(Pop.: 231 – 405m NN)

Neinsto liegt auf 405 Metern Höhe in einem engen Abschnitt des oberen Novatals, dort, wo bewaldete Hänge dicht an die Nova heranrücken und nur schmale Wiesenstreifen zwischen Fluss, Straße und Berghang verbleiben. Das Dorf zählt 231 Einwohner und gehört damit zu den kleineren Gemeinden des Landkreises Novatal, der sich von der Blumenthal-Ebene bis hinauf zu den Gipfeln des Zentralmassivs erstreckt. In dieser Höhenlage ist das Klima bereits deutlich rauer als im südlichen Blumenland: Die Sommer bleiben frisch, im Herbst ziehen Nebelfelder durch das Tal, und während unten in der Ebene oft schon der Frühling beginnt, kann an den schattigen Hängen noch Schnee liegen.

Der Ortskern drängt sich auf einer leicht erhöhten Geländestufe um die Bergkirche St. Nikolaus. Die wenigen Gassen sind kurz und steil; Häuser aus Bruchstein und dunkel gebeiztem Holz stehen mit den Giebelseiten zum Hang. Am Nikolausplatz befinden sich das Gemeindehaus, ein kleiner Brunnen und das ehemalige Schulgebäude, dessen zwei Klassenräume heute für Versammlungen, Handarbeitsabende und die Sprechstunde der Gemeindeverwaltung genutzt werden. Der gedrungene Kirchturm mit seinem kupfergedeckten Helm war früher ein wichtiger Orientierungspunkt für Fuhrleute, die Waren durch das obere Tal transportierten. Bei schlechter Sicht läutete der Küster die große Nikolausglocke in festen Abständen. Aus dieser Gewohnheit entwickelte sich der Ausdruck „nach Neinsto hören“, der im Tal noch immer verwendet wird, wenn jemand im Nebel die Richtung sucht.

Die Bergkirche selbst ist ein schlichter spätromanischer Bau mit einem ungewöhnlich breiten Dach, das den starken Schneelasten standhält. Im Inneren fällt ein geschnitzter Altar auf, auf dem der heilige Nikolaus nicht als Bischof auf einem Thron, sondern als Begleiter von Reisenden dargestellt ist. Neben ihm sind ein Schmied, eine Sennerin und ein Kind mit einem Korb voller Äpfel zu sehen. Pfarrer Leonhard Brix betreut die Gemeinde gemeinsam mit mehreren kleineren Bergorten. An gewöhnlichen Sonntagen bleibt manche Bank leer, doch zum Nikolaustag kommen auch frühere Bewohner zurück. Nach dem Gottesdienst werden auf dem Platz Käsebrote, heißer Apfelsaft und kleine Messingglöckchen verkauft. Der Erlös dient abwechselnd der Instandhaltung der Kirche und der Unterstützung älterer Dorfbewohner.

Unterhalb des Ortskerns überspannt eine niedrige Steinbrücke die Nova. Am linken Ufer steht das Hammerhaus, ein lang gestreckter Bau mit dicken Mauern und einem tief herabgezogenen Schindeldach. Es ist der letzte erhaltene Teil einer früheren Werkzeugschmiede. Im Untergeschoss sind noch der alte Wasserkanal und die Aufhängung des schweren Schmiedehammers zu erkennen. Heute arbeitet hier der Messerschmied Ruben Albrecht. Seine Werkstatt fertigt robuste Küchen-, Garten- und Schnitzmesser, deren Griffe meist aus Obstholz oder gestockter Buche bestehen. Nebenan betreiben Nerea Campos und Florian Wendt die Glockenwerkstatt Novaklang. Sie gießen kleine Handglocken für Kapellen, Berghäuser und Weidetiere. Besucher können nach Anmeldung zusehen, wie die Formen vorbereitet, die Rohlinge gegossen und anschließend von Hand gestimmt werden. Da Waffen in der modernen Gesellschaft Landauris weder hergestellt noch gehandelt werden, steht die Metallbearbeitung auch in Neinsto ausschließlich im Dienst von Handwerk, Landwirtschaft und Musik.

In einem schmalen Haus am Kirchsteig befindet sich die Uhrmacherwerkstatt „Zeitwinkel“. Das Schaufenster ist kaum größer als ein Bilderrahmen und zeigt meist nur eine einzige Uhr, dafür eine besonders sorgfältig ausgewählte. Die Restauratorin Maëlle Dupont hat sich auf alte Tisch- und Wanduhren spezialisiert. In ihrer Werkstatt stehen Wanduhren aus Berghöfen neben feinen Reiseuhren, die einst Händler und Bahnbeamte mitführten. Dupont reinigt Zahnräder, ersetzt ausgeschlagene Lager und rekonstruiert fehlende Holzteile, ohne die Gebrauchsspuren der Gehäuse zu beseitigen. Jeden Mittwoch um fünf zieht sie alle reparierten Uhren gleichzeitig auf. Für einige Minuten erfüllt dann ein ungeordnetes Schlagen und Läuten den Kirchsteig, was Kinder aus der Nachbarschaft regelmäßig an die Werkstatttür lockt. Auf Wunsch erklärt Dupont in kurzen Führungen, warum eine alte Uhr nicht vollkommen gleichmäßig gehen muss, um zuverlässig zu sein.

