(Pop.: 256 – 211m NN)

Das Dorf mit seinen 256 Einwohnern liegt eingebettet in die sanfte Hügellandschaft der Butha-Ebene, und wer auf der B61 daherkommt, rollt fast lautlos zwischen Obstplantagen hindurch, bevor sich der Ort hinter einer dichten Reihe alter Buchen öffnet. Der Viechwald rahmt das Dorf im Norden und Osten ein, seine Bäche – der Viechbach und die Wappnitz – entspringen hier und ziehen sich durch die Felder, bevor sie sich bei der Nachbargemeinde Flachsi mit dem Fluss Butha vereinen. Das Wasser ist klar und kalt, und die Viechauer sagen, es schmecke nach einem Hauch von Waldmoos und Stein.
Den Namen verdankt das Dorf einer alten Geschichte, die sich die Alten gern am Stammtisch in der örtlichen Kneipe erzählen – meist dann, wenn der Hanfhandwerkerhof seine Pforten geschlossen hat und die Abendluft nach feuchtem Laub riecht. Es heißt, vor langer Zeit sei ein Viehtreiber mit seiner Herde in diesen Wäldern gestrandet, habe hier eine Quelle gefunden und beschlossen, zu bleiben. Aus seiner Hütte wurde ein Hof, aus dem Hof ein Weiler, und so entstand Viechau – das „Au“ des Viehtreibers. Ob die Geschichte stimmt, weiß niemand so genau, aber jeder im Dorf kennt sie, und das genügt.
Die Lage ist abgeschieden, aber nicht verloren. Über die B61 und die B311 ist Viechau mit der Kreisstadt Wappnitz verbunden, die gut zwanzig Kilometer (Luftlinie, auf der Straße sind es 25km) südöstlich liegt; wer es eilig hat, erreicht sie mit dem Fahrrad in abderthalb Stunden. Ein Bahnanschluss führt nicht direkt ins Dorf – die nächste Haltestelle befindet sich in Altai, wo die Linie AckB100 aus Richtung Ackero vorbeikommt. Von dort sind es nur 13 Kilometer mit dem Bus oder mit dem Fahrrad durch die Felder.

Das Dorf selbst ist überschaubar. Die Häuser gruppieren sich um einen kleinen Anger, auf dem eine uralte Linde steht, deren Krone an Sommerabenden den gesamten Platz beschattet. Die Straßen heißen schlicht Viechauer Hauptstraße, Am Hanfgarten und Zur alten Linde – Namen, die genau das beschreiben, was sie versprechen. Die Hauptstraße ist das Rückgrat des Ortes: Hier findet sich der Dorfladen, den Elmar Fechtner seit dreißig Jahren führt, und gegenüber die kleine Bäckerei von Marlene Kessler, deren Sauerteigbrot über die Grenzen des Landkreises hinaus bekannt ist. Wer Glück hat, ergattert eines ihrer noch warmen Hanfbrötchen – eine Spezialität, die den Hanfgarten des Dorfes ehrt.

Denn Hanf ist in Viechau mehr als eine Pflanze. Er ist ein Stück Identität. Der Hanfgarten im Süden des Dorfes ist kein großer, industrieller Komplex, sondern ein sorgfältig gepflegtes Feld, umgeben von einer alten Trockenmauer. Hier wächst der Hanf in schmalen Reihen, zwischen denen sich Mohn und Kornblumen ansiedeln. Geerntet wird noch von Hand, und die Verarbeitung findet im Hanfhandwerkerhof statt, einem Anwesen aus dem 18. Jahrhundert, dessen Fachwerk unter einer dicken Schicht aus rotem Lehmputz versteckt liegt. Die Familie Bernrieder bewirtschaftet den Hof seit vier Generationen. Heute ist es vor allem Roswitha Bernrieder, die hier die Fäden zieht: Sie spinnt Hanffasern zu feinen Garnen, presst kaltes Öl aus den Samen und stellt duftende Seifen her, die in kleinen Holzkisten im Hofladen verkauft werden. Ihr Sohn Lukas hat vor zwei Jahren eine kleine Weberei eingerichtet, in der er Stoffe für Tischdecken und Tragetaschen herstellt – schlicht, robust und von einer erdigen Schönheit, die man in der Stadt vergebens sucht.
Gegenüber dem Hanfhandwerkerhof, auf der anderen Seite des Angers, steht das Gemeindehaus, ein zweigeschossiger Bau mit einem flachen Walmdach. Hier tagt der Dorfrat, hier findet an jedem ersten Donnerstag im Monat der Viechauer Stammtisch statt, und hier werden die Feste des Dorfes organisiert. Die Viechauer sind keine großen Feiernden, aber sie wissen, wie man einen Abend würdig begeht. Das Erntedankfest im Oktober ist das Ereignis des Jahres: Dann wird der Anger mit Laternen beleuchtet, die Bernrieders stellen ihre Hanfprodukte aus, und Marlene Kessler backt einen Kuchen in Form einer Hanfblüte, der so groß ist, dass jeder im Dorf ein Stück abbekommt.
Eine Kirche gibt es in Viechau nicht – zumindest keine mit Turm und Glocke. Was es gibt, ist eine kleine Kapelle am Waldrand, der Heiligen Maria vom Feld geweiht. Sie ist nicht älter als hundert Jahre, aber sie wirkt, als stehe sie schon immer dort. Die Fenster sind schmal und farblos, der Altar aus unbehandeltem Eichenholz, und an den Wänden hängen Votivbilder, die Viechauer Bauern gestiftet haben – für eine gute Ernte, für Genesung, für die Rückkehr eines verlorenen Sohnes. Einmal im Monat kommt Pfarrer Albin Tondera aus Flachsi hierher, um eine Messe zu lesen. Dann sitzen vielleicht zwanzig Menschen in den Bänken, und die Stille draußen im Wald ist so dicht, dass man das Summen der Bienen hört.

