(Pop.: 197 – 509m NN)

Wer Beduina sucht, der findet es nicht zufällig. Das Dorf liegt versteckt am Rande des Westmassivs, zwischen dem Tal der Butha und dem Tal der Nolitz, auf 509 Metern Höhe – und wer die steile, von Obstbäumen gesäumte Straße hinauffährt, dem öffnet sich plötzlich der Blick über die sanften Hügel des Landkreises Bahnbutha. Nur 197 Menschen leben hier ständig, aber was ihnen an Zahl fehlt, machen sie an Eigenwilligkeit und Zusammenhalt mehr als wett.

Der Name des Dorfes geht auf eine alte Legende zurück. Es wird erzählt, dass vor langer Zeit eine fromme Frau namens Beduina auf ihrer Pilgerreise von Butha ins Westmassiv hier Rast machte, von der Schönheit des Ortes so ergriffen war, dass sie beschloss, zu bleiben, und eine kleine Kapelle errichtete. Ob die Geschichte stimmt, weiß heute niemand mehr genau – aber die Bewohner von Beduina halten an ihr fest, so wie sie an fast allem festhalten, was ihnen lieb ist.

Die Landschaft um Beduina ist von einer stillen, fast meditativen Schönheit. Weitläufige Obstgärten prägen das Bild, Apfel-, Birnen- und Zwetschgenbäume stehen in Reih und Glied, und im Frühjahr, wenn sie blühen, liegt ein zarter Duft über dem ganzen Dorf. Die Früchte werden auf den lokalen Märkten in Bahnbutha und Butha verkauft, ein Teil landet aber auch in den Töpfen der Dorfbewohner, die daraus Marmeladen, Säfte und Kompott herstellen. Eine große Gänseweide erstreckt sich südlich des Dorfes, und wer zur richtigen Zeit kommt, sieht die Tiere in stolzer Haltung über die Wiese stolzieren – sie werden hier nicht nur wegen ihres Fleisches gezüchtet, sondern auch wegen ihrer Federn, die in der Region für Kissen und Decken geschätzt werden.

Das Herz des Dorfes ist die kleine historische Kirche, die weithin sichtbar auf einer Anhöhe thront. Ihre schlichte Architektur mit dem kleinen Glockenturm und den bunten Glasfenstern ist typisch für die ländlichen Kirchen Buthaniens. Die Fenster zeigen Szenen aus dem Leben der Heiligen Mathildis, der Schutzpatronin des Landkreises, deren Kirche in der Kreisstadt Bahnbutha ein bedeutendes Wahrzeichen ist. In Beduina ist die Kirche nicht nur ein Ort der Andacht, sondern auch der Versammlung. Hier werden die Gottesdienste gefeiert, hier treffen sich die Frauen des Dorfes zum Strickkreis, und hier findet jedes Jahr im Herbst das Erntedankfest statt, bei dem die Gänseweide zur Festwiese wird und die ganze Dorfgemeinschaft zusammenkommt.

Das gesellschaftliche Leben dreht sich um die Gaststätte „Lebensfreude“, ein charmantes Lokal mit dunklen Holzbänken und einer Theke, hinter der schon seit dreißig Jahren dieselbe Wirtin steht. Geöffnet ist jeden Samstag und Sonntag, und wer unter der Woche kommen möchte, meldet sich einfach vorher an – dann wird extra für ihn gekocht. Die „Lebensfreude“ ist berühmt für ihre traditionellen Gerichte: Gänsebraten mit Rotkohl und Klößen, Apfelstrudel mit Vanillesoße und im Sommer kalte Obstsuppe aus den eigenen Gärten. An den Wochenenden verwandelt sich die Gaststätte in einen Tanzsaal, dann rücken die Tische zur Seite, ein Akkordeonspieler aus Bahnbutha legt auf, und Einheimische wie Besucher feiern bis tief in die Nacht.

Wer in Beduina arbeitet, tut das meist in der Landwirtschaft oder in den kleinen Handwerksbetrieben, die sich über das Dorf verteilen. Eine Besonderheit ist jedoch die Buchhalterin Isabella Wang, die täglich mit dem Fahrrad die zwölf Kilometer nach Bahnbutha pendelt, um in der Verwaltung der Kreisstadt zu arbeiten. Ihre morgendliche Fahrt durch die Obstgärten ist in Beduina so etwas wie ein kleines Ritual – die Dorfbewohner wissen, dass sie gegen halb acht vorbeikommt, und grüßen sie mit einem Nicken, während sie ihre Gärten bestellen. Ein anderer Mittelpunkt des Dorfes ist der Kiosk von Sofia Dimitrova, einer Einzelhandelskauffrau, die sich vor einigen Jahren selbstständig gemacht hat. Ihr kleiner Laden an der Dorfstraße bietet alles, was man für den täglichen Bedarf braucht: Brot, Milch, Eier, Zeitungen und eine kleine Auswahl an Obst und Gemüse aus der Region. Vor allem aber ist der Kiosk ein Ort der Begegnung. Hier wird getratscht, hier werden Neuigkeiten ausgetauscht, und hier erfährt man, wer wen heiratet, wer krank ist und wer demnächst Geburtstag feiert.

