Goldstrand

Goldstrand (Kreisstadt des Landkreises Goldküste – Kohlonia)

(Pop.: 725 – 2m NN)

Wer von Sommereck an der B303 her kommend die Landstraße K302 durch das sanfte Hügelland westwärts nimmt, spürt schon nach wenigen Kilometern, dass das Meer nicht mehr fern ist: Der Wind frischt auf, die Böden werden sandiger, und hinter Sommereck lichtet sich der flache Acker zu einer weiten, von hellgrünen Kiefernkronen gesäumten Küstenebene. Dann endlich, nur zwei Meter über den Wellen der Sturmsee, liegt sie: die Kreisstadt Goldstrand. Mit 725 Einwohnern ist sie die größte Siedlung des Landkreises Goldküste und dennoch ein Ort, der sich seine kleinstädtische Gemächlichkeit bewahrt hat – ein stilles administratives, kulturelles und wirtschaftliches Zentrum, das mit seinen roten Backsteinfassaden, dem schlanken Kirchturm und dem nach Teer und Räucherfisch duftenden Hafenviertel einen ganz eigenen, unaufgeregten Charme besitzt.

Der Name „Goldstrand“ klingt nach verborgenen Schätzen und großen Verheißungen, doch tatsächlich wurde in dieser Gegend nie Gold gefunden – weder Nuggets im Sand noch Adern im Gestein. Die Bezeichnung rührt vielmehr von den feinen Glimmerpartikeln her, die in den klaren Strandsand eingelagert sind und an sonnigen Tagen einen goldenen Schimmer erzeugen, als hätte jemand feinstes Blattgold auf dem Boden verteilt. Ein reisender Maler namens Hieronymus Glasbrenner, der 1832 auf der Durchreise in Goldstrand Halt machte, notierte in seinem Tagebuch, der Strand glitzere „wie eine Schatulle voller Perlmutt“, und trug so zur romantischen Verklärung des Ortes bei, die bis heute nachhallt.

Goldstrand gruppiert sich um einen rechteckigen Marktplatz, der mit seinen unregelmäßigen, von Grasbüscheln durchbrochenen Pflastersteinen und den drei windschiefen Rosskastanien in seiner Mitte mehr nach einem verträumten Dorfanger aussieht als nach dem Mittelpunkt einer Kreisstadt. Auf der Nordseite thront das 1744 errichtete Kreishaus aus rotem Backstein – ein schlichter, zweigeschossiger Bau mit hohem Walmdach und einem kleinen Uhrturm, der erst 1891 aufgesetzt wurde und dessen Zifferblatt seither die Zeit über dem Städtchen misst. Hier residiert einstweilen Kreishauptmann Lennart Grönebaum, ein bedächtiger Endfünfziger mit Nickelbrille und einer Vorliebe für gestreifte Krawatten, der sein Büro im ersten Stock so vollgestellt hat mit Aktenordnern und Seekarten, dass Besucher kaum noch einen Platz zum Stehen finden.

Gegenüber, auf der Südseite des Platzes, erhebt sich die St.-Eobans-Kirche, deren schlanker, von einer Wetterfahne gekrönter Turm schon von weitem sichtbar ist und den Fischern auf See als Orientierung dient. Die Kirche wurde 1683 als schlichter Saalbau auf den Fundamenten eines älteren, bei einer Sturmflut schwer beschädigten Vorgängerbaus errichtet. Im Inneren birgt sie ein bemerkenswertes Taufbecken aus der Zeit um 1520, das vermutlich aus einer aufgelassenen Kapelle im nahen Frühlingsdorf stammt – ein achteckiges, mit verwitterten Rankenornamenten verziertes Sandsteinbecken, in dem bis heute jedes Kind des Kirchspiels getauft wird. Die Gemeinde der St.-Eobans-Kirche zählt etwa 350 Seelen; Gottesdienste hält Pastorin Mareile Klünder, eine resolute Frau mit Humor, die nach der Messe gern im Pfarrgarten Kräutertee ausschenkt und dabei mit den Alten über Fangquoten und die besten Rezepte für Sturmseelachs diskutiert.