Das gesellschaftliche Leben dreht sich um wenige, aber feste Ankerpunkte. Da ist die Viechau Inn – eigentlich nur ein großer Raum mit einem Tresen aus Kirschholz und sechs Tischen, aber für die Viechauer ist sie Wohnzimmer, Bibliothek und Nachrichtenagentur in einem. Hier sitzt jeden Abend der ehemalige Lehrer Kunibert Wössner und liest Zeitung, hier treffen sich die jungen Leute um Lena Fechtner, die nach ihrer Ausbildung zur Landwirtin zurückgekehrt ist, und hier erfährt man, wer in der vergangenen Nacht im Wald einen Hirsch gesehen hat und wie hoch der Wasserstand des Viechbachs ist. Die Kneipe hat keinen Namen auf einem Schild – sie braucht keinen. Jeder weiß, wo sie ist.
Arbeit gibt es in Viechau vor allem in der Landwirtschaft. Die Obstplantagen, die das Dorf umgeben, liefern Äpfel, Birnen und Zwetschgen, die in der Mosterei der Familie Gallehr zu Saft und Obstbrand verarbeitet werden. Die Gallehrs sind eine der ältesten Familien des Ortes; ihr Hof liegt am nördlichen Ortsausgang, und wer im Herbst vorbeikommt, riecht den süßen Duft von kochendem Most schon von weitem. Daneben gibt es zwei kleinere Betriebe: die Schreinerei von Toni Hölzl, die Fenster und Türen aus heimischem Holz fertigt, und die Korbflechterei der Schwestern Anna und Clara Riedl, die aus Weidenruten Körbe und Möbel flechten – ein Handwerk, das sie von ihrer Großmutter gelernt haben. Eine Schule gibt es nicht mehr; die Kinder werden mit dem Bus nach Flachsi gefahren, wo die nächste Grundschule steht. Dafür gibt es einen kleinen Kindergarten, den Trude Wenger mit viel Engagement betreibt – eine bunte Hütte mit einem Garten voller Ringelblumen und Sonnenblumen.
Besucher, die länger bleiben möchten, finden Unterkunft bei Familie Bernrieder, die im Hanfhandwerkerhof zwei einfache Gästezimmer eingerichtet hat – sie heißen „Hanfblüte“ und „Waldblick“ und kosten nicht viel. Wer es etwas ruhiger mag, kann bei den Gallehrs auf dem Obsthof übernachten, wo die Zimmer nach den Apfelsorten benannt sind: „Boskoop“ und „Cox Orange“. Eine richtige Gaststätte gibt es nicht, aber die Viechau Inn serviert abends auch einfache Gerichte – Kartoffelsuppe mit geräuchertem Schinken, Bratkartoffeln mit Spiegelei, und wenn Saison ist, Zwetschgenknödel mit Vanillesoße. Alles ehrlich, alles hausgemacht. Der Dorfladen von Elmar Fechtner führt das Nötigste: Brot, Milch, Eier, Mehl, Zucker und eine kleine Auswahl an regionalen Produkten, darunter das Hanföl der Bernrieders und den Obstbrand der Gallehrs. Für größere Einkäufe fährt man nach Wappnitz – oder man bestellt bei Fechtner, der einmal pro Woche einen Lieferdienst organisiert.
Was Viechau besonders macht, ist seine Ruhe. Hier gibt es kein Museum, kein Kino, keine Sehenswürdigkeit im herkömmlichen Sinn. Aber es gibt den Viechwald, der zu langen Spaziergängen einlädt; es gibt die Bäche, an denen man im Sommer die Füße ins Wasser hängen kann; es gibt die weite Sicht über die Obstplantagen bis hin zum Buthanischen Landrücken, der im Westen wie eine sanfte Welle den Horizont abschließt. Und es gibt die Menschen, die von sich behaupten, sie seien „keine Stadtleute“ – was man ihnen sofort glaubt. Sie sind freundlich, aber nicht aufdringlich, gesprächig, aber nicht geschwätzig. Wer in Viechau ankommt, wird nicht mit Plakaten und Prospekten empfangen, sondern mit einem Kopfnicken und der Frage: „Kann i dir was anbieten?“
Viechau ist kein Ort für Eilige. Es ist ein Ort für Menschen, die verstehen, dass ein Tag mehr ist als eine Abfolge von Terminen. Wer hier eine Woche verbringt, lernt den Rhythmus des Dorfes kennen: das Läuten der Kapellenglocke um sieben, das Rauschen des Windes in den Buchen, das leise Klappern der Hanfspindel bei Roswitha Bernrieder. Und wer am letzten Abend an der alten Linde sitzt und Kunibert Wössner zuhört, wie er von früheren Zeiten erzählt, der begreift, dass manches Dorf nicht größer sein muss, um unvergesslich zu sein.
Verkehrsverbindungen:
Straße: B61 (W: Kaffeedorf 7km, O: Malitz 5,5km); BT3 (N: Nolitztal); Feldwege nach Troschkau, Beduina

