(Pop.: 109 – 488m NN)

Dol liegt auf 488 Metern Höhe in einem Seitental des oberen Novatals, dort, wo das Feenwasser zwischen bewaldeten Hängen, Felsblöcken und schmalen Wiesenflächen talwärts fließt. Die kleine Siedlung gehört zur Gemeinde Boxa und zählt 109 Einwohner. Anders als die offenen Dörfer der Blumenthal-Ebene ist Dol deutlich vom Zentralmassiv geprägt: Die Sommer bleiben selbst an warmen Tagen angenehm frisch, im Herbst ziehen Nebelfahnen durch die Baumwipfel, und im Winter liegt der Schnee oft länger als im nur vier Kilometer entfernten Hauptort. Der Landkreis Novatal verbindet an dieser Stelle Gebirgswald, Holzhandwerk und Wandertourismus besonders eng miteinander.

Der Ortsname gibt bis heute Anlass zu Diskussionen. In alten Forstlisten erscheint die Bezeichnung „im Dol“ für eine feuchte Senke, während eine örtliche Überlieferung von dem Flößer Dolen Radek erzählt, der im Feenwasser einen verklemmten Holzstamm löste und dadurch eine Überschwemmung verhinderte. Belegt ist diese Geschichte nicht. Die Bewohner erzählen sie dennoch gern, besonders wenn Gäste fragen, weshalb der kurze Name so gar nicht zu den märchenhaft klingenden Flurnamen der Umgebung passen will. Als sicher gilt, dass Dol aus mehreren Waldarbeiterhäusern und einer kleinen Sammelstelle für geschlagenes Holz hervorging. Das Feenwasser trieb zeitweise einfache Sägen an und diente dazu, kurze Stämme bis zu einem Sammelbecken unterhalb von Boxa zu flößen.

Heute verteilen sich die Häuser locker entlang der Feenwasserstraße und des ansteigenden Kapellenwegs. Es sind überwiegend dunkle Holzbauten mit niedrigen Steinsockeln, steilen Schindeldächern und kleinen, sorgfältig genutzten Vorgärten. Zwischen Johannisbeersträuchern, Holzstapeln und Trockenstangen stehen gelegentlich geschnitzte Wegzeichen, die ein Blatt, einen Wassertropfen oder ein Werkzeug zeigen. Die meisten entstanden in der örtlichen Drechslerei „Feenholz“, die Milan Petrov und Elisa Brandt gemeinsam führen. In der Werkstatt werden aus Buche, Ahorn und Birke Schalen, Knöpfe, Griffe und Garnspulen gefertigt. Einen wichtigen Teil der Arbeit bilden außerdem kleine Holzteile für die Instrumentenfabrik Morgenklang in Altenow: Ringe für Holzblasinstrumente, Stimmwirbel, Abstandshalter und sorgfältig gedrehte Verzierungen. Besucher können durch ein Innenfenster von einem kleinen Schauraum aus zusehen, sollten aber damit rechnen, dass die Arbeit für laufende Aufträge Vorrang vor Vorführungen hat.

Zum wirtschaftlichen Alltag gehört auch der Forststützpunkt am unteren Ortsrand. Försterin Marieke van Dalen koordiniert dort gemeinsam mit einem kleinen Team die Pflege der umliegenden Mischwälder, kontrolliert Wege und Bachquerungen und organisiert die Aufarbeitung von Sturmholz. Große Kahlschläge sind in den steilen Lagen selten; gearbeitet wird abschnittsweise, damit der Boden geschützt bleibt und junge Bäume unter dem Schirm älterer Bestände nachwachsen können. Ein überdachter Holzplatz dient zugleich als Treffpunkt für Unterweisungen und als Lager für Brückenbohlen, Pfähle und Wegweiser. Nach starken Regenfällen beginnt hier oft schon am frühen Morgen die Kontrolle des Feenwassersteigs.

Das ehemalige Schulhaus, ein hell gestrichener Holzbau mit grünen Fensterrahmen, ist das beste Ziel für einen ersten Rundgang. Bis zur Zusammenlegung mit der Schule in Boxa wurden hier die Kinder aus Dol und einigen abgelegenen Forsthäusern unterrichtet. Heute zeigt die Ausstellung „Wald, Wasser, Harz“ Werkzeuge und Fotografien aus drei Arbeitswelten, die den Ort lange geprägt haben. Zu sehen sind Harzbecher, Rindenschäler, Flößerhaken, eine hölzerne Messkluppe und das Modell einer früheren Bachklause. Hörstationen geben Berichte ehemaliger Waldarbeiter wieder. Besonders anschaulich ist der nachgebaute Arbeitsplatz der Harzsammlerin Klara Wendt, die bis in die 1960er Jahre Kiefern an den sonnigeren Hängen oberhalb des Dorfes betreute. Geöffnet wird die Ausstellung an drei Nachmittagen in der Woche sowie nach Absprache; den Schlüssel verwahrt abwechselnd das Team der Pension und der Forststützpunkt.