Nur ein paar Schritte westlich der Kirche steht das alte Schulhaus, ein langgestreckter Fachwerkbau von 1827, in dem die einzige Schule des gesamten Landkreises untergebracht ist. Etwa achtzig Kinder aus allen sechs Ortschaften werden hier in jahrgangsübergreifenden Klassen unterrichtet; drei Kleinbusse, liebevoll „die Krabbenkutter“ genannt, holen sie jeden Morgen aus Sommereck, Silberstrand und den verstreuten Gehöften des Küstenwaldes ab.

Gleich neben dem Schulhaus erhebt sich das 1790 erbaute Amtsgericht, ein sandsteinverkleideter Bau mit drei hohen Rundbogenfenstern und einem tonnengewölbten Sitzungssaal, in dem noch immer einmal im Monat Verhandlungstage abgehalten werden, meist mit einer Mischung aus juristischem Ernst und der kohlonischen Gelassenheit, die den Küstenmenschen eigen ist. Der Gerichtsschreiber Thies Reinhold, ein passionierter Hobby-Ornithologe, führt zwischen den Sitzungen gern auswärtige Besucher durch das Haus und zeigt stolz die restaurierten Bleiglasfenster des Saals, die drei Szenen aus dem alten Seefahrer-Epos über Kapitän Eoban zeigen und von einem unbekannten Glasmaler aus Kohla gefertigt wurden.

An der Südwestecke des Marktplatzes zweigt die gepflasterte Muschelgasse ab, eine so schmale Gasse, dass zwei Fuhrwerke kaum aneinander vorbeikämen. Sie führt, vorbei an kleinen, weiß getünchten Häusern mit blau gestrichenen Fensterläden, hinunter zum Hafen, wo die Kutter der örtlichen Fischer an einem 60 Meter langen Kai liegen, der ursprünglich 1893 aus Holz erbaut und im Jahre 1962, als die alten Bohlen dem Salzwasser nicht mehr standhielten, durch eine robuste Betonkonstruktion ersetzt wurde. Werktags zwischen sechs und acht Uhr morgens ist die kleine Fischauktionshalle der Schauplatz eines geschäftigen Treibens: Fischer wie der bullige Hauke Lüttges oder die stets gut gelaunte Wiebke Pohlmann bieten hier ihren Fang aus der vergangenen Nacht feil – zumeist Sturmseelachs und Makrelen.

Die Räucherei Bartels, ein seit 1921 in Familienbesitz befindlicher Betrieb, veredelt eben diesen Fisch über smeelendem Buchenholzrauch zu jener kupferfarbenen Delikatesse, die weit über den Kreis hinaus bekannt ist und gern als Mitbringsel nach Kohla oder gar in die westmündischen Hotels geht. Direkt neben dem Räuchereibetrieb steht die kleine, schon etwas in die Jahre gekommene Hafenschenke „Zur letzten Boje“, deren Wirtin – eine resolute Dame namens Helga Veerhoff – jeden Abend frische Fischsuppe im Kupferkessel köchelt und dabei jedem, der es hören will, die Geschichte vom „Seeläufer“ erzählt: einem legendären Matrosen, der angeblich in einer stürmischen Nacht des Jahres 1712 über die Wellen des Hafens gerannt sein soll, um seine Geliebte vor der Sturmflut zu warnen, und der seitdem als guter Geist des Ortes gilt.

An der Hafeneinfahrt, auf einer leichten Anhöhe, steht seit 1908 ein kleines Molenfeuer, das heute als Tagestonne dient und dessen rot-weiße Ringe rostfleckig in der Nachmittagssonne glänzen. Wer den schmalen Pfad dort hinaufsteigt, wird mit einem weiten Blick belohnt: Im Süden erstreckt sich der Küstenwald, ein windzerzauster Mischwald aus Kiefern und Birken, der die Küste als schmaler grüner Riegel vor den Stürmen der Sturmsee schützt. Davor liegt der Schulwald, ein drei Hektar großer Kiefernbestand, der ursprünglich 1855 als reine Windschutzhecke gepflanzt wurde und heute als Unterrichtsrevier für die naturkundlichen Fächer dient. Dort beobachten die Schüler unter Anleitung von Lehrerin Fenna Brümmer die heimische Flora und Fauna, zählen Uferschwalben und lernen die verschiedenen Kiefernarten des Küstenstreifens zu unterscheiden.

