
(Pop.: 3.415 – 67m NN)
Im Westen der Stegstedter Halbinsel, wo das Land in einer letzten, dramatischen Geste dem offenen Mare Internum entgegentritt, liegt die kleine Stadt Westfähre. Ihre 3.415 Einwohner machen sie zur bevölkerungsreichsten Gemeinde der gesamten Halbinsel – ein Status, den sie weniger ihrer Größe als vielmehr der Lage verdankt. Der Name ist Programm: Westfähre ist das Tor nach Ackerland. Mehrmals täglich legt hier die Autofähre nach Spitzkap ab, und die rund einstündige und viertelstündige Überfahrt ist das Herzstück des städtischen Lebens. Der Insula-Express hat diesen Umstand längst für sich entdeckt und betreibt eine Fährbuslinie, die den Bahnhof in der Kreisstadt Stegstedt im Zweistundentakt mit dem Terminal in Westfähre verbindet. So schließt sich die Verkehrslücke, und Besucher strömen vor allem in den Sommermonaten hierher, angelockt von der feinsandigen Strandpromenade, die sich über zwei Kilometer am Meer entlangzieht. An warmen Tagen ist sie das Reich der Ausflügler aus der Hauptstadt, die sich zwischen Strandkörben und kleinen Bistros einfinden, ein lebhaftes, aber nie hektisches Treiben.

Kein Besuch in Westfähre wäre vollständig ohne einen Abstecher an jenen Strand, der die Stadt überhaupt erst zu dem macht, was sie ist. Die mehr als zwei Kilometer lange, feinsandige Promenade lädt zum Flanieren ein, doch ein Anblick dort ist so skurril wie einzigartig: die „Autofähre“. Als im Jahr 2004 eine der beiden alten Fährverbindungen nach Spitzkap ausgemustert wurde, kam der findige Bürger Torben Matthiesen, seines Zeichen Schiffsmechaniker mit einem Schuss Tollkühnheit, auf eine geniale Idee. Er kaufte das ausgediente Schiff für einen Spotpreis, ließ es auf einem Tieflader an Land bringen, montierte Räder von einem ausgemusterten Armeelastwagen darunter und stellte die ehemalige „Möwe“ mitsamt ihrer Brücke kurzerhand an der Strandstraße auf. Aus dem Schriftzug „Autofähre“ an der Bordwand wurde Wirklichkeit: Er baute eine Bushaltestelle mit Fahrplan für seine „Autofähre“. Heute steht das kurios-schöne Gefährt noch immer am Rande der Dünen, von Kindern als Klettergerüst erobert und von Touristen als Fotomotiv geliebt – ein Denkmal für den hanseatischen Witz und die Hartnäckigkeit der Westfährer.

Doch Westfähre hat ein zweites, ein ursprünglicheres Gesicht. Die historische Wurzel des Ortes ist die Fischerei, und sie ist bis heute nicht verstummt. Im Schatten des alten, rot-weiß gestrichenen Leuchtturms, der stumm über die Einfahrt wacht, liegt ein Teil der kreisweiten Fischereiflotte vertäut. Wenn morgens die ersten Kutter einlaufen, erfüllt der intensive Geruch von Fisch und Salz die Luft. Kapitän Willem van der Meer, ein wettergegerbter Mann mit leisen, bestimmten Bewegungen, bringt dann seinen Fang an Land, ein großer Teil davon wird direkt in die zwei modernen Fabriken geliefert, die sich auf die Herstellung von Tiefkühlfischfilets und feinen Räucherwaren spezialisiert haben. Man riecht den Rauch, der über die Dächer zieht, wenn die Filets traditionell über Buchenholz gegart werden. In den Fabrikverkäufen erwerben Ortskundige Lachs und Makrele von bester Qualität.

Daneben hat sich in den letzten Jahren eine überraschend lebendige Handwerkerszene etabliert, die sich der ertragreichen Wildnis der Halbinsel zugewandt hat: dem Sanddorn. Eine kleine Werkstatt am Hafen, betrieben von der quirligen Johanna Friemann, stellt aus Hanffasern umweltfreundliche Taschen, Rucksäcke und robuste Kleidung her. Ihre Kundschaft schätzt die langlebigen, lokalen Produkte. In einem Hinterhof in der Lehmstraße gewinnt ein anderer Betrieb aus den leuchtend orangen Kernen des Sanddorns ein kaltgepresstes Speiseöl, das mit seinem leicht nussigen, fruchtigen Aroma in den besten Küchen der Region geschätzt wird. Die Handwerker sind eine verschworene Gemeinschaft, die einmal im Monat einen kleinen Markt am alten Hafenbecken veranstaltet. Wer das Glück hat, gerade hier zu sein, kann sich auf selbstgebackenes Brot, handgewebte Stoffe und die pure Lebensfreude dieser kreativen Szene freuen.
Die Altstadt
Wenn man die Strandpromenade hinter sich lässt und sich ins Landesinnere wendet, betritt man die eigentliche Seele von Westfähre: seine Altstadt. Sie ist ein Labyrinth aus engen, verwinkelten Gassen, in denen der Wind eine ganz eigene Melodie pfeift. Der Übergang vom lärmenden, von Möwen umschwirrten Hafentrubel in die Stille der Gassen ist wie eine kleine Zeitreise. Zwischen den hohen, spitzgiebeligen Bürgerhäusern aus rotem Backstein, deren Fassaden von der rauen Seeluft gezeichnet und geglättet sind, findet sich ein authentisches, unaufgeregtes Leben, das weitgehend am Tourismus vorbeiplätschert.

