(Pop.: 746 – 301m NN)

Horchau, ein Dorf von nur 746 Einwohnern, liegt elf Kilometer westlich von Lauscha im waldreichen Herzen des Zentralmassivs. Wer aus Richtung Osten über die sanft ansteigende B36 kommt, sieht den Ort erst im letzten Moment: Er duckt sich tief ins Tal des Horchbaches, dessen Wasser hier seit Jahrhunderten den Rhythmus des Dorflebens bestimmt. Der Bach rauscht hell und klar zwischen Fichtenstämmen hindurch, und an der Stelle, an der der kleine Zunig in ihn mündet, entstand einst die erste Siedlung. Alte Geschichten erzählen, dass die frühen Holzfäller den Ort „Horch-Au“ nannten, weil man hier angeblich die Stimmen des Waldes besonders gut hören konnte. Manche behaupten, es seien nur die Winde gewesen, die durch die Fichtenkronen strichen, andere schwören, es seien die Rufe der Berggeister gewesen, die in den tiefen Schluchten des Zentralmassivs hausen sollen. Wie auch immer – der Name blieb, und mit ihm die Vorstellung, Horchau sei ein Ort, an dem man genauer hinhört als anderswo.

Das Dorf selbst zieht sich entlang des Baches, der von einer alten Holzbrücke überspannt wird. Diese Brücke, deren Fundament noch aus dem 14. Jahrhundert stammt, ist heute das beliebteste Fotomotiv des Ortes. Besonders im Herbst, wenn die Bergfichten sich dunkel gegen das gelbrote Laub der wenigen Laubbäume abheben, stehen hier oft Wanderer und Radfahrer, die über die B36 oder die Z‑1 ins Tal gekommen sind. Die Brücke ist schlicht, aber sie trägt die Spuren vieler Generationen: Kerben von Holzfällern, eingeritzte Initialen junger Paare, und an einem Balken hängt ein kleines, verwittertes Messingschild, das an den Dorfschreiner Ralf Mertens erinnert, der die Brücke vor dreißig Jahren eigenhändig restaurierte.

Die traditionsreiche Schreinerei Mertens ist bis heute einer der wichtigsten Betriebe des Dorfes. Sie liegt am oberen Ende der Bachstraße, einem schmalen Weg, der sich zwischen dicht stehenden Häusern hindurchschlängelt. In der Werkstatt riecht es nach Harz und Bergfichte, und wer Glück hat, trifft den heutigen Inhaber, Jonas Mertens, bei der Arbeit an einem der schweren Tische, für die Horchau in der Region bekannt ist. Die Möbel aus Bergfichte werden bis nach Ferkelau geliefert, und manche Stücke stehen sogar in den Büros der Verwaltung von Zentro. Jonas erzählt gern, dass sein Großvater einst den Altar der Kirche St. Venera in Lauscha mitgefertigt habe – ein Werk, das in den 1920er Jahren in einer kleinen, längst verschwundenen Schnitzerei am Ortsrand entstand. Damals arbeitete ein gewisser Emil Rauschenberg dort, ein stiller Mann, der angeblich nur nachts schnitzte und tagsüber im Wald nach besonderen Holzstücken suchte. Der Altar, reich verziert mit floralen Motiven und einer ungewöhnlichen Darstellung der Heiligen Venera mit einem Zunig-Ast in der Hand, gilt heute als eines der schönsten Beispiele ländlicher Sakralkunst in Zentravia.

Im Zentrum von Horchau steht die Kirche St. Raban, ein schlichter Bau aus grauem Stein, dessen Turm kaum über die Baumwipfel hinausragt. Innen überrascht sie mit einer warmen, fast goldenen Atmosphäre, die von der berühmten Orgel herrührt. Sie wurde vor rund hundert Jahren von dem lokalen Instrumentenbauer Theodor Klemmbach gefertigt, dessen Werkstatt damals im Nachbarhaus der Kirche lag. Klemmbach war ein Eigenbrötler, der angeblich nie ein Instrument zweimal gleich baute. Seine Orgel in St. Raban ist klein, aber ihr Klang ist klar und hell, fast wie der Bach, der draußen vorbeirauscht. Jeden Sonntag spielt hier die Organistin Marlene Fichtner, die seit Jahrzehnten die musikalische Seele der Gemeinde ist. Zu besonderen Anlässen – etwa dem Waldfest im Juni oder dem Erntedank im Oktober – kommen Besucher aus den umliegenden Orten, um die Orgel zu hören.

