Die Dorfkneipe „Zum Klippenläufer“ liegt in der Windstraße 17 in Winoma und ist täglich von 11:00 Uhr bis Mitternacht geöffnet, sonntags erst ab 12:00 Uhr nach dem Gottesdienst in der Dorfkirche St. Birgitta. Wer den Gastraum betritt, spürt sofort die solide Bauweise: dicke Wände aus grauem Feldstein, Deckenbalken aus dunklem Kiefernholz, das mit den Jahren von Salz und Rauch gezeichnet wurde. Der Boden besteht aus breiten Dielen, die bei jedem Schritt ein dumpfes, sattes Geräusch machen. An den Wänden hängen Seekarten von den Gewässern um Win-Ö und Ö Berga, dazu ein altes Steuerruder, das der Fischer Henrik Dahl 1967 nach einem Sturm an der Küste fand und hier abgab, weil er der Kneipe mehr Wert beimaß als dem eigenen Schuppen.

Die Geschichte des Gasthofs reicht zurück bis ins Jahr 1783, als der erste Bau an dieser Stelle errichtet wurde. In den Dokumenten der Kirchengemeinde wird für jenes Jahr ein „Schankhaus an der Windstraße“ erwähnt, das einem Mann namens Olaf Petterson gehörte. Petterson war ein ehemaliger Klippenläufer – so nannte man früher die Männer, die bei schwerem Seegang über die Felsen sprangen, um Schiffbrüchige zu retten. Den Namen verdankt die Kneipe also keinem poetischen Einfall, sondern einem handfesten Beruf, der in Winoma über Generationen ausgeübt wurde. Das ursprüngliche Gebäude fiel 1821 einem Brand zum Opfer. Der Nachfolgebau von 1823 steht bis heute, wurde aber mehrfach erweitert: 1901 kam der Saalanbau mit der großen Fensterfront hinzu, 1954 die überdachte Veranda zum Meer hin, und 1998 wurde der alte Kohleofen durch einen Gusseisenofen aus einer stillgelegten Schmiede in Antlas ersetzt.
Seit 2004 wird der Klippenläufer von Magnus und Freya Jonsson betrieben. Magnus, Jahrgang 1961, fuhr dreißig Jahre lang auf dem Kutter „Seeteufel“ und kennt jede Untiefe vor der Küste. Mit 43 Jahren gab er die Fischerei auf, weil ihm nach einer Knieverletzung das Arbeiten an Deck zu schwer wurde. Freya, Jahrgang 1965, lernte Kochen in der Hafenküche von Antlas und arbeitete später als Köchin auf einem Ausflugsdampfer, der zwischen Darso und Western pendelte. Sie entschieden sich für den Klippenläufer, weil das Pächterehepaar vor ihnen altersbedingt aufhörte und die Gemeinde den Fortbestand der Kneipe sichern wollte. Magnus steht meist hinter dem Tresen und zapft Bier aus dem Fass, das ihm die Brauerei Lundgren aus der Kreisstadt liefert. Freya ist in der Küche und bereitet ihre Gerichte nach Rezepten zu, die sie von ihrer Großmutter übernahm und im Lauf der Jahre an das veränderte Angebot anpasste.

Die Speise- und Getränkekarte ist handgeschrieben auf festen Kartonbögen, die einfach aussehen, aber alles enthalten, was der Klippenläufer zu bieten hat. Die Hauptgerichte sind der Kabeljau-Eintopf und die Muschelpfanne, die Freya mit Zwiebeln, Knoblauch und einem Schuss Weißwein aus dem Süden zubereitet. Dazu gibt es ein dunkles Brot aus Roggen, das freitags und dienstags frisch aus dem Ofen kommt. Ergänzt wird die Karte durch eine saisonale Suppe, die je nach Fang wechselt – im Herbst oft Seeteufelsuppe, im Frühjahr eine klare Brühe aus Hummerschalen mit Wurzelgemüse. Die Muscheln stammen aus den örtlichen Zuchtbecken am Hafen von Winoma, der Kabeljau wird täglich direkt vom Fischersteg geholt. Wer mittags kommt und rasch essen muss, bestellt die „Kleine Klippe“: eine Scheibe Brot mit Räucherfisch.
Die Getränkeauswahl hält, was die Region zu bieten hat. Vom Fass gibt es das „Westwind-Helle“, gebraut in Antlas, dazu ein dunkles Bockbier mit deutlich mehr Malz, das Magnus vor allem an stürmischen Abenden empfiehlt. In der Flasche kommt das „Klippenbräu“ aus einer kleinen Manufaktur in Darso, vergoren nach alter Rezeptur. Für die Fischer, die früh morgens ablegen und nachmittags noch halbwegs nüchtern sein müssen, steht ab zwölf Uhr mittags ein starker Kaffee bereit, aufgebrüht in einer Kanne, die seit etwa dreißig Jahren nicht ausgetauscht wurde und nach Ansicht der Gäste gerade deshalb den besten Geschmack entwickelt hat.

Der Klippenläufer ist für viele in Winoma mehr als nur ein Gasthof. Erik Lundgren, der das Bauunternehmen „Westwind“ gegenüber betreibt, isst hier jeden Donnerstag zu Mittag und bespricht mit Magnus den Zustand der Windstraße und der umliegenden Gebäude. Bürgermeisterin Solveig Arnesen hält ihre informellen Bürgersprechstunden in der hinteren Ecke des Gastraums ab – jeden zweiten Mittwoch im Monat um 19:00 Uhr, mit einem Glas Wasser und der Aktenmappe auf dem Tisch. Die Pastorin Annika Söderlund, die sonntags aus der Feldsteinkirche herüberkommt, umringt von Gemeindemitgliedern, trinkt dann einen Tee und erkundigt sich nach den Alten im Dorf. Wenn die Kirchengemeinde ihren jährlichen Basar veranstaltet, dessen Erlöse in den Erhalt von St. Birgitta fließen, kommt die Verpflegung für die Helfer vom Klippenläufer – Freya bereitet dafür große Töpfe mit Muschelsuppe vor, die in der Kirche aufgewärmt werden. Die Bauarbeiter von der Festung Ekkarsklippe, die in den Sommermonaten Ausbesserungen an den Mauern vornehmen, quartieren sich nicht auf Cascade Island ein, sondern kommen abends mit dem Boot herüber und nehmen ihr Essen hier ein. Auch das Museum für Sturminselgeschichte aus Antlas, dessen Mitarbeiter gelegentlich in Winoma zu Recherchen sind, verzeichnet den Klippenläufer in seinen internen Empfehlungen für Gäste, die nach einem Museumsbesuch den Landkreis kennenlernen wollen.
Seit vielen Jahren sitzt hier jeden Abend jemand, der das Meer beobachtet, und morgens kehren die Fischer ein. Der Klippenläufer kommt ohne Aufhebens aus, aber ohne ihn wäre Winoma nicht dasselbe.

