(Pop.: 247 – 72m NN)

Auf der Dorfstraße von Elsterwitz braucht es selten mehr als ein freundliches Handzeichen, um begrüßt zu werden. Gerade 247 Menschen leben in der Gemeinde B-2180, die auf 72 Metern Höhe etwas östlich der Nova in der weiten Blumenthal-Ebene liegt. Gärten, Felder und naturbelassene Wiesen reichen bis an die letzten Häuser heran. Im Frühjahr stehen die Obstbäume weiß über den niedrigen Zäunen, im Hochsommer wechseln goldene Getreideschläge mit grünen Gemüsefeldern, und im Herbst halten sich Nebelbänke über den feuchten Wiesen. Die fruchtbaren Lössböden und das milde Klima machen diese Ebene zu einer der ertragreichsten Agrarlandschaften des Blumenlandes.

Der Name des Dorfes wird gern mit den Elstern erklärt, die auf den alten Pappeln am westlichen Ortsrand nisten. Sprachforscher halten jedoch eine andere Herkunft für möglich. Demnach soll „Elsterwitz“ aus dem Namen des mittelalterlichen Siedlers Alstewin hervorgegangen sein. Die Einheimischen bevorzugen die Vogelgeschichte. Bäckerin Helene Schneider erzählt sogar, eine Elster habe einst den Schlüssel zur Kirche gestohlen und auf dem Dach des Backhauses abgelegt. Belegen lässt sich davon nichts, doch beim Dorffest wird noch heute ein hölzerner Schlüssel zwischen den Zweigen einer Birke versteckt. Wer ihn findet, darf die Kirchenglocke zur Eröffnung des Festes läuten.

Diese Kirche ist das älteste und auffälligste Bauwerk des Dorfes. Der kleine Feldsteinbau stammt aus dem 13. Jahrhundert und steht auf einer flachen Erhebung über dem Dorfanger. Sein gedrungener Turm trägt ein mit dunklen Holzschindeln gedecktes Zeltdach, das weithin über den Feldern zu sehen ist. Im Inneren fallen die unregelmäßigen Mauern, eine schlichte Balkendecke und ein spätmittelalterliches Taufbecken aus hellem Sandstein auf. Bei einer Instandsetzung entdeckte Maurermeister Viktor Sandow hinter dem Altar einen zugemauerten Wandwinkel. Seither wird im Dorf darüber gestritten, ob es sich um eine frühere Sakramentsnische oder lediglich um einen Baufehler handelt.

Betreut wird die Kirche von Pfarrerin Annika Voss aus Novafurt. Zu den Gottesdiensten kommen oft kaum dreißig Menschen, doch die Gemeinde ist im Alltag erstaunlich präsent. Küsterin Vera Gärtner organisiert Besuchsrunden, den kleinen Kirchenchor und die „Offene Bank“, eine monatliche Gesprächsrunde unter der alten Linde vor dem Portal. Das Erntedankfest füllt dagegen jede Sitzreihe. Dann schmücken Kinder den Altar mit Ähren, Kürbissen und Blumen, während GreenField Agrarprodukte einen Wagen mit den Erzeugnissen der Saison bereitstellt. GreenField ist der größte Betrieb des Dorfes, allerdings kein Unternehmen im herkömmlichen Eigentumssinn. Wie viele Betriebe Landauris wird die Agrargemeinschaft von den Menschen getragen, die dort arbeiten und über ihre Nutzung gemeinsam entscheiden. Das entspricht einer Gesellschaft, in der Gemeinden großen Gestaltungsspielraum besitzen, kleine Betriebe und Genossenschaften vorherrschen und Besitz vor allem als Verantwortung verstanden wird. Betriebskoordinatorin Samira Löwenthal stimmt Anbaupläne, Maschinenbelegung und Lieferungen ab. Auf rund um das Dorf verteilten Flächen wachsen Weizen, Zuckerschoten, Möhren und Färberblumen. Eine Besonderheit sind die breiten Blühstreifen, welche die Felder miteinander verbinden. Landwirtschaftstechniker Jakob Mellin testet dort Verfahren, bei denen die Bodenfeuchte mit einfachen Messsonden kontrolliert wird. Besucher können nach Voranmeldung an einem Feldrundgang teilnehmen und im kleinen Hofverkauf Mehl, Gemüsekonserven und getrocknete Blüten erwerben.

Den Weg vom Korn zum Frühstücksbrötchen vollendet Schneider’s Feinbäckerei an der Dorfstraße 18. Das niedrige Backsteinhaus besitzt nur einen winzigen Verkaufsraum, aus dem morgens der Duft von Roggenbrot, Mohnkringeln und warmem Apfelgebäck zieht. Helene Schneider backt gemeinsam mit Konditor Pavel Jeschke. Als Spezialität gilt der „Elsterknoten“, ein dunkles Hefeteilchen mit Mohn, Birnenmus und zwei über Kreuz gelegten Teigstreifen. Vor der Bäckerei stehen eine Bank und ein alter emaillierter Tisch, an dem Reisende ihren Kaffee trinken können. Für viele Dorfbewohner ist dieser Platz die inoffizielle Nachrichtenstelle von Elsterwitz.