Das kulturelle Leben Goldstrands spielt sich vor allem in zwei Räumlichkeiten ab: im Gemeindesaal des Kreishauses, wo der örtliche Gesangsverein „Frohsinn 1902″ mittwochs seine Proben abhält und wo im Sommer die Goldstrander Musiktage stattfinden – ein viertägiges Festival, das regionale Chöre und Instrumentalgruppen anzieht und dessen Höhepunkt traditionell das „Fischerliedersingen“ am letzten Abend ist. Das eigentliche soziale Zentrum aber ist der Schützenhof an der Sommerecker Straße, dessen große Halle sowohl als Tanzsaal für das Erntedankfest als auch als Austragungsort des legendären Goldstrander Skat-Turniers dient, bei dem sich der Fleischermeister Joris van Heusen vergangenes Jahr gegen die dreifache Titelverteidigerin Greta Fockbek durchsetzen konnte – ein Ereignis, über das im Ort noch heute gesprochen wird.

Der Haltepunkt Goldstrand der Kohlbahn liegt am Ende der K302, nur wenige hundert Meter östlich des Kreishauses. Das kleine Stationsgebäude mit hölzernem Wartehäuschen und einem Bahnsteig für zwei Wagenlängen fungiert als bescheidener Taktgeber für alle Reisenden, die das Städtchen besuchen oder verlassen möchten: Stündlich hält die Linie 12 der Kohlbahn hier an, zwischen frühem Morgen und spätem Abend – auf der Südroute über Silberstrand in die Landeshauptstadt Kohla, auf der Nordroute über Strandstedt nach Westmünde. Wer mit dem eigenen Wagen anreist, nimmt die K302 oder folgt dem Küstenweg: zwölf Kilometer südwärts bis zum verträumten Silberstrand, sechs Kilometer nordwärts bis in das deutlich größere Strandstedt, wo bereits die Ausläufer des Hinterlandes mit ihren sanften Anhöhen und Eichenhainen beginnen.

Für Gäste, die länger bleiben wollen, hält Goldstrand einige einfache, aber gemütliche Unterkünfte bereit. Der Gasthof „Zum goldenen Anker“ in der Hafenstraße 3, geführt von der Familie Quast, bietet vier Doppelzimmer mit Blick auf den Kai und ein Frühstück mit frischem Räucherfisch. Die Pension „Haus Seeblick“ an der Muschelgasse 7 punktet mit einer Terrasse, die tatsächlich einen schmalen Streifen der Sturmsee erkennen lässt. Einkaufen kann man im Dorfladen Kötting an der Marktstraße, der von Backwaren bis zu Angelzubehör so ziemlich alles führt, was man an der Küste braucht; dienstags und freitags findet auf dem Marktplatz zudem ein kleiner Wochenmarkt statt, auf dem der Gemüsebauer Eike Krummhorn und die Bäckerin Fine Drees ihre Waren feilbieten. Seit Kurzem existiert an der Sommerecker Straße auch eine kleine, von der Sparkasse Kohlonia betriebene SB-Filiale mit Briefmarkenautomat, die als Postamt und Bankfiliale in einem dient.

Goldstrand ist – bei aller Bescheidenheit seiner Ausmaße – ein Ort, der dem Besucher mit jeder Pflasterfuge und jeder gesalzenen Brise zuflüstert, dass das Meer niemals weit ist und die Geschichten, die es anspült, mindestens so wertvoll sind wie das Edelmetall, das der Name des Städtchens so vollmundig verspricht. Wer die Stille des Küstenwalds, den Geruch von Buchenholzrauch und den Anblick des morgendlich golden glitzernden Sandes sucht, ist hier genau richtig – und wird, nach einem Abend im Schützenhof und einem Teller Fischsuppe in der Hafenschenke, irgendwann im fahlen Sternenlicht über dem Molenfeuer feststellen, dass er sich kaum noch erinnern kann, warum er je wieder abreisen wollte.


Verkehrsverbindungen:
Bahn: Linie 12 (Kohlbahn) stündlich 6:51-20:51 über Silberstrand nach Kohla, 21:51 nach Silberstrand, 7:14-21:14 über Strandstedt nach Westmünde, 22:14 nach Strandstedt
Straße: K302 (W: Sommereck 4km); Küstenweg (S: Silberstrand 12km, N: Strandstedt 6km)

Land: Kohlonia
Landkreis: Goldküste
Postleitzahl: K-5000 Goldstrand