(Pop.: 290 – 189m NN)

Wer von Tanhäuser aus dem Lauf der Insula folgt, bemerkt Untertane zunächst an seinem Duft. An warmen Tagen mischen sich feuchte Flussluft, frisch geschnittenes Gras, Backbrot und der würzige Geruch der Braukessel. Das Dorf liegt auf 189 Metern Höhe in einer geschützten Weitung des Insulatals. Die bewaldeten Hänge treten hier für einige Kilometer zurück und lassen Platz für schmale Äcker, Gärten und lang gezogene Gerstenfelder. Zwischen ihnen stehen 290 Einwohnern rund um die Kirche, die Brauerei und die Alte Klosterstraße ihre Häuser, viele davon aus hellem Bruchstein mit dunklen Holzdächern.

Der Name Untertane wird im Dorf mit einer Geschichte erklärt, die je nach Erzähler unterschiedlich endet. Einer Überlieferung zufolge bezeichneten Reisende die Siedlungen am Fluss einst als die „Tana-Orte“, benannt nach den Tannenwäldern an den Berghängen. Untertane lag talabwärts, Obertana weiter oben. Ein eifriger Schreiber soll aus „Unter Tana“ schließlich „Untertane“ gemacht haben. In der Schankstube wird dagegen behauptet, ein hochmütiger königlicher Beamter habe die Bewohner bei einer Abgabenzählung als „die Untertanen im Tal“ bezeichnet. Die Untertaner nahmen das Wort an, strichen den letzten Buchstaben und machten daraus einen Namen, der heute eher Selbstbewusstsein als Unterordnung ausdrückt.

Die I-6 bildet als Alte Klosterstraße die Hauptachse des Dorfes. Nach Nordwesten erreicht sie nach zwei Kilometern Tanhäuser, nach Südosten führt sie ebenso weit bis Obertana. Am kleinen Abzweigplatz beginnt die I-5, die durch ein engeres Seitental nach Farbo verläuft. Radfahrer stellen ihre Räder am steinernen Flussbrunnen ab, Wanderer folgen dem nördlichen Feldweg in Richtung Forsthütte, und Lieferwagen bringen Brot, Bier und Handwerkswaren in die umliegenden Dörfer. Eine schmale Holzbrücke verbindet den Ortskern mit den Gerstenfeldern am gegenüberliegenden Ufer. Unter ihr fließt die Insula zwischen flachen Steinen, an denen Kinder im Sommer kleine Wasserräder befestigen.

Über den Dächern erhebt sich die Kirche Sankt Gertrud, ein gedrungener Feldsteinbau mit hölzernem Dachreiter. Ihr ältester Teil ist der rechteckige Chor, den Wanderpredigerin Alena Voss auf das späte Mittelalter datiert. Im Inneren fällt ein bemalter Balken auf, der Gerstenähren, Tannenzapfen und einen silbernen Fluss zeigt. Die Motive wurden bei einer Renovierung wiederentdeckt und gelten inzwischen als eine Art Dorfwappen. Jeden zweiten Sonntag hält Alena Voss einen Gottesdienst; an den übrigen Wochenenden dient die Kirche für Chorproben, stille Andachten und Gesprächsabende. Organistin Miriam Petrescu leitet den zwölfköpfigen Insulatal-Chor, dessen Auftritte beim Erntefest regelmäßig Zuhörer aus Obertana und Farbo anziehen.

Neben der Kirche steht das Gemeinschaftshaus im ehemaligen Pfarrgarten. Hier tagt die Dorfversammlung, die über Wege, gemeinschaftlich genutzte Räume und die Verteilung frei werdender Gebäude entscheidet. Dieses örtliche Aushandeln entspricht der dezentralen Ordnung Landauris, in der Gemeinden viele Angelegenheiten selbst regeln und kleine Betriebe sowie Werkstätten das Wirtschaftsleben prägen. Im selben Haus befinden sich eine Bücherecke, ein Paketregal und das Büro von Gemeindekoordinatorin Fadila Mansour. Dienstags öffnet dort die Tauschstube, in der Haushaltswaren, Kinderkleidung und Werkzeuge weitergegeben werden.

Den wirtschaftlichen Mittelpunkt bildet die Brauerei „Zum Tannenzapfen“ am südlichen Flussufer. Ihre niedrigen Gebäude gruppieren sich um einen gepflasterten Hof, über dem ein kupferner Zapfen als Windzeichen hängt. Braumeisterin Ronja Eberle verarbeitet überwiegend Gerste aus dem Tal. Das bekannteste Erzeugnis ist das „Untertaner Dunkel“, ein malziges, kräftiges Bier mit einer leicht gerösteten Note. Es wird in den Wirtshäusern des Landkreises vom Fass ausgeschenkt und in bauchigen Mehrwegflaschen abgefüllt. Besucher können freitags an einer Führung durch Sudhaus, Gärkeller und Mälzboden teilnehmen. Anschließend schenkt Ronja Eberle im Braustübchen kleine Probiergläser aus und erklärt, weshalb das weiche Wasser der Insula dem Bier seinen runden Geschmack gibt.

