(Pop.: 36 – 836m NN)

Wer am frühen Morgen vor der Pforte von Sancta Catherina steht, hört den Ort, bevor er ihn ganz erfasst: Wasser plätschert in den steinernen Trog der Eseltränke, aus der Kirche zieht gedämpfter Chorgesang über den Hof, und irgendwo hinter der Wehrmauer schlägt Lucienne Mercier mit einem Holzhammer einen lockeren Fensterladen fest. Auf 836 Metern Höhe thront das Kloster über den Wäldern an der Westseite des Insulaberges. Die Mauern schmiegen sich so eng an den bewaldeten Bergrücken, dass die roten Dächer erst auf den letzten Metern des Aufstiegs zwischen Buchen, Tannen und moosigen Felsen sichtbar werden. Der Ort zählt 36 Einwohner und gehört als Ortsteil I-5143 zur Gemeinde Obertana im Landkreis Wum.

Die Anreise ist Teil des Erlebnisses. Von der Hauptstadt Insula zieht die Alte Klosterstraße durch das Tal des Insulaflusses, berührt Untertane und Obertana und gewinnt anschließend in langen Kehren an Höhe. Bei Rüdeckers Waldhaus, sechs Kilometer vor dem Kloster, endet die motorisierte Fahrt. Wanderer folgen von dort der alten Pflasterung, die stellenweise unter Wurzeln und Farn verschwindet. Schweres Gepäck übernimmt auf Wunsch ein Esel der dortigen Ausleihstation. Die Tiere tragen Namen aus der Klostergeschichte, darunter Ambrosius, Lucidian, Catherina und der eigensinnige Corvin, der bei der dritten Wegbiegung regelmäßig eine Pause an derselben Buche verlangt. Der offizielle Reiseführer des Landkreises beschreibt die hoch gelegenen Waldhäuser als Wanderstützpunkte und Ausgangspunkte für anspruchsvolle Touren durch das Insulagebirge.

Eine zweite, technisch höchst ungewöhnliche Lebensader beginnt am Forsthaus im Insulatal. Dort setzt das Wasser eines gefassten Seitenbachs die Antriebsanlage einer vier Kilometer langen Güter-Standseilbahn in Bewegung. Ein niedriger Transportwagen bringt Mehlsäcke, Werkholz, Post, Gasflaschen und Ersatzteile bergauf und nimmt Leergut, Kräuterkisten sowie Erzeugnisse der Klosterwerkstatt mit hinab. Der Wagen ist ausschließlich für Fracht eingerichtet. Ankunft und Abfahrt werden telefonisch abgestimmt; oben bedient Lucienne Mercier die Winde und führt in einem karierten Heft Buch über jede Lieferung. Bei niedrigem Wasserstand werden kleinere Mengen auf mehrere Fahrten verteilt.

Die Gründung des Klosters fällt in die unruhige Zeit nach 850, als Wikingerüberfälle, Hunger und Pest Wanderungsbewegungen in der Inselwelt auslösten. Um 890 erreichte eine Gruppe von Mönchen aus dem ehemaligen Dekanat Zentravia die damals dünn besiedelte Insel und brachte Handschriften aus zerstörten Bibliotheken mit. Die verborgene Lage am Insulaberg bewahrte die Gemeinschaft und ihre Bücher vor Plünderungen. Später wirkte hier Ambrosius von Insula, dessen Chroniken über die Wikingerkriege und die Flüchtlingsbewegungen zu den wichtigen Quellen jener Epoche zählen. Die heutige Klosteranlage stammt überwiegend aus dem 15. und 16. Jahrhundert. Seit der Unabhängigkeit Insulas im Jahr 1927 wird Sancta Catherina als nationales Kulturerbe geführt.

Das architektonische Herz bildet die dreischiffige gotische Klosterkirche. Schlanke Pfeiler tragen ein steiles Gewölbe, dessen Rippen aus dunkelgrauem Bergstein gearbeitet sind. Am eindrucksvollsten wirken die Glasmalereien im östlichen Chor: tiefes Blau, bernsteinfarbenes Gelb und dunkles Rot zeichnen Szenen aus dem Leben Catherinas, die Gründung des Klosters und die Ankunft der ersten Bücher nach. Das sogenannte Waldkirchenfenster zeigt den Bergrücken als schützenden Mantel. Am Nachmittag wandert sein grünes Licht über das Chorgestühl. Teile der Wehrmauern, zwei Rundtürme und ein schmales Tor mit Fallgatterführung erinnern an die Jahrhunderte, in denen religiöse Abgeschiedenheit und baulicher Schutz eng zusammengehörten. Die überlieferten Bauten und Glasmalereien gelten als zentrale Sehenswürdigkeiten des Klosters.

