wachsen Blumen, Kräuter oder Beerensträucher. Auf einer Wiese am Ortsrand stehen zwei mächtige Linden, unter denen im Sommer ein improvisierter Tisch aufgestellt wird. Hier feiern die Bewohner ihr jährliches Hoffest. Dann kommen auch Gäste aus Gasston und den umliegenden Orten. Es wird gegrillt, jemand bringt Akkordeonmusik mit, und die Gespräche dauern bis tief in die Nacht. Für einen Abend wirkt Essteehaus dann wie ein Dorf, obwohl es eigentlich nur ein Weiler ist.

Die Landschaft ringsum prägt das Leben stärker als jedes Gebäude. Die Felder fallen sanft nach Westen ab, während im Norden der Waldrand des Zaubernebelhains beginnt, jenes geheimnisvollen Waldgebiets oberhalb von Gasston. Früh am Morgen kann Nebel aus dem Wald über die Felder ziehen und den Weiler in eine stille, milchige Hülle legen. Dann scheint die Welt für einen Moment stillzustehen, bis irgendwo eine Scheunentür quietscht oder ein Hahn kräht.

Auch Wanderer entdecken Essteehaus gelegentlich. Die Z-8 wird von Radfahrern genutzt, die zwischen Wildeck und Gasston unterwegs sind. Viele halten kurz an, um Wasser zu trinken oder ein Foto zu machen. Der Blick über die offenen Felder gehört zu den schönsten auf dem Drosener Rücken. Bei klarem Wetter erkennt man sogar die Türme von Gasston in der Ferne.

Ein offizielles Gasthaus gibt es im Weiler nicht, doch Besucher werden selten hungrig weitergeschickt. Die Bewohner sind daran gewöhnt, dass sich gelegentlich jemand nach dem Weg erkundigt oder nach einer Rastmöglichkeit fragt. Besonders bekannt ist die kleine Honigkiste der Imkerin Sabine Tretter, die vor ihrem Haus steht. Darin liegen Gläser mit hellgoldenem Honig aus den Wiesen und Waldblüten der Umgebung. Daneben steht eine Blechdose für das Geld und ein handgeschriebenes Schild: „Vertrauen ist die beste Währung.“

In verwaltungstechnischer Hinsicht gehört Essteehaus vollständig zu Gasston. Post, Schule, Einkaufsmöglichkeiten und medizinische Versorgung befinden sich dort. Für die Kinder des Weilers bedeutet das jeden Morgen eine kurze Fahrt mit dem Schulbus, der auf der Z-8 hält. Der Busfahrer kennt alle Namen und wartet manchmal eine Minute länger, wenn ein Kind mit flatterndem Ranzen noch über den Hof gerannt kommt.

So bleibt Essteehaus ein Ort, der kaum auffällt und gerade deshalb im Gedächtnis bleibt. Keine Sehenswürdigkeiten im klassischen Sinn, keine großen Plätze oder Kirchen, nur ein paar Höfe, Felder und Menschen, die ihre Ruhe schätzen. Wer hier anhält, spürt schnell, dass die Stille kein Zufall ist, sondern Teil der Landschaft und des Lebensrhythmus. Essteehaus ist ein winziger Punkt auf der Karte des Drosener Rückens, doch einer mit eigenem Charakter, so unaufdringlich wie der Duft von Kräutern, der manchmal vom Wald herüberweht.


Ch.: Z-8 (W: Wildeck 9km, O: Gasston 5km)