
(Pop.: 125 – 321m NN)
Wer die B532 von Kornuschleuße kommend nach Osten abbiegt, fährt auf eine Streusiedlung zu, deren Name Programm ist. Die Forststraße wird schmaler, der Wald dichter, und irgendwann, zwischen knorrigen Eichen und silbrigen Birken, tauchen sie auf: die Höfe der Förster, Holzfäller und Waldbauern, die hier seit Generationen leben. Forstdorf ist kein Ort, den man einfach so findet – er liegt südlich des Bunbachtals, tief im Herzen des Whisperwood, jenes geheimnisvollen Waldes, dessen Bäume der Legende nach manchmal Stimmen flüstern sollen. Die Einheimischen lächeln nur, wenn man sie darauf anspricht. „Das sind bloß die Echos“, sagt der Revierförster Harald Borkmann und klopft mit der flachen Hand gegen einen der mächtigen Stämme, als würde er einen alten Freund begrüßen.
Die Geschichte des Dorfes ist eng mit dem Wald verbunden, der es umgibt. Schon die ersten Siedler, die sich hier niederließen, waren Männer und Frauen, deren Leben dem Holz gehörte. Aus dieser Zeit hat sich ein kurioser Name erhalten: Eine alte Flurkarte aus dem 16. Jahrhundert, die im Pfarrarchiv von Paulstedt aufbewahrt wird, verzeichnet das Gebiet als „Frostorff“. Manche Heimatforscher deuten dies als Hinweis auf die erste geschlossene Siedlung von Forstarbeitern, während andere darin eine Verballhornung des mittelhochdeutschen Wortes „vorst“ für Wildnis sehen. „Eigentlich ist es ganz einfach“, erzählt Gerda Pflaum, die Leiterin des Forstmuseums, und schüttelt den Kopf über die akademischen Debatten: „Es waren Förster, die hier lebten. Und weil man sie immer mit ‚Jägers‘ anredete, hieß der Ort irgendwann Jägersdorf. Das wurde dann im Lauf der Zeit zu Forstdorf.“ So oder so, der Name passt.

Das Zentrum des dörflichen Lebens ist eine Kapelle aus unbehauenen Steinen, die weithin sichtbar auf einer kleinen Anhöhe steht. Sie wurde im 14. Jahrhundert von Holzfällern erbaut, die für ihren gefährlichen Beruf göttlichen Beistand suchten. Drinnen riecht es nach altem Holz, Weihrauch und feuchter Erde. Die Decke wird von mächtigen Eichenbalken getragen, die einst selbst Teil des Waldes waren. Jeden Sonntag um neun Uhr findet hier ein schlichter, aber bewegender Gottesdienst statt, den Pfarrerin Jorinde Hellmann aus dem benachbarten Teistig hält. Ihre Predigten handeln oft von der Vergänglichkeit des Irdischen, von Baumriesen, die fallen, und jungen Trieben, die nachwachsen – eine Sprache, die die Waldbewohner verstehen.

Direkt neben der Kapelle befindet sich das Revierförsteramt für den gesamten Whisperwood. Ein imposanter, zweistöckiger Bau aus dunklem Holz mit einem Schieferdach, das bei Regen grau schimmert. Hier werden die Geschicke des riesigen Waldgebiets verwaltet. Harald Borkmann, der das Amt seit über zwanzig Jahren leitet, kennt jeden Weg und jeden Baum. Sein Büro ist ein Museum der Forstgeschichte: Gerätschaften, alte Karten, Jagdtrophäen und ein riesiger Eichenschreibtisch, an dem schon sein Vater und sein Großvater saßen. „Früher war das hier eine Männerwelt“, sagt er und nippt an seinem Kaffee, während er aus dem Fenster auf den Hof blickt, wo seine Tochter Laura gerade einen Traktor belädt. „Heute sind wir ein bunter Haufen. Ohne die Frauen würden wir hier nichts gebacken bekommen.“

Ein wahres Juwel ist das Forstmuseum in einer alten Scheune am südlichen Ortsrand, gleich neben dem Hof von Familie Weber. Die Ausstellung dokumentiert die Waldarbeit im Wandel der Zeit: von der Handsäge über die ersten dampfbetriebenen Maschinen bis hin zu modernen Harvestern. Giulia Esposito, eine junge Waldbäuerin, führt Besucher oft selbst durch die Sammlung und zeigt ihnen, wie ihr Urgroßvater noch mit einer zweimännigen Schrotsäge die dicken Stämme durchtrennte. Besonders stolz ist man auf eine voll funktionsfähige Dampfwinde aus dem Jahr 1887, die zu besonderen Anlässen vorgeführt wird.