In der Klausur lebt heute eine Gemeinschaft aus sechs Brüdern und sechs Schwestern. Der Prior Can Koç regelt die weltlichen Belange, führt Gespräche mit der Gemeinde Obertana, koordiniert Restaurierungen und verhandelt über den Unterhalt der Standseilbahn. Bruder Matthias Eder betreut die Bibliothek, Bruder Joris van Aken braut das dunkle Klosterbier, Bruder Paolo Ventresca bäckt Brot im Holzofen, Bruder Levin Okafor pflegt Obstgarten und Kräuterterrassen, Bruder Nils Hammar arbeitet als Buchbinder. Schwester Mireille Dubois leitet das Skriptorium, Schwester Yuna Park mischt Farben aus Mineralien und Pflanzen, Schwester Teresa Almeida kümmert sich um Küche und Vorräte, Schwester Ruth Ben-Ami begleitet Gäste bei stillen Einkehrtagen, Schwester Elin Sørensen vertritt die klösterliche Gemeinschaft im Kulturerberat, und Schwester Klara Nowak betreut Garten, Bienen und Heilkräuter.

Der Tagesablauf folgt dem Stundengebet. Schon vor Sonnenaufgang versammeln sich die zwölf Ordensleute zur Vigil im schwach beleuchteten Chor. Es folgen Laudes am Morgen, ein kurzes Mittagsgebet, die Vesper in der Abenddämmerung und die Komplet unter dem blauen Catherinenfenster. Gäste dürfen auf den hinteren Bänken teilnehmen. Besonders eindringlich klingt der einstimmige Gesang während der Vesper, wenn die Gewölbe jedes Wort lange nachtragen. An Sonn- und Feiertagen öffnet sich das Chorgestühl außerdem für Besucher aus Obertana, Rüdeckers Waldhaus und den verstreuten Forsthäusern. Einmal im Monat ergänzt Mara Vuković, Organistin aus Wum, das Gebet mit der kleinen, 1728 erbauten Bergorgel.

Hinter dem Kreuzgang liegt die Klosterbibliothek. Rund um den Lesesaal ziehen sich zwei hölzerne Galerien, erreichbar über eine schmale Wendeltreppe. Zu den kostbarsten Beständen gehört das „Insulanische Evangeliar“, dessen Initialen mit Blattgold, Lapislazuli und rotem Ocker ausgeführt sind. Die „Chronica Ambrosiana“ enthält eine frühe Abschrift der Aufzeichnungen des Ambrosius. Das „Herbarium vom Westhang“ versammelt Zeichnungen und Beschreibungen von 184 Heilpflanzen des Insulaberges. Eine Seekarte aus dem 11. Jahrhundert zeigt Insula noch als grüne Bergsilhouette ohne eingezeichnete Küstenorte. Besonders reizvoll ist das kleine „Eselbuch“, in dem Generationen von Pförtnern seit 1564 Namen, Eigenheiten und bevorzugte Wegabschnitte der Klostertiere festhielten. Die Originale werden in einem klimatisierten Gewölbe verwahrt; im Lesesaal liegen sorgfältig angefertigte Faksimiles bereit.

Im benachbarten Skriptorium wird die alte Arbeit fortgeführt. Unter hohen Fenstern sitzen Ordensleute und ausgebildete Gäste an schrägen Pulten, ziehen Linien auf Pergament, schneiden Federkiele und tragen leuchtende Initialen auf. Besucher können den Raum zu festgelegten Zeiten besichtigen und kurze Kalligrafiekurse buchen. Schwester Mireille Dubois verlangt dabei Geduld: Jeder Kurs beginnt mit einer einzigen geraden Linie. Erst wenn zehn Linien gleichmäßig gelungen sind, folgt der erste Buchstabe. Im Laden an der Pforte werden Lesezeichen, handgebundene Hefte, Tinten, Faksimiles und kleine Kalender aus der Schreibstube angeboten.

