(Pop.: 125 – 82m NN)

Wer in der kohlonischen Steppe unterwegs ist und glaubt, die Welt höre hinter dem letzten bewässerten Kohlfeld einfach auf, der kennt Winterburg noch nicht. Ganz im Osten des Landkreises Kohlatal, dort, wo sich der trockene Wind ungehindert mit den Gräsern unterhält, taucht es plötzlich auf: eine lose Ansammlung von kaum zwei Dutzend Häusern, die sich um einen unregelmäßigen, nicht ganz kreisrunden Dorfplatz drängen. 125 Menschen leben hier, auf 82 Metern über dem Meer, umgeben von einer so weiten wie kargen Landschaft. Es ist ein Haufendorf, wie es im Buche steht – ohne geometrischen Plan, gewachsen aus der Notwendigkeit, dem ewigen Wind etwas entgegenzusetzen. Und obwohl Winterburg auf den ersten Blick wie ein Ort wirkt, den die Zeit vergessen hat, steckt in ihm mehr Geschichte, als manchem deutlich größeren Flecken des Kohlatals lieb ist.

Dabei verdankt das Dorf seine Existenz einem technischen Wunderwerk des 19. Jahrhunderts: der Northern Desert Railway. Als die Eisenbahnbauer in den 1880er-Jahren die Strecke von Kohla durch die menschenleere Steppe gen Nudelland vorantrieben, brauchten sie Wasserstationen, Werkstätten und Unterkünfte. So entstand an diesem strategisch günstigen Punkt eine kleine Siedlung, die später einen eigenen Bahnhof bekam und auf den Fahrplänen der Linie 3002 verewigt wurde. Noch heute hält hier stündlich zwischen 7:24 und 22:24 Uhr ein Zug Richtung Kohla, und zwischen 6:33 und 21:33 Uhr einer in die Gegenrichtung nach Nudeltopf – vorausgesetzt, man winkt rechtzeitig, denn die Züge halten nur bei Bedarf. Bahnhofsvorsteher Wilhelm Kröger, ein drahtiger Mann mit sandfarbenem Schnauzbart, der dieses Amt seit nunmehr 17 Jahren versieht, pflegt den Wartesaal eigenhändig und hat eine Sammlung historischer Fahrpläne an die Wand gepinnt, die bis ins Jahr 1899 zurückreicht. Wer ihn auf die Einsamkeit seiner Station anspricht, bekommt zur Antwort: „Einsam? Hier draußen hört man wenigstens, wenn die Stille was zu sagen hat.“

Der Name Winterburg hat indes nichts mit dem Bahnhof zu tun, sondern verweist auf eine der eigentümlichsten Sehenswürdigkeiten der gesamten Region. Etwa zwei Kilometer nordwestlich des Dorfes, auf einer flachen, kaum als Hügel zu erkennenden Anhöhe mitten in der Steppe, erhebt sich die Ruine der Winterburg. Wer sich ihr zu Fuß nähert, sieht zunächst nur den quadratischen, viergeschossigen Wohnturm aus grob behauenem Sandstein, der wie ein vergessener Schachfiguren-Turm in der kargen Ebene steht. Das Bauwerk ist seltsam fensterlos, und die einzige Türöffnung klafft in sechs Metern Höhe – ursprünglich nur über eine einziehbare Leiter zu erreichen. Diese kuriose Bauweise hat einen einfachen Grund: Die Burg wurde um 1688 von wohlhabenden Bürgern aus Kohla errichtet, die hier, weitab von jeder Zivilisation, ihrem exklusiven Wintervergnügen frönten. Wenn die Jagdsaison auf die berühmten kohlonischen Steppenhühner eröffnet wurde, reisten die Herren mit großem Gefolge an, zogen die Leiter ein und genossen in ihrem trutzigen Turm eine Abgeschiedenheit, die heute kaum noch vorstellbar ist. Der gesamte Innenraum ist bis unter das Dach offen und vollkommen hohl – ein riesiger, leerer Schacht, in dem die Stimmen der Besucher auf unheimliche Weise widerhallen. Dass die Jäger hier nicht dauerhaft siedelten, lag nicht nur an der winterlichen Kälte, sondern auch an einem empfindlichen Mangel: Wasser musste mühsam aus dem Dorf herangeschafft werden. So blieb die Winterburg stets ein temporärer Sitz, der 1756 endgültig aufgegeben wurde und seitdem langsam zerfällt. Eine steinerne Wendeltreppe führt noch heute hinauf zur Turmplattform, von der aus sich ein grandioser Blick über die Steppe bietet. Der Aufstieg ist bei Tageslicht frei möglich, geschieht jedoch auf eigene Gefahr – die Stufen sind ausgetreten und von Wind und Wetter blankgeschliffen. Eine örtliche Legende, die besonders gern vom alten Schäfer Konrad Kolbenheyer weitererzählt wird, weiß zu berichten, dass in stürmischen Nächten manchmal der Geist eines ertrunkenen Jagdhundes um den Turm streife und die Steppenhühner aufschrecke. Wer‘s glaubt, wird selig – die Hühner jedenfalls lassen sich davon nicht beeindrucken.

