Mit 1.343 Metern ist der Nudeltopf nicht der höchste Berg Zentravias, aber einer der eigenwilligsten. Sein Name rührt von der rundlichen, oben abgeflachten Form, die tatsächlich an einen umgestülpten Kochtopf erinnert – eine Assoziation, die in der klaren Bergluft schnell einleuchtet, sobald man seiner Silhouette von der B5 aus gewahr wird. Geologisch handelt es sich um einen alten Vulkanschlot, dessen weichere Außenhülle die Jahrtausende abgetragen haben, während der harte Basaltkern als markante Kuppe stehen blieb.

Der Nudeltopf markiert die natürliche Grenze zwischen Zentravia und dem Nudelland. Der Bergrücken selbst bildet die Wasserscheide und zugleich die Staatsgrenze, und es gehört zu den Besonderheiten dieses Gipfels, dass die Hauptstadt des Nudellands – Nudeltopf – ihren Namen nach ebenjenem Berg trägt, den sie von ihrer Seite aus niemals zu Gesicht bekommt. Der Nordhang, der ins Nudelland abfällt, ist eine nahezu senkrechte Felswand, die sich über vierhundert Meter in die Tiefe stürzt. Kein Weg, kein Steig, nicht einmal eine Kletterroute führt von dort hinauf. Die Nudeltopfer selbst haben sich mit dieser geografischen Ironie arrangiert; sie blicken auf die schroffe Wand wie auf ein monumentales Stadtwappen, das man bewundert, aber nicht berührt.

Der Zugang zum Gipfel ist allein von Zentravia aus möglich. Von der B5 zweigt auf gut 900 Metern Höhe eine Schotterpiste ab, die sich in engen Kehren den Berg hinaufwindet. Für den öffentlichen Fahrzeugverkehr ist sie gesperrt – ein massives Stahlgatter mit einem Vorhängeschloss, das nur einen einzigen Schlüssel kennt, versperrt die Einfahrt. Diesen Schlüssel besitzt Jost Bergmann, der Betreiber der Gipfelhütte und der Wetterstation. Ihm allein ist es gestattet, mit seinem alten, aber unverwüstlichen Geländewagen die Piste zu befahren, um Vorräte hinaufzuschaffen: Mehl, Zucker, Kaffee, Konserven, Gasflaschen und gelegentlich ein Fass Bier, das er mit Spanngurten auf der Ladefläche sichert. Einmal wöchentlich, meist dienstags, knattert der Wagen im ersten Gang den Berg hinauf, und wer ihn dabei beobachtet, versteht, warum die Strecke für normale Fahrzeuge tabu ist – der Schotter ist lose, die Spitzkehren sind eng, und an einer Stelle geht es zwanzig Meter fast senkrecht neben der Fahrspur hinunter.

Für alle anderen Besucher heißt es: zu Fuß hinauf. Der Aufstieg über die Schotterpiste dauert vom Parkplatz an der B5 etwa eineinhalb Stunden, vorbei an Latschenkiefern, durch lichte Bergwiesen, auf denen im Frühsommer Enzian und Almrausch blühen. Der Weg ist nicht technisch schwierig, aber die dünne Luft auf über tausend Metern lässt den Atem schneller gehen, und die letzten dreihundert Höhenmeter fordern die Oberschenkel. Oben angelangt, entschädigt ein Rundblick, der an klaren Tagen vom Zentralmassiv im Westen bis zu den fernen Gipfeln des Tremolands im Osten reicht. Die Wetterstation, ein kompakter weißer Container mit Messgeräten auf dem Dach, steht etwas abseits. Daneben duckt sich die Berghütte, ein schlichter Holzbau mit einer Theke aus rohen Bohlen und sechs Tischen, an denen auch schon einmal Wildfremde ins Gespräch kommen. Jost Bergmann, ein ehemaliger Bergführer mit wettergegerbtem Gesicht und ruhiger Stimme, serviert hier Bergkäsebrote, eine deftige Gulaschsuppe und Kaffee, der so stark ist, dass der Löffel fast von selbst darin steht. Seine private Leiter führt auf das kleine Gipfelplateau oberhalb der Hütte, wo ein schlichtes Holzkreuz steht und der Wind fast immer bläst.

Die Grenze zum Nudelland verläuft exakt entlang der Felskante. Ein verwitterter Grenzstein mit dem zentravischen Wappen auf der einen und dem Symbol des Nudellands auf der anderen Seite markiert den Punkt, an dem zwei Länder aufeinandertreffen, ohne einander wirklich begegnen zu können. Wer hier steht, den Fuß auf zentravischen Boden, den Blick in die Tiefe gerichtet, wo tief unten die Dächer der Stadt Nudeltopf in der Sonne glitzern, der versteht den besonderen Charakter dieses Berges: Er ist ein Gipfel der Gegensätze, ein Monument der Unerreichbarkeit für die einen, ein lohnendes Ziel für die anderen – und für Jost Bergmann schlicht das Büro mit der besten Aussicht Zentravias.