
(Pop.: 45 – 125m NN)
Das leise Schlagen des Mühlrads begleitet den Insulafluss, während sich die Alte Klosterstraße zwischen bewaldeten Hängen und feuchten Uferwiesen hindurchwindet. An einer überdachten Holzbrücke rücken einige Häuser dicht an den Fluss heran: Tanhäuser, ein Weiler mit 45 Einwohnern auf 125 Metern Höhe. Die kleine Siedlung gehört zur Gemeinde Nachfeld und bildet, von der Hauptstadt Insula kommend, den ersten Ort im Insulatal. Wanderer und Radfahrer legen hier gern eine Pause ein, bevor sie flussaufwärts nach Untertane und weiter in die Bergwelt des Landkreises Wum ziehen.
Tanhäuser besteht aus zwei kurzen Häuserzeilen, die von den Bewohnern schlicht Brückenseite und Mühlseite genannt werden. Dazwischen zweigt der schmale Einsiedlerstieg von der historischen I-6 ab und führt hinunter zum Fluss. Die meisten Gebäude sind langgestreckte Bruchsteinhäuser mit hölzernen Obergeschossen und tief heruntergezogenen Dächern. An mehreren Fassaden stehen schmale Bänke, auf denen Wandernde ihre Rucksäcke abstellen können. Im Ortskern bilden eine Schutzhütte, ein steinerner Trinkbrunnen und eine große, von Wind und Wetter gezeichnete Eiche den kleinen Tanhäuser Rastplatz. Eine geschnitzte Tafel zeigt die Entfernungen nach Nachfeld, Untertane und zum Kloster Sancta Catherina.

Die namensgebende Gestalt ist Bruder Tanhäus, ein Mönch, der der Überlieferung zufolge im 10. Jahrhundert am späteren Einsiedlerstieg lebte. Er soll aus der Gemeinschaft von Sancta Catherina gekommen sein, jenem um 890 gegründeten Kloster, das während der unruhigen Besiedlungszeit Insulas wertvolle Handschriften bewahrte. Die Geschichte Tanhäusers fügt sich damit in die klösterliche Prägung der Insel ein, deren Besiedlung nach 850 durch Flüchtlinge und geistliche Gemeinschaften vorangetrieben wurde. Die örtliche Erzählung beschreibt Tanhäus als wortkargen Kräuterkundigen, der in einer kleinen Hütte lebte und Reisenden den Weg durch das damals schwer zugängliche Tal zeigte. An Winterabenden habe er eine Laterne ans Ufer gestellt, damit Menschen den Übergang durch den Fluss fanden. Aus der Bezeichnung „bei Tanhäus’ Häusern“ soll später der Ortsname entstanden sein. Archäologische Belege für die Einsiedelei blieben bislang spärlich. Oberhalb des Weges sind jedoch die Grundmauern eines kleinen rechteckigen Gebäudes zu erkennen. In einer Mauernische liegt häufig eine frische Haselnuss, denn nach einem alten Tanhäuser Brauch bittet man den Mönch auf diese Weise um eine sichere Reise.
Das auffälligste Bauwerk ist die überdachte Tanhäuser Brücke. Ihr heutiger Holzaufbau wurde 1923 auf älteren Steinpfeilern errichtet. Dunkle Schindeln schützen das leicht gewölbte Dach, während seitliche Öffnungen den Blick auf den rasch strömenden Insulafluss freigeben. Im Inneren sind Namen, Jahreszahlen und kleine Wandersymbole in die Balken geritzt. Ein schmaler Erker in der Brückenmitte enthält eine Sitzbank. Von dort lassen sich Wasseramseln beobachten, die zwischen den flachen Steinen nach Nahrung suchen. Bei starkem Regen steigt das Wasser bis dicht unter die unteren Querbalken, weshalb die Bewohner den Pegel an einer bemalten Messlatte verfolgen.