Das unbestrittene Herzstück der Altstadt ist die St.-Nikolai-Kirche. Der Legende nach wurde sie auf den Grundmauern einer hölzernen Kapelle errichtet, die schon im 10. Jahrhundert den Fischern als Schutz vor Sturm und als Gebetsstätte diente. Der robuste, wehrhafte Bau aus dem 13. Jahrhundert erinnert mit seinen dicken Mauern und den kleinen, tief sitzenden Fenstern an die unruhigen Zeiten, in denen die Küstenbewohner stets mit Überfällen rechnen mussten. Ihr schlichter, aber mächtiger Turm ist ein weithin sichtbares Wahrzeichen, das den Ort schon seit Jahrhunderten überragt. Wer die schwere, mit Eisen beschlagene Tür öffnet, steht in einem schlichten, lichtdurchfluteten Raum. Der Innenraum ist überraschend hell, getüncht in gebrochenem Weiß, und das Licht, das durch die hohen Bleiglasfenster fällt, lässt den alten Stein lebendig wirken. Ein Kunstwerk von besonderer Bedeutung findet sich im Altarraum: das hölzerne Triumphkreuz aus dem 15. Jahrhundert. Der gekonnt geschnitzte Kruzifixus mit seinen leidenden Zügen ist ein Meisterwerk gotischer Volkskunst und zeugt von der tiefen Frömmigkeit der damaligen Bevölkerung. Pastorin Elin Madsen, eine quirlige Frau in den Vierzigern, die aus der Hauptstadt hierher verschlagen wurde, sagt gerne: „In dieser Kirche spürt man noch den Atem der Menschen, die hier vor uns waren. Das ist kein Museum, das ist ein lebendiges Haus.“ Ihre sonntäglichen Gottesdienste, begleitet von der kleinen, aber feinen Orgel, sind gut besucht – eine Mischung aus alteingesessenen Fischern, Handwerkern und den neugierigen Gästen, die den Weg in die Stadt gefunden haben.

Gleich gegenüber der Kirche, am Altstädter Markt, einem gepflasterten, von Linden gesäumten Platz, steht das Rathaus von Westfähre. Es ist kein prätentiöser Bau, sondern ein schlichtes, zweistöckiges Gebäude aus dem späten 18. Jahrhundert, das mit seinem Glockentürmchen und der Freitreppe eher an ein großes Bürgerhaus erinnert. Die Fassade ist schmucklos, nur ein steinernes Stadtwappen über dem Portal – ein silberner Fisch auf blauem Grund – ziert den Bau. Drinnen riecht es nach Bienenwachs und altem Papier. Die Sitzungen des Gemeinderats finden im großen Saal im ersten Stock statt, wo ein Ölgemälde von Radulf Stegsted, dem legendären Häuptling der Halbinsel, hängt. Es ist ein beliebter Ort für standesamtliche Trauungen, bei denen die Brautpaare nach der Zeremonie traditionell die Freitreppe hinabsteigen und von den Gästen mit Reis und Meeresrauschen empfangen werden. Vor dem Rathaus befindet sich der wöchentliche Markt: jeden Samstagmorgen bauen die Bauern und Produzenten der Umgebung hier ihre Stände auf, um ihre Waren anzubieten – frischer Fisch direkt vom Kutter, das berühmte Sanddornöl in allen Variationen, dampfende Fleischpasteten und natürlich das knackige, mit Meersalz gewürzte Brot aus dem Steinofen der Bäckerei Jürgensen.