Einen knappen Kilometer südlich des Dorfplatzes, dort wo der Schotterweg in die offene Steppe übergeht, liegt die Schäferei Kolbenheyer. Der stattliche, weiß getünchte Vierseithof mit seinem schiefergedeckten Wohnhaus und den langgestreckten Stallungen ist ein Familienbetrieb, der seit 1887 besteht und heute in fünfter Generation von Georg Kolbenheyer geführt wird – einem wortkargen, aber herzlichen Mann, der seine rund 200 Merinoschafe allesamt am Gang erkennt. Die Wolle dieser Tiere gilt unter Kennern als etwas Besonderes: Fein, langfaserig und von einem warmen, leicht crèmefarbenen Ton, der sich ohne zusätzliche Bleichmittel zu hochwertigen Stoffen verarbeiten lässt. Jeden Dienstag und Freitag verlässt ein sorgfältig gepacktes Paket mit frisch geschorener Wolle den Bahnhof Winterburg und gelangt auf direktem Wege in die Hauptstadt Kohla, wo es in einer kleinen Textilmanufaktur zu Decken, Schals und Pullovern verarbeitet wird. Wer möchte, kann dem Schäfer bei der Arbeit zusehen oder im Hofladen vorbeischauen, wo es neben Strümpfen und Fellen auch den kräftigen Schafskäse zu kaufen gibt, den Georgs Frau Marlies jeden Donnerstag selbst herstellt.

Das geistliche Leben des Dorfes konzentriert sich auf einen schmucklosen, aber ehrwürdigen Bau am Rande des Dorfplatzes: die St.-Hedwigs-Kapelle von 1899. Anders als die meisten Kirchen des Kohlatals, die aus rotem Backstein oder behauenem Kalkstein errichtet wurden, handelt es sich hier um einen schlicht verputzten Saalbau mit einem kleinen hölzernen Glockenstuhl, der vor dem Eingang aufgestellt ist und dessen Glocke bei starkem Wind ganz von selbst zu läuten beginnt. Erbaut wurde die Kapelle von Eisenbahnarbeitern aus dem Nachbarland Nudelland, die, fern ihrer Heimat, einen Ort der Andacht suchten. Das Inventar ist spartanisch: ein hölzerner Altartisch, eine geschnitzte Madonnenfigur aus dem späten 19. Jahrhundert und ein Votivbild, das der Überlieferung nach von einem unbekannten Arbeiter gemalt wurde, der auf diese Weise für die glückliche Vollendung der Northern Desert Railway dankte. Jeden zweiten Sonntag im Monat kommt Pfarrer Markus Eberlein aus dem benachbarten Herbstplatz herübergefahren, um einen Gottesdienst zu halten, zu dem sich dann nicht selten die gesamte Dorfbevölkerung einfindet. An den übrigen Sonntagen versammeln sich die Gläubigen zu einer Wortgottesfeier, die von der Gemeindereferentin Elisabeth Freitag geleitet wird, einer energischen Dame fortgeschrittenen Alters, die im Notfall auch den Organistendienst übernimmt und die Kirchenlieder in einer Lautstärke anstimmt, die den Glockenstuhl überflüssig erscheinen lässt.

Dreizehn Kilometer nördlich des Dorfes beginnt jene Landschaft, die auf keiner Postkarte zu finden ist: die Kohlwüste. Die Vegetation wird hier zunehmend karger, die Gräser weichen sandigen Böden, und irgendwann steht man vor einem Nichts aus Stein, Geröll und flimmernder Hitze – eine lebensfeindliche Einöde, die im Sommer so trocken ist, dass selbst die widerstandsfähigsten Sträucher verdorren. An der Gemeindegrenze von Winterburg, wo der letzte befestigte Weg endet, markiert ein einsamer Kilometerstein aus dem Jahr 1891 den Übergang in diese Unwirtlichkeit. Seine Inschrift, in den verwitterten Sandstein gemeißelt, lautet schlicht und unmissverständlich: „Bis hierher und nicht weiter – wer weitergeht, trägt sein Wasser selbst.“ Der Stein ist ein beliebtes Fotomotiv, und doch umgibt ihn ein Hauch von Ernst: Wer von hier aus weiter nach Norden aufbricht, sollte tatsächlich genügend Proviant dabei haben. Der letzte, der es ohne ausreichende Vorbereitung versuchte, war – so erzählt man sich am Stammtisch – ein übermütiger Student aus Kohla, der 2007 mit einer leeren Trinkflasche aufbrach und zwei Tage später von einem Schäfer der Kolbenheyers halb verdurstet aufgelesen wurde. Seitdem mahnt eine handgemalte Zusatztafel unter der Inschrift: „Das gilt auch für Fahrradfahrer!“

Die Versorgungslage des Dorfes ist bescheiden, aber funktional. Einen richtigen Gasthof sucht man vergeblich, doch in der Dorfstraße 7, einem ehemaligen Bauernhaus mit liebevoll gestutztem Vorgarten, betreibt Ingrid Bernauer eine kleine Pension mit drei Gästezimmern, die sie unter dem Namen „Zur Steppenruh“ anbietet. Das Frühstück – hausgemachte Marmelade, frische Brötchen, die der Bäcker aus Viehdorf jeden Morgen vorbeibringt, und der unvermeidliche Schafskäse der Kolbenheyers – wird im Wohnzimmer serviert, wo ein riesiger Kachelofen für Behaglichkeit sorgt. Eine Vorbestellung ist ratsam, denn die drei Zimmer sind in der kurzen Besuchersaison zwischen Mai und September oft ausgebucht.