Wenige Schritte flussabwärts arbeitet die Tannradmühle. Das zweigeschossige Gebäude aus hellem Feldstein stammt in seiner heutigen Form aus dem Jahr 1784. Ein Seitenarm des Flusses treibt das breite, unterschlächtige Wasserrad an. Müller Rafael Mendonça mahlt dort Roggen, Dinkel und Buchweizen aus den Höfen rund um Nachfeld und Untertane. Ein Teil der Wasserkraft dient zugleich dem Betrieb einer kleinen Turbine, deren Strom die Mühle, die Schutzhütte und mehrere Wohnhäuser versorgt. Im Mühlenladen werden Mehl, Grütze, Leinöl und die kräftigen Tanhäuser Flussfladen angeboten. Das runde Brot wird mit gerösteten Haselnüssen gebacken und trägt auf seiner Oberseite den Abdruck eines stilisierten Mühlrads.
Freitagnachmittags verwandelt sich die Mühlenstube in einen dörflichen Treffpunkt. Rafael Mendonça schenkt heißen Kräuteraufguss aus, während Bewohner Neuigkeiten austauschen oder anstehende Arbeiten verteilen. Die kleine Gemeinschaft folgt damit dem in Landauri verbreiteten Prinzip lokaler Verantwortung: Gemeinden entscheiden viele Angelegenheiten selbst, Betriebe und Werkstätten dienen dem Gemeinwohl, und genutzte Gebäude werden als gemeinschaftlich verantwortete Lebens- und Arbeitsorte verstanden. In Tanhäuser betrifft das vor allem die Pflege der Brücke, die Reinigung des Mühlgrabens und die Versorgung der Raststelle. Die Aufgaben wechseln nach Jahreszeit und verfügbarer Zeit.

Gegenüber der Mühle liegt die Werkstatt Flussfuge von Tischlerin Carmen Ruiz. Das niedrige Holzhaus erkennt man an den breiten Fenstern und den langen Brettern, die unter dem Vordach lagern. Carmen Ruiz verarbeitet überwiegend Erle, Esche und Fichte aus dem Insulatal. Sie fertigt Brückengeländer, Fensterrahmen, kleine Tische und robuste Hocker für Schutzhütten. Bekannt sind ihre sogenannten Wegkästen, schmale Wandschränke mit Fächern für Wanderkarten, Reparaturwerkzeug und Verbandsmaterial. Jeder Kasten besitzt eine anders gestaltete Tür, häufig mit eingeschnitzten Flusswellen, Farnblättern oder Mühlrädern.
Einmal im Monat lädt Carmen Ruiz zu einem offenen Werkstatttag ein. Dann kommen Jugendliche aus Nachfeld mit dem Rad ins Tal, bauen Nistkästen oder reparieren Wanderstöcke. Auch die hölzernen Ortsschilder stammen aus ihrer Werkstatt. Auf dem Schild an der Brücke hat sie Bruder Tanhäus mit Laterne und Wanderstab dargestellt. Ihre Arbeit verbindet traditionelles Handwerk mit praktischen Bedürfnissen des Wanderverkehrs, der für den Weiler eine wichtige Rolle spielt. Nachfeld selbst ist als handwerklich geprägter Ort mit Töpferei, Holzverarbeitung und einem kleinen Museum zur Vennabahn bekannt.
Gäste finden in Tanhäuser einfache Verpflegung an der Mühle. Im Sommer öffnet neben der Schutzhütte der Rastschrank am Fluss. Bewohner stellen dort Brot, Käse, Obst, Getränke und Flickzeug für Fahrräder bereit. Bezahlt wird in eine gemeinsame Kasse, aus der die Pflege des Rastplatzes finanziert wird. Zwei Schlafplätze bietet das kleine Gästezimmer Brückenblick im Haus von Marija Kovač am Einsiedlerstieg 3. Morgens serviert sie Mühlenbrot, Apfelmus und Kräuterhonig. Für größere Einkäufe, öffentliche Einrichtungen und weitere Unterkünfte führt der Weg nach Nachfeld, das über die I-5 rund zwei Kilometer entfernt liegt.
Am schönsten zeigt sich Tanhäuser am frühen Abend. Dann fällt das Licht durch die Öffnungen der Brücke auf das Wasser, aus der Tannradmühle dringt der gleichmäßige Rhythmus der hölzernen Zahnräder, und vor der Werkstatt von Carmen Ruiz liegt der Duft frisch gesägter Esche in der Luft. Radfahrer füllen ihre Flaschen am Brunnen, Wanderer prüfen an der Tafel den weiteren Weg nach Untertane, und über dem Fluss beginnt die Laterne im Brückenerker zu leuchten. Sie erinnert an Bruder Tanhäus und an die alte Aufgabe des Ortes: Menschen auf ihrem Weg durch das Insulatal einen sicheren Übergang, eine kurze Rast und ein Stück Orientierung zu geben.
Verkehrsverbindungen:
Straße: I-5 (N: Nachfeld 2km); I-6 (NW: Insula Ost 4km, SO: Untertane 2km)
Land: Insula
Landkreis: Wum
Gemeinde: I-5130 Nachfeld
Ort: I-5131 Tanhäuser

