Es ist kurz vor zwölf, als der Duckelbachweg im Tal das erste Mal richtig belebt wird. Draußen, am Polterweg 1, hat Jörg Lattner längst seine Kreidetafel mit den Holzlieferungen beschriftet – Ahorn für Instrumente, Buche für Möbel, Fichte für den Bau. Doch in Duckel liegt mittags ein anderer Name auf den Lippen: der seiner Frau.
Mara Lattner steht in ihrer „Polterkantine“ am Polterweg 2 und schöpft Suppe aus einem Topf, der so groß ist, dass man sich fragt, wie er überhaupt auf den Herd passt. Die Stube ist einfach, aber warm. Ein paar Tische, Bänke, die schon bessere Jahre gesehen haben, und ein Geruch nach deftiger Brühe und frischem Brot, der sich mit dem Harzduft von draußen mischt. Um zwölf wird es hier voll.
Dann kommen sie: die Fahrer, die das sortierte Holz aus Duckel abholen, die Forstleute, die den Bestand im Tal überwachen, gelegentlich Ruben Pahl, der die Post bringt und gleich mitnimmt, was zurück muss. Die Männer – und es sind meist Männer – stampfen die Arbeitsschuhe an der Tür ab, setzen sich, und Mara stellt ihnen den Teller hin, denn sie weiß längst, was sie wollen. Die Gespräche sind kurz, denn draußen wartet die Arbeit. Aber man merkt, dass sich hier mehr sammelt als nur Essensreste: welche Wege frei sind, wer Ersatzteile hat, wann der nächste Abtransport Richtung Oldquo geht.
Mara Lattner ist mehr als eine Köchin – sie ist die Stillhalterin dieses Tals. Duckel zählt nur 88 Einwohner und besteht aus einer Reihe von Höfen und Lagerplätzen entlang des Bachs, die locker miteinander verbunden sind. Das Tal lebt vom Holz – vom Fällen, Sortieren, Lagern, Trocknen und Weitergeben. Und mittendrin steht ihre Kantine als zentraler Treffpunkt für alle, die hier arbeiten. Sie ist der soziale Knotenpunkt in einem Tal, das sich im Frühjahr durch das Rauschen des schmelzenden Schnees ankündigt, noch bevor man es sieht.
Ihr Tag beginnt früh, noch bevor die ersten Lkw den Duckelbachweg heraufkommen. Sie holt das Brot von Kaja Seiffert, die im „Duckeler Kram & Draht“ an der Talstraße Schrauben, Handsägen, Bier und Lebensmittel führt. Sie bereitet vor, was der Tag braucht – und das ist jeden Tag anders. Mal sind es mehr Fahrer, mal weniger. Mal kommt jemand aus Oldquo vorbei, mal ein Händler, der die Stämme sammelt, die in Duckel sortiert und getrocknet wurden.
Ihre Kantine liegt neben dem größten Polterplatz des Tals, und wenn sie durchs Fenster schaut, sieht sie die Stämme mit ihren Markierungen, die darauf warten, in Instrumentenwerkstätten im Landkreis zu landen – nach Staracasa, nach Giesen, nach Teichdorf. Sie ist Teil einer Kette, die weit über Duckel hinausreicht, aber sie selbst bleibt hier, in dieser einfachen Stube, die mehr ist als eine Kantine.
Mittags, wenn die Teller leer sind und die Männer wieder nach draußen gehen, bleibt sie einen Moment stehen. Sie wischt den Tisch ab, räumt die Teller zusammen, und dann steht sie da, in der Stille des Tals, das sich nach dem Lärm der Mittagspause wieder beruhigt hat. Draußen fließt das Wasser flach über Kies, und an manchen Stellen liegen alte Steinsetzungen, die den Bach bei Hochwasser führen sollen. Sie hört das Rauschen, und sie weiß, dass morgen wieder zwölf Uhr ist.

Die Polterkantine ist ein Ort mit täglich wechselndem Angebot, das Mara Lattner nach Bedarf zubereitet. Die Gäste kommen ohne Reservierung, und der Service ist persönlich und unkompliziert: Mara Lattner kocht, und die Leute wissen, dass sie hier eine warme Mahlzeit und eine halbe Stunde Rast finden, bevor die Arbeit weitergeht. Sie fragt wenig, denn sie kennt die Wünsche ihrer Gäste genau. Sie stellt den Teller hin, und das ist genau das, was die Arbeiter brauchen.
In einem Landkreis wie Teichdorf, der sich vom Großen Teich bis ins Westliche Zentralmassiv erstreckt, von der nördlichen Seeland-Ebene bis zu den steilen Tälern und verstreuten Gebirgsdörfern, ist ein Ort wie Duckel leicht zu übersehen. 88 Einwohner, 732 Meter hoch, ein Ort mit locker verstreuten Höfen und Lagerplätzen entlang des Bachs. Aber wer durchkommt, findet die Polterkantine. Und wer sie findet, findet Mara Lattner.
Am späten Nachmittag, wenn die letzten Fahrer abgezogen sind und der Duckelbachweg wieder still wird, setzt sie sich manchmal für einen Moment an einen der Tische. Sie trinkt einen Kaffee, blättert in einem Heft, in dem sie notiert, wer was gegessen hat und wer das nächste Mal wiederkommt. Sie redet wenig über das, was sie tut, aber wenn man sie fragt, warum sie das macht, zuckt sie mit den Schultern. „Die Leute müssen essen“, sagt sie dann. „Und irgendwo müssen sie sich treffen.“
Das ist es, was sie tut. Sie sorgt dafür, dass in Duckel sowohl das Holz sortiert wird als auch die Menschen zueinanderfinden – zumindest für die Dauer einer Mahlzeit. Und das ist in einem Tal, in dem die Wege weit und die Arbeit hart sind, mehr wert, als man auf den ersten Blick denkt.