Einen Steinwurf entfernt, im umgebauten Güterschuppen des Bahnhofs, hat sich etwas aufgetan, das man getrost als soziale Keimzelle des Dorfes bezeichnen darf: „Das Gleis 3“. So heißt der kleine Kiosk, den Ludger Mahler, ein ehemaliger Lokführer im Ruhestand, vor fünf Jahren eröffnet hat. Hier gibt es heiße Würstchen, ein passables Bier vom Fass und an jedem ersten Freitag des Monats eine Filmvorführung, bei der Mahler seinen alten 16-Millimeter-Projektor anwirft und die Dorfbewohner auf selbstgezimmerten Bänken Platz nehmen. Das Programm reicht von alten Schwarz-Weiß-Filmen bis zu Dokumentationen über den Kohlebergbau – und endet stets mit einer lebhaften Diskussion, bei der die Steppenhühner draußen die einzigen sind, die nicht mitreden dürfen.

Für die täglichen Besorgungen gibt es im Erdgeschoss des Gemeindehauses einen kleinen Dorfladen, den Sabine Kröger, die Schwester des Bahnhofsvorstehers, mit bemerkenswertem Geschick führt. Auf wenigen Quadratmetern findet sich hier alles, was man zum Leben braucht: Mehl, Zucker, Konserven, Kerzen, Hundefutter und ein Regal mit Taschenbüchern, das im Ort liebevoll „die Winterburger Zweigstelle der Stadtbibliothek Kohla“ genannt wird, obwohl es mit dieser Institution keinerlei Verbindung unterhält. Einmal wöchentlich, mittwochs um die Mittagszeit, parkt ein Lieferwagen der Bäckerei Feldkamp aus Viehdorf vor der Tür und verkauft frische Backwaren.

Das gesellschaftliche Leben spielt sich, wenn nicht im Gleis 3, auf dem Dorfplatz ab, wo im Sommer ein alter Brunnen plätschert und im Winter die Kinder einen Schneemann bauen, der dann bis in den April hinein steht. Einen eingetragenen Verein gibt es nur einen: die Freiwillige Feuerwehr Winterburg, gegründet 1902, deren Spritzenhaus sich neben der Kapelle befindet und deren Mitgliederzahl fast an die Einwohnerzahl heranreicht. Wehrführer ist Heiko Mahler, der Sohn des Kioskbetreibers, der im Hauptberuf bei der Straßenmeisterei Kohlatal arbeitet und jeden zweiten Samstag eine Übung ansetzt, zu der auch die umliegenden Wehren aus Viehdorf, Karo und Herbstplatz eingeladen sind. Das alljährliche Feuerwehrfest am dritten Augustwochenende, bei dem die Kolbenheyers einen Hammel stiften und der Schützenverein aus Südort eine Bude betreibt, ist der gesellschaftliche Höhepunkt des Jahres und zieht Besucher aus der gesamten Region an. Dann wird die Straße zwischen dem Dorfplatz und dem Bahnhof für den Verkehr gesperrt, und man tanzt bis in die frühen Morgenstunden zu den Klängen der Kapelle „Die Steppenwölfe“, die eigens aus Kohla anreist.

Die Nächte in Winterburg sind, das muss gesagt sein, nichts für Menschen, die das Rauschen der Großstadt vermissen. Wenn nach Einbruch der Dunkelheit die letzten Lichter in den Fenstern erlöschen und der Wind über die Steppe streicht, hört man nichts als die fernen Rufe eines Uhus und das gelegentliche Bellen eines Hofhundes. Es ist eine tiefe, schwarze Stille, in der man das eigene Blut in den Ohren rauschen hört. Wer sie aushält, wird mit einem Sternenhimmel belohnt, der in der klaren, trockenen Luft der Steppe eine Brillanz entfaltet, wie sie in den Städten der Küste längst verloren gegangen ist. Dann kann es geschehen, dass man auf der Bank vor der Kapelle sitzt, zu den funkelnden Punkten über dem Wohnturm der Winterburg hinaufblickt und versteht, warum die 125 Menschen hier nicht fortgehen. Es ist nicht nur die Arbeit, die sie hält. Es ist der weite Himmel, der sie umarmt.


Verkehrsverbindungen:
Bahn: Linie 3002 (Northern Desert Railway) stündlich 7:24-22:24 nach Kohla, 6:33-21:33 nach Nudeltopf
Straße: B30 (SW: Herbstplatz 10km, NO: Viehdorf 3km); K302 (W: Südort 12km, O: als NL305 nach Karo 5km)

LandKohlonia
LandkreisKohlatal
Postleitzahl: K-9130 Winterburg