Die Landwirtschaft Neinstos fällt bescheiden aus. Große Äcker gibt es an den steilen Hängen nicht. Rinder und robuste Ziegen weiden zwischen locker stehenden Buchen und Tannen; hinzu kommen kleine Kartoffelflächen sowie Obstgärten mit säuerlichen Bergäpfeln, Birnen und wenigen Pflaumenbäumen. Mehrere Höfe sind Teil der Kooperation Oberes Novatal, die Milch aus den Bergdörfern sammelt und gemeinsam zu Käse verarbeitet. Der Lindenhanghof von Marek und Sofia Jansen liefert außerdem Äpfel für Most, während der Nikolaushof von Hannes Bouvet einen kräftigen, sechs Monate gereiften Schnittkäse herstellt. Im kleinen Selbstbedienungsraum an der Kirchsteigbrücke stehen Käse, Butter, Kartoffeln und Gläser mit Apfelmus bereit. Bezahlt wird in eine verschlossene Holzkasse; wer nichts dabei hat, kann seine Entnahme in das ausliegende Heft eintragen.

Mit Fragen zur Zukunft dieser kleinteiligen Wirtschaftsform beschäftigt sich die Umweltwissenschaftlerin Anna Schmidt. Sie wohnt im früheren Forstwärterhaus am westlichen Ortsrand und arbeitet für die Umweltstelle des Landkreises. Auf mehreren Versuchsflächen untersucht sie, wie Waldweiden genutzt werden können, ohne junge Bäume, Quellbereiche und seltene Wiesenpflanzen zu schädigen. Gemeinsam mit den Höfen hat sie bewegliche Tränken und wechselnde Weideabschnitte eingeführt. Außerdem misst sie regelmäßig Temperatur und Sauerstoffgehalt der Nova. Ihre monatlichen „Flussstunden“ beginnen meist am Hammerhaus und führen ein kurzes Stück am Ufer entlang. Dabei erklärt Schmidt nicht nur ökologische Zusammenhänge, sondern sammelt auch Beobachtungen der Einwohner, etwa zu ungewöhnlich frühem Laichen, trockenen Quellrinnen oder Hangrutschen nach Starkregen.

Hinter dem kleinen Bahnhof beginnt der Höhlenweg, der zunächst an alten Stützmauern entlangführt und dann in den Wald ansteigt. Nach etwa zwanzig Minuten erreicht man eine Felshöhle, die früher als gemeinschaftlicher Kühlraum diente. Im Sommer lagerten dort Milch, Butter und Käse, später zeitweise auch Bierfässer des Gasthauses. Die Höhle ist nicht tief, bleibt jedoch selbst an warmen Tagen erstaunlich kühl. Anna Schmidt ließ am Eingang eine unaufdringliche Informationstafel anbringen, weil in den hinteren Spalten Fledermäuse überwintern. Von November bis März bleibt der vergitterte innere Bereich deshalb geschlossen. Eine Bank vor der Felswand bietet einen guten Blick über das Dorf, den Kirchturm und die Nova.

Der Mittelpunkt des geselligen Lebens ist das Gasthaus „Hammer und Horn“ am Nikolausplatz. In der niedrigen Gaststube stehen fünf schwere Holztische, an den Wänden hängen alte Schmiedezangen, Kuhglocken und Fotografien der Bergbahn. Ausgeschenkt werden Biere aus der Kreisstadt Novatal und aus Altenow, dessen Brauerei zu den bekannten Betrieben des Landkreises gehört. Wirtin Daria Kowalska serviert dazu Kartoffelküchlein mit Bergkäse, Pilzpfanne, Apfelbrot und eine kräftige Zwiebelsuppe. Drei einfache Gästezimmer liegen im Obergeschoss. Wer länger bleiben möchte, findet auf dem Lindenhanghof zwei Ferienkammern mit Blick auf die Waldweiden.

Neinsto hat keine großen Denkmäler und kein Besuchsprogramm, das einen ganzen Tag füllen müsste. Sein Reiz liegt in den kurzen Wegen und den sichtbar gebliebenen Zusammenhängen: Das Holz der Obstgärten wird zu Messergriffen, die Milch der Hangweiden zu Käse, Metall zu Glocken und ein ehemaliger Kühlraum zum geschützten Lebensraum. Zwischen Bergkirche, Hammerhaus, Uhrmacherwerkstatt und Höhlenweg lässt sich das Dorf gut zu Fuß erkunden. Am eindrücklichsten ist Neinsto am späten Nachmittag, wenn das Licht nur noch die oberen Hänge erreicht, aus der Schmiede ein letztes Hämmern zu hören ist und die Nova dunkel zwischen den Häusern hindurchfließt.


Verkehrsverbindungen:
Bahn: Novatalbahn (BBB Blumenländer Bergbahn) 2stündlich 8:39-18:39 nach Annendorf, 8:05-18:05 nach Roxdorf
Straße: L2 (W: Boxa 8km, O: Novagrund 6km); Gebirgsstraße (N: Vel 15km)

Land: Blumenland
Landkreis: Novatal
Gemeinde: B-7190 Neinsto