Doch Forstdorf hat noch eine andere, kulinarische Seite. Im ganzen Whisperwood ist die Schweinemast in Waldweide Tradition. Die Tiere verbringen ihr ganzes Leben im Freien, suchen sich ihr Futter selbst und entwickeln so ein besonders aromatisches Fleisch. Das ganze Dorf duftet nach dem Rauch, der aus den kleinen Räucherkammern der Bauernhöfe aufsteigt. Die Königin dieser Kunst ist Konrad Wirtz, ein knorriger Alter mit wettergegerbtem Gesicht und kräftigen Händen. Seine Schinken reifen monatelang im kühlen Rauch von Buchenholz, bis sie eine tief bernsteinfarbene Farbe angenommen haben. Sie gelten als Delikatesse und werden bis in die Hauptstadt Zentro verschickt. Immer wieder machen sich Feinschmecker auf den weiten Weg, um bei Konrad direkt an der Quelle zu kaufen. Er ist ein stiller, wortkarger Mann, aber wenn man ihn nach seinen Schinken fragt, taut er auf. Er öffnet dann seinen kleinen Verkaufsraum und beginnt, hauchdünne Scheiben von einem seiner Exemplare zu schneiden. Man legt sie auf die Zunge, und sie zergehen in einer Wolke aus Holzrauch, Salz und dem Geschmack des Waldes.
Das gesellschaftliche Leben findet am Samstagabend im „Jägerheim“ statt, einer urigen Gaststätte im Herzen der Streusiedlung. Wirtin Zoe Laurent kocht mit Leidenschaft, und ihre Speisekarte ist kurz, aber dennoch voller regionaler Spezialitäten: Wildragout mit Preiselbeeren, hausgemachte Bratwürste vom Waldweideschwein und, wenn man Glück hat, ein Stück vom geräucherten Schinken direkt von Konrad Wirtz. Hier trifft sich der Stammtisch der Männer, die man im Ort nur „die Alten“ nennt, auch wenn sie längst nicht mehr alle arbeiten. Sie diskutieren über die Holzpreise, den Zustand der Waldwege und die neuesten Geschichten aus dem Whisperwood. Ab und zu kommt auch der junge Arzt Gregor Ziesche aus Paulstedt vorbei, der einmal im Monat Sprechstunde im Gemeinderaum hält.
Übernachten kann man in der kleinen Pension „Waldesruh“ von Familie Robert Klausewitz (Forstdorf 17, Z-2220) oder auf dem Bauernhof von Jonas Steinfeld (Am Bunbach 4), der zwei gemütliche Gästezimmer anbietet. Ein Hotel sucht man vergeblich – Forstdorf ist kein Ort für die große Reisegesellschaft, sondern für die, die die Ruhe suchen.
Forstdorf ist ein Ort der stillen Töne. Der Wind rauscht in den Wipfeln, der Rauch zieht von den Dächern, und ab und zu fällt der dumpfe Schlag einer Axt. Wer das moderne Leben für ein paar Tage hinter sich lassen möchte, findet hier alles, was das Herz begehrt: ehrliche Arbeit, gutes Essen und eine Landschaft, die einen in ihren Bann zieht. Der Whisperwood flüstert seine Geschichten – man muss nur genau hinhören.
Verkehrsverbindungen:
Straße: B532 (W: Kornuschleuße 9km, O: Paulstedt 8km); Z-9 (N: Klaro 10km, S: Teistig 12km); Waldstraße (SW: Somm 12km)