Schneiderin Anna Smirnova arbeitet schräg gegenüber im Haus Feenwasserstraße 11. Ihr Atelier „Saum am Bach“ nimmt nur zwei Räume ein, ist aber weit über den Ort hinaus bekannt. Smirnova fertigt robuste Wanderhemden, Wollwesten, Schürzen und Reparaturbesätze für Arbeitskleidung. Statt neue Stoffe in großen Mengen zu bestellen, verwendet sie bevorzugt Reststücke aus den Webereien der Bergorte und gut erhaltene Textilien, die ihr aus Boxa, Vel und Altenow gebracht werden. Charakteristisch sind ihre schmalen grünen und blauen Ziernähte, deren Linien an Bachläufe und Tannenzweige erinnern. Für die Pension „Waldlicht“ nähte sie Vorhänge aus naturfarbenem Leinen; die Beschäftigten des Forststützpunkts tragen von ihr verstärkte Werkzeugtaschen. An Donnerstagnachmittagen bietet Anna Smirnova eine offene Reparaturstunde an. Dann werden Reißverschlüsse ausgetauscht, Rucksäcke geflickt und Jacken an neue Träger angepasst, während auf dem Ofen Kräutertee zieht.

Etwas erhöht über den Häusern steht die Feenwasserkapelle. Der schlichte Bau besitzt einen steinernen Unterbau, holzverschalte Wände und einen kleinen Dachreiter. Im Inneren fallen die geschnitzten Bankwangen und ein Altarbild auf, das keinen triumphalen Heiligen, sondern eine Gruppe von Menschen beim Überqueren eines Gebirgsbachs zeigt. Die Kapelle wird von Seelsorgerin Johanna Leclerc aus Boxa mitbetreut. Sie kommt regelmäßig zu Gottesdiensten, Gesprächsabenden und Hausbesuchen nach Dol. Im Sommer findet einmal monatlich eine kurze Morgenandacht am Feenwasser statt. Das Kapellenfest im September verbindet Gottesdienst, gemeinsames Essen und einen Arbeitseinsatz am alten Friedhofspfad. Musikalisch begleitet wird es meist von zwei Bläsern aus Altenow und der Doler Flötistin Noemi Keller.

Für Gäste ist die Pension „Waldlicht“ am Kapellenweg 4 die zentrale Adresse. Das langgestreckte Holzhaus verfügt über sechs einfache Zimmer, einen Trockenraum und eine öffentliche Gaststube. Gastgeberin Cornelia Falk serviert Pilzsuppe, Käsebrot, Kartoffelpfanne und einen mit Waldhonig gesüßten Kräuterkuchen. Abends sitzen hier Wanderer neben Forstarbeitern, Handwerkern und Bewohnern, die auf ein Bier oder eine Schale Suppe vorbeikommen. Ein eigenes Restaurant wäre für den kleinen Ort kaum tragfähig; die Gaststube übernimmt deshalb zugleich die Funktion eines bescheidenen Dorfmittelpunkts. Pakete, vorbestellte Lebensmittel und Medikamente aus Boxa können hier ebenfalls abgeholt werden.

Im Sommer verlagert sich ein Teil des Dorflebens auf die Mühlenwiese am Feenwasser. Unter einfachen Leinendächern verkaufen mehrere Familien Bergkäse, Waldhonig und getrocknete Kräuter. Es gibt keine festen Marktzeiten, doch an Wochenenden sind die Stände meist vom späten Vormittag bis zum Nachmittag besetzt. Im Angebot stehen Schafgarbe, Minze, Brennnessel, Waldmeister und Mischungen für Kräutersalz. Imker Rafael Nowicki stellt einige seiner Kästen auf windgeschützten Lichtungen auf; sein dunkler Waldhonig schmeckt je nach Jahr deutlich nach Fichte oder Brombeerblüte. Käserin Hanne Østergård bringt kleine, in Leinentüchern gereifte Laibe aus der gemeinsamen Milchverarbeitung der umliegenden Talwiesen.

Am oberen Ortsrand, hinter dem letzten Holzlager, beginnt der Feenwassersteig. Der Weg folgt dem Bach über schmale Stege, passiert moosige Felsen und mehrere kleine Wasserfälle. An einer ehemaligen Harzsammelhütte zweigt ein Pfad in Richtung Vel ab und erreicht später die Bergwanderwege des Ulveelv-Tals. Die Strecke ist nicht lang, verlangt bei Nässe aber feste Schuhe und Aufmerksamkeit. Besonders reizvoll ist der Abschnitt oberhalb des zweiten Wasserfalls, wo das Tal enger wird und das Wasser zwischen Farnen, Wurzeln und dunklem Gestein verschwindet. Dort hängt an einer alten Buche ein unscheinbares Holzschild mit einem Satz, den Drechsler Milan Petrov eingeschnitten hat: „Nimm dir Zeit, der Bach tut es auch.“ Für Dol ist das keine Werbebotschaft, sondern eine passende Einladung, den Ort in seinem eigenen, ruhigen Rhythmus kennenzulernen.


Verkehrsverbindungen:
Bahn: Novatalbahn (BBB Blumenländer Bergbahn) 2stündlich 8:17-18:17 über Boxa nach Annendorf, 8:27-18:27 nach Roxdorf
Straße: Feenwassertalstraße (S: Boxa 4km); Waldstraße (N; Vel 14km)

Land: Blumenland
Landkreis: Novatal
Gemeinde: B-7150 Boxa
Ort: B-7151 Dol