(Pop.: 105, 112 m NN)

Neudalno liegt dort, wo die Blumenthal-Ebene besonders weit erscheint. Hinter den letzten Häusern beginnen Felder, die bis an den Horizont reichen: Weizen und Gemüse, Futterrüben, Kartoffeln, Sonnenblumen und lange Reihen von Schnittblumen. Die fruchtbaren Lössböden, das milde Klima und die gute Wasserversorgung machen diese Ebene zu einer der ertragreichsten Agrarlandschaften Landauris. Im östlichen Teil des Kreises Novafurt bilden Neudalno, Dalno und Elsterwitz eine Gruppe kleiner, von Landwirtschaft geprägter Streusiedlungen. Der Ortsname führt regelmäßig zu Verwechslungen. Eine beliebte Geschichte behauptet, Neudalno sei von enttäuschten Dalnoern gegründet worden, die ihr altes Dorf nach einem Streit über die gemeinsame Schweineweide verlassen hätten. Wahrscheinlicher ist, dass einige abseits gelegene Höfe im Laufe der Zeit als „neues Dalno“ zusammengefasst wurden. Geblieben ist eine freundschaftliche Rivalität: Beim herbstlichen Feldkegeln treten beide Dörfer gegeneinander an, und in Neudalno wird gern betont, man liege zwar einen Meter höher, denke aber keineswegs von oben herab.

Eine dichte Ortschaft ist Neudalno bis heute nicht. Rund um die Kreuzung von Dorfstraße, Blumenweg und Schweinegasse stehen ein knappes Dutzend Wohnhäuser, mehrere große Hofanlagen und einige umgebaute Wirtschaftsgebäude. Dazwischen öffnen sich immer wieder Ausblicke auf Äcker und Weiden. Eine Kirche besitzt das Dorf nicht. Für Andachten, Gemeindeversammlungen und kleine Feiern dient die Laurentiusstube im ehemaligen Spritzenhaus, einem niedrigen Ziegelbau mit hölzernem Glockenaufsatz. Jeden Freitagabend wird hier über Reparaturen, Erntepläne und die Nutzung gemeinschaftlicher Maschinen beraten. Das entspricht der dezentralen Ordnung Landauris, in der Gemeinden möglichst viele Angelegenheiten selbst entscheiden und kleine Betriebe sowie Genossenschaften den wirtschaftlichen Alltag prägen.

Das auffälligste Gebäude an der Dorfstraße 8 ist die Apotheke „Zum Grünen Ferkel“. Apothekerin Amira Hansen hat eine frühere Milchkammer zu einem erstaunlich gut sortierten Verkaufsraum ausgebaut. Hinter grünen Holzläden stehen Regale mit Medikamenten, Verbandszeug, Sonnenschutz und Salben für Mensch und Tier. Amira Hansen mischt außerdem eine nach Heu duftende Handcreme für Feldarbeiterinnen und Feldarbeiter. Wer ein seltenes Präparat benötigt, bestellt es bei ihr und holt es am folgenden Nachmittag ab. Vor der Apotheke steht eine wetterfeste Bank, die sich zum inoffiziellen Wartezimmer des Dorfes entwickelt hat. Dort werden Beschwerden gelegentlich ausführlicher besprochen als drinnen.

Hinter der Apotheke beginnt der Rosenackerhof von Farid Jansen und Klara Mertens. Auf seinen Flächen wachsen Gemüse, Ringelblumen und Futterpflanzen. Der Lindenbogenhof am westlichen Ortsrand hält Schweine in weitläufigen Freilandgehegen, während der Hof Morgenrot von Esma Yıldız und Pavel Dvořák Getreide anbaut und eine kleine Saatgutbibliothek betreut. Besucher dürfen dort alte Bohnen-, Kürbis- und Mohnsorten kennenlernen. Übernachtungsmöglichkeiten gibt es in zwei einfachen Gästezimmern im ehemaligen Gesindehaus. Das Frühstück besteht aus Hofbrot, eingelegtem Gemüse, Eiern aus Neudalno und wechselnden Wurstwaren aus der Dorfmetzgerei.

Die Schweinezucht und -mast bildet neben dem Feldbau die wirtschaftliche Grundlage des Ortes. Die Tiere werden auf mehreren Höfen gehalten, wobei die gemeinschaftlich bewirtschaftete Freilandfläche an der Schweinegasse als Besonderheit gilt. Zwischen Unterständen, Suhlen und Obstbäumen erstreckt sich dort ein geräumiges Gehege, dessen Bewohner ausgesprochen neugierig sind. Diese Neugier brachte Yogalehrerin Maëlle Fournier auf eine ungewöhnliche Idee. Ihr Studio „Sauwohl“ besteht aus einer überdachten Holzplattform unmittelbar am Gehege. Dreimal wöchentlich bietet sie Yoga mit Tieren an. Während der Übungen bewegen sich einige besonders zutrauliche Schweine frei zwischen den Teilnehmenden. Von vollkommener Meditation kann dabei nicht immer die Rede sein. Das Schwein Brunhilde legt sich bevorzugt auf unbenutzte Matten, während der junge Eber Konrad Wasserflaschen umstößt und anschließend beleidigt wirkt. Maëlle Fournier betrachtet solche Unterbrechungen als Teil des Konzepts: Gelassenheit müsse sich gerade dann beweisen, wenn eine feuchte Schnauze am Fuß schnuppere. Nach der Stunde werden die Tiere gefüttert, und im kleinen Ausschank gibt es Kräutertee, Apfelsaft und deftige Schmalzbrote. Die Abendtermine bei tief stehender Sonne sind besonders reizvoll, denn dann leuchten die Felder ringsum in Gelb-, Rot- und Grüntönen.

