(Pop.: 25 – 554m NN)

Wer den Zaubernebelhain betritt, sollte ein wenig Mut mitbringen – und eine gute Kondition. Denn der Flecken Hohenteistig thront auf einem steilen Bergsporn, der sich wie eine steinerne Faust aus den Wäldern südlich des Blinkitztals erhebt. Der Aufstieg lohnt sich nicht nur wegen der Ruine aus dem 11. Jahrhundert, sondern vor allem wegen des Blicks, der sich dem Besucher oben bietet: ein weiter, fast unendlicher Horizont über das Tal hinweg zum dunklen Grün des Whisperwood und im Süden bis zur Stadt Gasston auf dem Drosener Rücken.

Hohenteistig ist kein Dorf im herkömmlichen Sinne. Es ist ein Flecken – eine Siedlung, die um eine Burgruine herumgewachsen ist und heute gerade einmal fünfundzwanzig Menschen beheimatet. Die meisten von ihnen leben in ein paar kleinen, aus Bruchstein gemauerten Häusern, die sich eng an den Osthang des Berges schmiegen, geschützt vor den oft rauen Westwinden. Der Ort hat keine Kirche, keine Schule, keinen Laden. Was er hat, ist eine Ruine, die wie ein knöcherner Kamm in den Himmel ragt, und eine Stille, die fast greifbar ist.

Die Burg wurde im 11. Jahrhundert errichtet, wahrscheinlich als Grenzfeste gegen die unruhigen Clans jenseits des Drosener Rückens. Ihr erster bekannter Herr war ein Ritter namens Hartwin von Teistig, dessen Name noch heute in den Chroniken des Kreises Paulstedt auftaucht. Hartwin soll ein rauer, aber gerechter Mann gewesen sein – zumindest erzählt man sich in Hohenteistig, dass er die Bauern nie unnötig schindete und einmal sogar einen Bären eigenhändig erschlug, der die Herden bedrohte. Sein Wappen, ein schreitender Bär auf goldenem Grund, ist noch heute über dem einstigen Burgtor zu erkennen, wenn auch stark verwittert.

Die Burg selbst verfiel im 14. Jahrhundert, nachdem die Linie derer von Teistig im Mannesstamm erlosch. Steine wurden abgetragen und für andere Bauten verwendet, die Mauern bröckelten, und der Wald holte sich Stück für Stück sein Terrain zurück. Was übrig blieb, ist eine malerische Ruine: ein halb eingestürzter Bergfried, von dessen oberster Plattform man den Zaubernebelhain überblickt, die Reste des Palas mit zwei erhaltenen Fensterbögen, und ein tiefes, finsteres Verlies, das heute von Fledermäusen bewohnt wird.

Die Einwohner von Hohenteistig sind eine verschworene Gemeinschaft. Da gibt es den Steinmetz und Hobbyhistoriker Raimund Treiber, der sich seit Jahrzehnten um die Pflege der Ruine kümmert. Seine Frau Gunda betreibt im Erdgeschoss ihres Hauses eine kleine Kaffeestube – nur für Wanderer, die den Aufstieg geschafft haben, und nur bei gutem Wetter. Sie serviert einen kräftigen Kräutertee, der auf dem Berg wächst, und selbstgebackene Zimtschnecken, die sie in einem alten Steinbackofen zubereitet. Ihr Met ist fast so gut wie der von Aus, sagt man, auch wenn er weniger heilig ist.

Ein anderer Bewohner ist der ehemalige Förster Henning Voss, der heute jeden Samstag eine Wanderung von Teistig aus zur Burg anbietet. Er kennt jede Sage des Zaubernebelhains: vom „Weißen Weib“, das in Vollmondnächten zwischen den Mauern umgehen soll, von vergrabenen Schätzen unter dem Bergfried, von einem geheimen Gang, der angeblich bis ins Tal der Blinkitz führt. Ob man ihm glaubt oder nicht – seine Führungen sind unterhaltsam, und er versteht es, die Atmosphäre des Ortes lebendig werden zu lassen.

Der Zaubernebelhain, der die Burg umgibt, verdankt seinen Namen einer meteorologischen Eigenheit. An manchen Tagen, besonders im Frühherbst, steigt aus den feuchten Gründen des Blinkitztals ein dichter Nebel auf, der sich um den Bergsporn legt und die Ruine wie eine Insel über einem Meer aus Weiß erscheinen lässt. Dann, so sagen die Alten, könne man die Stimmen der Verstorbenen hören, die zwischen den Mauern flüstern – kein unheimliches Flüstern, sondern ein leises, tröstliches Murmeln. Die Geologen des Whisperwood haben dafür eine Erklärung (die eigenartigen Gesteinsformationen), aber die Bewohner von Hohenteistig ziehen ihre eigene vor.

Ein Besuch der Ruine ist das ganze Jahr über möglich, der Eintritt ist frei. Allerdings sollte man gutes Schuhwerk mitbringen, denn der Weg ist steinig und bei Nässe rutschig. Der schönste Aufstieg beginnt an der kleinen Kapelle am Fuße des Berges – einem schlichten Feldsteinbau aus dem 17. Jahrhundert, der einst als Wallfahrtsort diente. Von dort schlängelt sich ein Pfad durch dichten Eichenbestand, vorbei an moosbewachsenen Findlingen und einer alten Quelle, deren Wasser angeblich heilende Wirkung hat. Nach etwa einer halben Stunde erreicht man den Burghof, wo die Zeit stillzustehen scheint.

Wer länger bleiben möchte, kann in Hohenteistig kein Hotel erwarten. Die Familie Treiber vermietet jedoch ein kleines Gästezimmer mit zwei Betten – einfach, aber sauber, und mit einem Blick, den man in keinem Fünf-Sterne-Hotel der Welt findet. Man frühstückt dann mit Raimund und Gunda, isst ihren selbstgemachten Honig (nicht heilig, aber köstlich) und hört Geschichten von Rittern, Bären und dem Zaubernebelhain. Eine Übernachtung auf Hohenteistig ist etwas für Romantiker und solche, die den Sonnenaufgang über dem Whisperwood nicht verpassen wollen.

Denn wenn die erste Morgensonne die Ruinen in goldenes Licht taucht und die Nebelschwaden langsam zerreißen, dann versteht man, warum dieser Ort seit über tausend Jahren Menschen anzieht. Hohenteistig ist kein Ziel für die Eile. Es ist ein Ort zum Verweilen, zum Träumen und zum Horchen – auf das Flüstern der Steine, das Rauschen des Waldes und vielleicht auch auf die eigene Seele.