Für die praktische Seite des Klosterlebens sorgt die Werkstatt im ehemaligen Kornspeicher. Dort werden Möbel repariert, Fensterrahmen gefertigt, Buchpressen gewartet und hölzerne Kisten für den Güterwagen gebaut. Lucienne Mercier, Hausmeisterin, Schlosserin und inoffizielle Herrin über sämtliche Schlüssel, koordiniert die Arbeiten. Ein alter Handkarren mit der Aufschrift „Eilt seit 1891“ dient ihr als Werkzeugwagen. Wer Lucienne nach einem technischen Problem fragt, erhält meist zuerst einen Schraubenschlüssel und danach eine Erklärung.

Eine Besonderheit verbirgt sich im Untergeschoss des Badehauses: die Klostersauna. Ihr holzgetäfelter Raum wird durch einen wasserführenden Steinofen erwärmt. Dem Aufguss fügt Schwester Klara je nach Jahreszeit Fichtenspitzen, Bergminze oder getrocknete Wacholderbeeren bei. Ein in den Fels gehauenes Kaltwasserbecken wird von einer gefassten Quelle gespeist. An zwei Abenden pro Woche steht die Sauna Wanderern offen; Leinentücher können an der Pforte ausgeliehen werden. Durch ein schmales Fenster sieht man über die Baumkronen bis zu den westlichen Höhenzügen.

Kulinarischer Mittelpunkt ist die kleine Klostergaststätte im äußeren Hof. Bruder Paolo serviert kräftiges Sauerteigbrot, Kräuterkäse, Gerstensuppe und einen warmen Apfelkuchen mit Waldhonig. Dazu gibt es das von Bruder Joris gebraute Catherinenbier sowie die Kräuterliköre „Grüne Vigil“ und „Westhang“. Brot, Bier und Liköre entstehen aus klostereigenem Anbau und eigener Herstellung. Über dem Eingang hängt ein schlichtes Schild mit einem goldenen Brotlaib und einem Tintenfass, eine passende Verbindung von leiblicher und geistiger Nahrung.

Direkt vor der Pforte liegt die Eseltränke, ein langes Becken aus hellem Granit. Daneben betreibt Samira Bellini den Imbiss „Zur Eseltränke“. Aus einem hölzernen Fenster verkauft sie belegte Klosterbrote, Käserollen, Apfelsaft und heißen Kräutertee. Auf den Bänken treffen sich an klaren Tagen Pilger, Gipfelwanderer, Lieferleute und Mitarbeitende des Kulturerbes. Häufig stehen daneben mehrere Esel und warten geduldig auf den Abstieg. Samira führt für jedes Tier eine Dose mit getrockneten Apfelstücken, wobei Corvin seine Portion traditionsgemäß schon vor dem Ablegen des Gepäcks einfordert.

Vom Kloster ziehen mehrere Pfade weiter zum 1.101 Meter hohen Insulaberg. Der östliche Gipfelweg benötigt für sieben Kilometer deutlich mehr Zeit, als die Entfernung vermuten lässt, denn Steinstufen, Wurzeln und steile Waldpassagen verlangen Aufmerksamkeit. Nach Süden führt ein zehn Kilometer langer Weg zur Waldklause. Wer die Höhenwege begeht, erlebt die landschaftliche Vielfalt des Landkreises Wum, der vom Insulagebirge bis zur Monstir-See reicht. Viele Gäste kehren nach der Gipfeltour noch einmal zur Eseltränke zurück. Wenn am Abend das letzte Sonnenlicht die Glasfenster der Klosterkirche entzündet und das Läuten zur Vesper durch den Wald zieht, wirkt Sancta Catherina zugleich wie ein bewahrtes Stück Mittelalter und wie eine kleine, sorgfältig organisierte Gemeinschaft der Gegenwart.


Verkehrsverbindungen:
Straße: Alte Klosterstraße (N: Rüdeckers Waldhaus 6km – nicht befahrbar); Wanderwege (S: Waldklause 10km, O: Insulaberg (1.101m NN) 7km)

Land: Insula
Landkreis: Wum
Gemeinde: I-5140 Obertana
Orte: I-5143 Kloster Sancta Catherina