Wenige Schritte weiter vereint der Betrieb „Keule, Kessel & Krug“ gleich mehrere Gewerke. Metzger Ivo Rademacher verarbeitet dort Fleisch aus den Neudalnoer Höfen zu Schinken, Bratwurst, Pasteten und der leicht pfeffrigen „Ebenenknacker“. Im rückwärtigen Brauraum stellt Brauerin Joana Velasquez kleine Mengen Craftbeer her. Ihr helles „Feldgold“ wird mit einer Spur Koriandersaat gebraut, während das dunklere „Schwarze Sau“ durch Röstaromen und eine dezente Süße auffällt. In der Brennerei entstehen Kornbrand, Kräuterschnaps und ein überraschend milder Möhrengeist. Zum Betrieb gehört der Hofladen an der Schweinegasse 3. Neben Fleisch, Bier und Spirituosen verkauft er Gemüse, Mehl, Honig, Seifen und Arbeiten aus den Werkstätten der Umgebung. Ein langer Gemeinschaftstisch vor dem Laden wird samstags zum geselligen Mittelpunkt Neudalnos. Eine Gaststätte im eigentlichen Sinne braucht das Dorf deshalb nicht. Mittags werden Suppe und belegte Brote ausgegeben, am frühen Abend stehen Probiergläser auf dem Tisch. Wer das Brandzeichen einer kleinen Schweineschnauze auf seinem Brot entdeckt, erhält ein alkoholfreies Malzgetränk gratis. Angeblich entstand der Brauch, nachdem Ivo Rademacher versehentlich einen Fleischstempel in einen frischen Laib gedrückt hatte.

Ein eigenes Regal im Hofladen gehört Noah Mitchell. Die Kunsthandwerkerin arbeitet in einer ehemaligen Traktorenremise am Blumenweg 4. Aus ausgedienten Futtertrögen, Draht, Holzresten und getrockneten Pflanzen fertigt sie Leuchten, Wandbilder und kleine Tierfiguren. Besonders begehrt sind ihre „Blumenthal-Schweine“, deren Körper aus gebogenen Metallstreifen bestehen und mit gepressten Blüten hinterlegt werden. Noah Mitchell öffnet ihre Werkstatt meist am Freitagnachmittag. Besucher können ihr bei der Arbeit zusehen oder unter Anleitung ein kleines Windspiel anfertigen.

Kraftfahrerin Rémi Boucher ist im Ort leichter zu hören als zu finden. Sie fährt einen Gemeinschaftslastwagen, bringt Gemüse und Fleischwaren zu den Märkten der Umgebung und kehrt oft erst am Abend zurück. Ihr roter Wagen trägt den Namen „Rosalinde“ und besitzt eine kleine, von Noah Mitchell gefertigte Schweinefigur auf dem Armaturenbrett. Rémi Boucher übernimmt außerdem Fahrten für ältere Einwohner und kennt jeden Feldweg zwischen Neudalno, Hettstedt, Großenhain und Dalno. Wenn ein Traktor feststeckt oder eine Lieferung kurzfristig ausfällt, gilt sie als erste Ansprechpartnerin.

Tabea Lindner arbeitet dagegen meistens am Fenster ihres Hauses in der Dorfstraße 2. Als Buchhalterin betreut sie die Höfe, den Hofladen und das Yogastudio. In einem Gemeinwesen ohne klassisches Privateigentum besteht ihre Aufgabe weniger darin, Gewinne zu maximieren, als Arbeitsstunden, gemeinschaftliche Anschaffungen und Einnahmen nachvollziehbar zu verteilen. Den Ruf, nur Zahlen im Kopf zu haben, weist sie entschieden zurück. Sie organisiert das Frühlingsessen, führt das Archiv der Laurentiusstube und schreibt jedes Jahr eine Dorfchronik, in der auch kleine Ereignisse festgehalten werden, etwa der Ausbruch dreier Ferkel in Noah Mitchells Werkstatt oder der Tag, an dem Rémi Boucher versehentlich zwei Kisten Blumenzwiebeln statt Kartoffeln auslieferte.


Verkehrsverbindungen:
Straße: L3 (N: Ferschau 14km, S: Hettstedt 6km); L16 (W: Großenhain 10km, O: Dalno 6km)

LandBlumenland
LandkreisNovafurt
Gemeinde: B-2240 Neudalno