Nur wenige Schritte entfernt befindet sich der Dorfladen „Wiesenkorb“ in einem früheren Wohnhaus mit grünen Fensterläden. Nora Feldkamp verkauft Lebensmittel, Haushaltswaren, Zeitungen und einige Produkte der umliegenden Höfe. Hinter dem Ladentisch gibt es einen Paketdienst, eine kleine Tauschbibliothek und ein schwarzes Brett. Dort werden Fahrgemeinschaften, Hilfe bei der Gartenarbeit und freie Nutzungszeiten für landwirtschaftliche Geräte bekannt gegeben. An Freitagnachmittagen schenkt Nora Feldkamp Kaffee aus, während am Tisch neben dem Kühlregal Karten gespielt wird. Größere Einkäufe erledigen die Bewohner meist in Hettstedt, vier Kilometer westlich, oder in der 13 Kilometer entfernten Stadt Freifurt. Hettstedt ist selbst vom Obstbau geprägt und für seine romanische Kirche bekannt.

Ein ungewöhnliches Schild hängt am Haus Feldrain 7: „Nico Steinmann, Sachverständiger für landwirtschaftliche Gebäude und Feuchteschäden“. Nico Steinmann prüft Scheunen, Stallungen und ältere Wohnhäuser im ganzen Kreis. Seine Werkstatt ist in einer ehemaligen Waschküche untergebracht, die mit Messgeräten, Mauerproben und sorgfältig beschrifteten Schachteln gefüllt ist. Im Dorf schätzt man besonders seine Fähigkeit, komplizierte Befunde verständlich zu erklären. Steinmann ist außerdem einer der ehrenamtlichen Hüter der Feldsteinkirche und dokumentiert jeden neuen Riss im Mauerwerk mit fast archäologischer Genauigkeit.

Für musikalische Überraschungen sorgt die Musikerin Malte Krüger, die am Rand des Dorfes in einem umgebauten Bahnwärterhaus lebt. Krüger spielt Klarinette, Bratsche und eine selbst gebaute Schilfflöte, deren weicher Klang an windbewegte Gräser erinnert. Im Sommer veranstaltet sie gemeinsam mit dem Kirchenchor die „Wiesenklänge“. Dabei sitzt das Publikum auf Decken zwischen hoch stehenden Margeriten, während Krüger eigene Stücke und alte blumenländische Tanzweisen spielt. Bei Regen zieht das Konzert in die Bahnhofsgaststätte um.

Die Bahnhofsgaststätte „Zum krummen Signal“ steht gegenüber dem kleinen Bahnsteig. Wirt Enno Martens hat den Gastraum mit alten Fahrkarten, emaillierten Stationsschildern und einer großen Wanduhr ausgestattet, die absichtlich drei Minuten vorgeht. Auf der Karte stehen Kartoffelpuffer mit Kräuterquark, Gemüseauflauf, Zwetschgenkuchen und das Landbier aus der Brauerei „Zum goldenen Nova“ in Novafurt. Die Kreisstadt liegt an der Nova und ist als Bahnknoten sowie als Verarbeitungszentrum für die Agrarerzeugnisse der Ebene eng mit dem Dorf verbunden. Zwei einfache Gästezimmer im Obergeschoss der Gaststätte bieten Übernachtungsmöglichkeiten. Besonders schön ist Zimmer 2, dessen Fenster auf die Wiesen hinter den Gleisen blickt.

Obwohl die Züge der Linie MMB6002 regelmäßig in Elsterwitz halten und das Dorf räumlich mit Novafurt, Nova, Olbernhau und Tremo verbinden, bestimmen sie das Ortsbild nicht. Man hört ein kurzes Bremsen, Türen schlagen, dann fährt der Zug weiter und überlässt den Bahnsteig wieder den Spatzen. Die Gaststätte, der Dorfladen, die Bäckerei und die Kirche liegen so nahe beieinander, dass Reisende den Ort bequem zu Fuß erkunden können.

Am besten erschließt sich Elsterwitz jedoch auf dem Wiesenweg, der hinter GreenField beginnt. Er führt zwischen Gärten und Feldern zu einer flachen Senke, in der Schwertlilien, Wiesenschaumkraut und wilde Minze wachsen. Von dort erscheinen Kirchturm, Backsteinhäuser und Bahnhof wie sorgsam in die Ebene gesetzt. Am Abend kehren die Feldarbeiter zurück, vor Schneider’s werden die letzten Brote abgeholt, und aus dem Bahnwärterhaus dringen gelegentlich die ersten Töne einer Klarinette. Es ist diese selbstverständliche Verbindung von Landwirtschaft, gemeinschaftlichem Alltag und kleinen kulturellen Eigenheiten, die Elsterwitz zu einem bemerkenswerten Halt im östlichen Landkreis Novafurt macht.


Verkehrsverbindungen:
Bahn: MMB6002 stündlich 6:33-21:33 über Novafurt nach Nova Hbf, 6:15-19:15 über Zentralbahn, Olbernhau nach Tremo Hbf, 20:15 nach Olbernhau, 21:15 nach Zentralbahn
Straße: B6 (W: Hettstedt 4km, O: Freifurt 13km); Feldweg (S: Novafurt 9km)

LandBlumenland
LandkreisNovafurt
Gemeinde: B-2180 Elsterwitz