Die Altstadt ist auch das Refugium für kleine, feine Läden, die dem Massentourismus trotzen. In der Schiffergasse befindet sich die Buchhandlung „Kapitäns Buch“ von Gunnar Thomsen. In dem vollgestopften, gemütlichen Laden findet man neben Bestsellern eine exzellente Auswahl an Nautik-Literatur, Seekarten und regionalen Kochbüchern. Ein Muss für jeden, der sich für die maritime Geschichte der Region interessiert. Nur wenige Schritte entfernt, in der Krämerstraße, hat die Töpferei „Blauer Pulp“ von Signe Lorenzen ihr Zuhause. Die Künstlerin stellt hier Gebrauchskeramik her, die sie mit Ascheglasuren veredelt – die Farben sind von der Landschaft inspiriert: das tiefe Blau des offenen Meeres, das Grau eines Himmelsturms und das helle Beige des Sandstrandes. Ihre Werkstatt ist offen, und Besucher können ihr bei der Arbeit über die Schulter schauen. Wer nach einem Imbiss für unterwegs sucht, wird in der Fleischerei Höckner (Am Markt 4) fündig. Der Familienbetrieb ist berühmt für seinen „Westfährer Fischbrötchen“ – ein nicht ganz traditionelles, aber umso köstlicheres Gericht, bei dem geräucherter Aal auf einer Scheibe des hausgemachten Roggenbrotes mit einer würzigen Meerrettichsoße serviert wird. Und für das leibliche Wohl zwischendurch empfiehlt sich ein Halt bei „Zuckerbäcker Nissen“ (Kirchstraße 8), der die Gäste mit „Sanddorn-Makronen“ und einem duftenden, starken Kaffee verwöhnt. Das Leben in der Altstadt wird getragen von Menschen wie der Rentnerin Hilde Brandau, die jeden Morgen um zehn Uhr auf der Bank vor dem Rathaus erscheint und mit ihrem Dackel „Paul“ die Passanten beobachtet, oder dem jungen Architekten Lars Jensen, der aus der Stadt zurückgekehrt ist, um das alte Speicherhaus seiner Großeltern zu einem modernen Atelier umzubauen. Sie alle weben das feine, widerstandsfähige Netz dieses kleinen Universums, das sich seinen ganz eigenen Rhythmus bewahrt hat – abseits von Fähre und Strand, aber direkt im Herzen der Stadt.

Zwei Häfen für die Nacht
Für Übernachtungsgäste bietet Westfähre zwei sehr unterschiedliche, aber gleichermaßen charmante Möglichkeiten. Das Hotel Leuchtturmwache (Strandpromenade 1) ist der traditionsreiche Luxus des Ortes. Direkt neben dem alten Leuchtturm gelegen, bietet das Gebäude aus weiß verputztem Backstein einen atemberaubenden Blick über das offene Meer. Die Zimmer sind hell, mit viel Holz und maritimen Details eingerichtet. Im hauseigenen Restaurant, das von Küchenchef Mathieu Bonnet geführt wird, gibt es eine exquisite, moderne Interpretation der klassischen Fischküche. Eine preisgünstigere, umso herzlichere Alternative ist der Gasthof „Zum Anker“ (Fischergasse 7), der seit drei Generationen von der Familie Krüger geführt wird. Die gemütlichen, etwas in die Jahre gekommenen Zimmer sind blitzblank, und das Frühstück mit hausgebeiztem Hering ist legendär. Viele Stammgäste kommen seit Jahrzehnten hierher und schätzen die familiäre Atmosphäre.

Kulinarik mit Aussicht
Zwei Gaststätten sollte man sich nicht entgehen lassen. Das Fischhaus Westfähre (Am Kai 4) ist die erste Adresse für authentische, bodenständige Küche. Hier serviert Inhaber und Koch Olaf Nissen den Fang des Tages, den er selbst auf dem Markt auswählt. Die „Westfährer Fischsuppe“ mit Sahne, Dill und einem Schuss Weißwein ist eine lokale Institution. Für Liebhaber vegetarischer Küche ist der Sanddornhof (Mühlenweg 12) ein Geheimtipp. In einem umgebauten Bauernhaus kocht die junge Köchin Lena Porsch mit viel Kreativität und Saisonalität. Ihre Kreationen mit Sanddorn, Meerkohl und anderen Wildkräutern der Küste sind eine wunderbare Überraschung für den Gaumen.

Der perfekte Ausklang eines lauen Sommerabends findet sich im Paddy’s Pub (Hafenstraße 19). Hier treffen sich Einheimische und Touristen, um bei einem Guinness oder einem lokalen Bier aus der Stegstedter Brauerei zu plaudern. Die Einrichtung ist urig mit dunklen Holztischen, und manchmal spielt der örtliche Folk-Club auf. Ein authentischer Ort, um einen Blick auf das alltägliche Leben in Westfähre zu werfen.
Verkehrsverbindungen:
Bus: Fährenbus nach Stegstedt aller zwei Stunden 9:05-21:05
Fähre: aller zwei Stunden 6:00-18:00 nach Spitzkap (Überfahrt dauert 1h 15min)
Straße: B34 (O: Stegstedt 11km); I-1 (SO: Landstrand 13km); Küstenweg (N: Fischerhütten 4km); Lehmstraße über den Stegstedter Rücken durch den Hushwood nach Anbucht 12km
Land: Insula
Landkreis: Stegstedt
Ort: I-3020 Westfähre (Insula)