Beduina hat keine Schule – die Kinder werden mit dem Bus nach Bahnbutha gefahren, wo es eine Grundschule und eine weiterführende Schule gibt. Auch ein Arzt ist im Dorf nicht ansässig, aber die Kreisstadt mit ihrer gut ausgestatteten Poliklinik ist nur eine Viertelstunde mit dem Auto entfernt. Wer in Beduina alt wird, kann darauf vertrauen, dass die Nachbarn ein Auge auf ihn haben – die Gemeinschaft ist eng, und niemand fällt durchs Raster.

Die Architektur des Dorfes ist geprägt von großen, stattlichen Bauernhöfen, die meist aus dem 19. Jahrhundert stammen. Die Häuser sind aus dem typischen hellen Sandstein der Region gebaut, haben hohe Satteldächer und breite Tore, hinter denen einst die Fuhrwerke untergestellt wurden. Die Dorfstraße heißt – wenig überraschend – Beduinaer Hauptstraße, und von ihr zweigen kleine Wege ab, die zu den einzelnen Höfen führen. Besonders auffällig ist der Hof der Familie Kern, ein mächtiges Anwesen mit einer alten Scheune, deren Dach schon seit Generationen mit roten Ziegeln gedeckt ist, und einem Brunnen im Hof, der noch immer funktioniert. Die Kerns bewirtschaften einen der größten Obstgärten des Dorfes und sind bekannt für ihren Zwetschgenbrand, den sie jeden Herbst in kleiner Auflage brennen.

Die Verbindung zur Außenwelt wird durch die Landstraße gewährleistet, die Beduina mit Bahnbutha verbindet. Ein Bahnanschluss existiert im Dorf selbst nicht – die nächste Haltestelle ist in Bahnbutha, wo die Linie aus Butha ankommt und weiter ins Westmassiv führt. Wer mit dem Zug anreisen möchte, steigt also in Bahnbutha aus und nimmt von dort den Bus oder, wie Isabella Wang, das Fahrrad. Die Straße ist gut ausgebaut und windet sich in zahlreichen Kurven durch die Hügellandschaft, vorbei an Streuobstwiesen und kleinen Wäldern, in denen im Herbst die Pilze sprießen.

Besucher, die länger bleiben möchten, finden in Beduina keine großen Hotels, aber auf einigen Höfen werden Gästezimmer vermietet. Besonders empfehlenswert ist der Hof von Maria und Thomas Brenner, die zwei liebevoll eingerichtete Zimmer im Dachgeschoss ihres Hauses anbieten, mit Blick über die Obstgärten bis hin zum Westmassiv. Frühstück gibt es auf Wunsch mit selbstgemachter Marmelade und frischen Brötchen aus der Bäckerei in Bahnbutha. Wer es noch ursprünglicher mag, kann auf der Gänseweide zelten – mit Erlaubnis der Gemeinde, versteht sich.

Beduina ist kein Ort für Hektik. Hier geht alles seinen Gang, die Jahreszeiten bestimmen den Rhythmus, und die Menschen haben gelernt, mit dem zu leben, was die Natur ihnen gibt. Die Gesellschaft Landauris, die auf Dezentralisation, Demokratie und dem Verzicht auf Privateigentum beruht, findet in Beduina ihre vielleicht reinste Verkörperung. Entscheidungen werden in der Dorfversammlung getroffen, die einmal im Monat in der Gaststätte „Lebensfreude“ tagt, und wer etwas zu sagen hat, der sagt es dort – laut und deutlich, aber immer mit dem Wissen, dass man am Ende doch wieder miteinander auskommen muss. Das Prinzip des Nutzungsbesitzes wird hier gelebt: Die Obstgärten gehören denen, die sie bewirtschaften, die Höfe denen, die in ihnen wohnen, und wenn jemand fortzieht, wird das Haus an jemanden weitergegeben, der es braucht. Es funktioniert – nicht immer reibungslos, aber es funktioniert.

Wer Beduina besucht, sollte sich Zeit nehmen. Zeit für einen Spaziergang durch die Obstgärten, Zeit für ein langes Gespräch mit Sofia Dimitrova an ihrem Kiosk, Zeit für einen Abend in der „Lebensfreude“ mit Gänsebraten und Akkordeonmusik. Und wer Glück hat, wird vielleicht Zeuge eines dieser kleinen Wunder, die in Beduina zum Alltag gehören: wenn im Frühling die tausend Blüten der Obstbäume aufbrechen und das ganze Dorf in ein weißes Meer tauchen, oder wenn im Herbst die Gänse in Formation über die Wiese ziehen und der Duft von gebratenen Zwetschgen aus den Küchen weht. Beduina ist klein, aber es ist ganz – und das ist mehr, als viele größere Orte von sich behaupten können.


Verkehrsverbindungen:
Straße: BT1 (SW: Nolitzbrücke, NO: Schleußingen); BT10 (W: Gralno, O: Taberna); Feldwege nach Bahnbutha, Nolitztal, Viechau

Land: Buthanien
Landkreis: Bahnbutha
Gemeinde: BT-3190 Beduina