Das Dorfleben spielt sich vor allem entlang der Hauptstraße ab, die schlicht „Horchauer Straße“ heißt. Hier findet man den kleinen Dorfladen von Familie Brückner, der zugleich Postagentur und Treffpunkt für Neuigkeiten ist. Morgens stehen hier oft ältere Männer aus dem Ort, die über die Waldwege diskutieren, die nach dem letzten Sturm gesperrt wurden, oder über die neuesten Entwicklungen in Ferkelau. Nebenan liegt die Bäckerei „Zum warmen Stein“, deren Besitzerin, Hilda Kranich, für ihre Zunig-Brote bekannt ist – schwere, dunkle Laibe, die mit Wacholder und einer Spur Honig gebacken werden. Viele Wanderer kaufen sich hier Proviant, bevor sie weiter in die Wälder ziehen.

Ein Stück weiter die Straße hinunter steht die kleine Brauerei „Horchauer Waldbier“, die von den Brüdern Lutz und Henrik Weller betrieben wird. Das Waldbier ist ein bernsteinfarbenes, leicht harziges Bier, das mit Fichtennadeln aromatisiert wird. Im Sommer sitzen die Gäste im kleinen Biergarten hinter der Brauerei, wo einfache Holzbänke unter einer alten Linde stehen. Hier trifft man oft auch Patienten aus dem Sanatorium am Ortsrand, das die reine Bergluft für Atemtherapien nutzt. Das Sanatorium, ein langgestreckter Bau aus den 1960er Jahren, liegt etwas erhöht über dem Dorf und bietet einen weiten Blick über das Tal. Viele Patienten kommen aus den Städten im Osten Zentravias und bleiben mehrere Wochen, um sich zu erholen. Manche von ihnen kehren später als Urlauber zurück, weil sie die Ruhe des Ortes schätzen gelernt haben.

Horchau besitzt keine eigene Schule mehr; die wenigen Kinder des Dorfes fahren mit dem Bus nach Lauscha. Doch es gibt einen kleinen Kindergarten, der im ehemaligen Gemeindehaus untergebracht ist. Das Gebäude, ein zweistöckiger Bau mit hellblauer Fassade, liegt am Rand des Dorfplatzes. Hier findet im Sommer auch das jährliche „Fest der Hörenden“ statt, eine Tradition, die an die alte Anekdote vom „Horch-Au“ anknüpft. Die Dorfbewohner stellen dann kleine Klanginstallationen auf – Windspiele aus Holz, gespannte Drähte, die im Wind singen, oder Wasserschalen, die leise plätschern. Besucher wandern von Station zu Station und lauschen den Geräuschen des Waldes, die sich mit den Klängen der Installationen mischen.

Wer in Horchau übernachten möchte, findet im Gasthof „Zum Zunig“ einfache, aber gemütliche Zimmer. Der Gasthof wird von Una Brennan geführt, die ursprünglich aus Lauscha stammt. Die Küche ist bodenständig: Wildgulasch, Fichtennadel-Suppe, gebratene Forelle aus dem Horchbach. Im kleinen Speisesaal hängen alte Fotografien des Dorfes, darunter auch ein Bild der Holzbrücke aus dem Jahr 1908, auf dem zwei Kinder in Sonntagskleidung stehen – angeblich die Urgroßeltern der heutigen Wirtin.

Die meisten Besucher kommen jedoch nicht wegen der Gastronomie, sondern wegen der Natur. Die Wälder rund um Horchau sind dicht, dunkel und voller schmaler Pfade, die sich zwischen Felsen und Wurzeln hindurchschlängeln. Besonders beliebt ist der „Zunig-Steig“, ein steiler Weg, der dem kleinen Nebenbach folgt und schließlich zu einer felsigen Lichtung führt, von der aus man weit über das Tal blicken kann. An klaren Tagen sieht man sogar die Hügel bei Flugdorf im Süden. Radfahrer nutzen die B36, die sich wie ein grünes Band durch die Wälder zieht und Horchau mit den umliegenden Orten verbindet.

Trotz seiner Abgeschiedenheit ist Horchau gut erreichbar. Die A5 liegt nur wenige Kilometer nördlich, und über die Z‑1 gelangt man schnell nach Zunig oder weiter Richtung Seestadt. Doch wer nach Horchau kommt, tut dies selten aus Eile. Der Ort ist ein Rückzugsraum, ein kleines Tal der Ruhe inmitten der großen Inselwelt Landauri. Hier hört man den Bach, den Wind und manchmal – wenn man lange genug lauscht – vielleicht sogar die Stimmen, die dem Dorf einst seinen Namen gaben.


Verkehrsverbindungen:
Straße: A5 (W: Seestadt, NO: Tremo); B63 (W: Sandig 7km, O: Ferkelau 10km); Landstraßen Z-1 (N: Zunig 7km; S: Flugdorf 16km); Z-2 (SO: Lauscha 14km)