Gegenüber arbeitet der Betrieb „Meisterhaftes Mauerwerk Maurer“. Der auffällige Name geht auf Gründer Gideon Maurer zurück, der darauf bestand, Beruf und Familiennamen gemeinsam auf das Werkstattschild zu setzen. Heute führt Bauhandwerkerin Nela Maurer den Betrieb mit vier Beschäftigten. Sie reparieren Bruchsteinmauern, setzen Gewölbe instand und verwenden einen Kalkmörtel, dessen Mischung an die historischen Häuser des Tals angepasst ist. Vor der Werkhalle stehen Musterflächen aus Feldstein, Ziegel und Keramikbruch. Besonders gefragt sind die niedrigen Trockenmauern, die Gerstenfelder und Gärten gegen das Abrutschen am Hang sichern.

Einige Schritte weiter liegt die Bäckerei „Flusskruste“ der Familie Sadik. Derya Sadik beginnt vor Sonnenaufgang mit der Arbeit, während ihr Bruder Cem Sadik die Backwaren nach Farbo, Tanhäuser und Obertana bringt. Das dunkle Gerstenbrot wird mit einem kleinen Anteil Braumalz gebacken und besitzt eine kräftige Kruste. Daneben gibt es Apfelschnecken mit Obst aus Farbo und salzige Tannenzapfenbrötchen, deren eingeschnittene Oberfläche an Zapfenschuppen erinnert. Zwei Tische vor dem Laden machen die Bäckerei am Vormittag zum Treffpunkt. Dort werden Wetter, Ernte und der Zustand der Klosterstraße oft gründlicher besprochen als in jeder offiziellen Sitzung.

Für Wasserleitungen, Heizungen und Regenzisternen ist Jannis Hoch zuständig. Seine Werkstatt „Hoch Wasser & Wärme“ befindet sich in einem schmalen Haus an der Brückengasse. Am Eingang hängt ein Glockenzug aus alten Kupferrohren. Jannis Hoch kennt die Leitungsverläufe nahezu jedes Gebäudes und hat mehrere Höfe mit Anlagen ausgestattet, die Regenwasser für Gärten und Stallreinigung sammeln. Gemeinsam mit Nela Maurer betreut er außerdem die historischen Brunnenrinnen entlang der Dorfstraße. Seine Auszubildende Linh Bauer fertigt aus Rohrresten kleine Garderobenhaken und Kerzenständer, die in der Bäckerei verkauft werden.

Das öffentliche Leben konzentriert sich am Abend im Braustübchen und im Feuerwehrraum hinter dem Gemeinschaftshaus. Die freiwillige Löschgruppe übt besonders den Einsatz an den bewaldeten Hängen und übernimmt beim Gerstenfest den Aufbau der langen Tafeln. Dieses Fest findet nach Abschluss der Ernte auf dem Brauereihof statt. Miriam Petrescu spielt mit dem Insulatal-Chor, die Bäckerei reicht Malzbrot, und auf einer kleinen Bühne erzählen Bewohner Dorfgeschichten. Der beliebteste Wettstreit besteht darin, aus Gerstenstroh einen möglichst standfesten Tannenzapfen zu flechten.

Übernachten können Gäste in drei schlicht eingerichteten Zimmern im Obergeschoss der Brauerei. Ruhiger liegt das Gästehaus „An der Flussweide“, das Sora Lindholm in einem ehemaligen Kleinbauernhof an der I-5 betreibt. Von dort führt ein morgendlicher Spaziergang durch die Felder zur Holzbrücke. Besonders im frühen Herbst zeigt Untertane seinen unverwechselbaren Charakter: Nebel liegt über der Insula, auf den Äckern glänzen Tautropfen, aus der Backstube zieht warmer Brotgeruch, und wenig später beginnt in der Brauerei das rhythmische Klappern der Flaschenanlage. So entsteht in dem kleinen Dorf ein enges Geflecht aus Landwirtschaft, Handwerk, Gastlichkeit und gemeinschaftlichem Alltag, das weit über seine 290 Einwohner hinaus ins Insulatal wirkt.


Verkehrsverbindungen:
Straße: I-5 (S: Farbo 3km); I-6 (NW: Tanhäuser 2km, SO: Obertana 2km)

Land: Insula
Landkreis: Wum
Gemeinde: I-5160 Untertane