
(Pop.: 11 – 501m NN)
Nach den letzten Häusern von Obertana wird das Insulatal merklich enger. Die Alte Klosterstraße folgt noch eine Weile dem Fluss, steigt dann in weiten Kehren durch Buchen, Tannen und Bergahorn an und erreicht sechs Kilometer oberhalb des Dorfes einen kleinen Absatz am Hang. Hier liegt auf 501 Metern Höhe Rüdeckers Waldhaus, ein Waldflecken mit elf Einwohnern und einer überraschend langen Geschichte als Rastplatz auf dem Weg zum Kloster Sancta Catherina. Der Landkreis Wum umfasst den gebirgigen Osten Insulas, dessen Landschaft vom 1.101 Meter hohen Insulaberg, tiefen Tälern und ausgedehnten Wäldern geprägt wird.
Den Namen trägt der Ort nach Severin Rüdecker, einem Fuhrmann aus Obertana, der hier im Jahr 1769 ein Schutzhaus mit Stall errichten ließ. Die damals ausgebaute Klosterstraße verband das Tal mit Sancta Catherina, dessen Ursprünge bis in die Zeit um 890 zurückreichen. Das Kloster entwickelte sich durch die von Mönchen aus Zentravia mitgebrachten Handschriften zu einem bedeutenden Ort der Bildung und Überlieferung. Rüdecker versorgte Reisende mit Haferbrei, Käse und einem Platz am Herd. Sein Stall markierte zugleich das Ende der Fahrt: Kutschen blieben am Waldhaus zurück, Pferde wurden versorgt, und der weitere Weg führte mit Eseln über die steile Klosterstraße.

Aus dem Schutzhaus entstand das heutige Rasthaus und Bergrestaurant „Rüdeckers Einkehr“. Das lang gestreckte Gebäude steht mit seiner Bruchsteinseite zum Hang, während die holzverkleidete Gaststube auf das Insulatal blickt. Wirtin Maren Rüdecker bewahrt im Schankraum ein eisernes Kutschenschild ihres Vorfahren und ein Gästebuch, dessen älteste lesbare Einträge von Pilgern, Händlern und klösterlichen Boten stammen. Auf der Speisekarte stehen Gerstenknödel mit Waldpilzen, geschmorte Bergzwiebeln und „Rüdeckers Wegzehrung“, ein kräftiges Brot mit Ziegenkäse, Apfelringen und Kräutersalz. Dazu gibt es Untertaner Dunkel aus der talwärts gelegenen Brauerei „Zum Tannenzapfen“. Die Gerste für dieses Bier wächst im geschützten Insulatal rund um Untertane.
Vier schlichte Gästezimmer liegen im Obergeschoss des Rasthauses. Sie tragen die Namen alter Wegabschnitte: Kutschenkehr, Mönchsstieg, Buchenbogen und Catherinenhöhe. Früh am Morgen hören Übernachtungsgäste den Insulafluss aus der Tiefe des Tales, das Klopfen eines Spechts und gelegentlich das Rufen der Esel aus dem benachbarten Stall. Hinter dem Haus befindet sich eine kleine Aussichtsterrasse, auf der Maren Rüdecker an klaren Abenden Laternen entzündet. Von dort reicht der Blick entlang der bewaldeten Talflanken bis zu den Dächern Obertanas.

Unmittelbar gegenüber macht die Esel-Ausleihstation „Rent an Ass“ eine alte Reiseform wieder erlebbar. Betreiber Dario Bellini hält sechs trittsichere Insula-Esel, darunter die geduldige Augusta, den neugierigen Fermo und den gern vorauslaufenden Baldrian. Die Tiere tragen Gepäck in eigens angefertigten Packsätteln; Wanderer gehen neben ihnen und wechseln sich bei der Führung ab. Vor dem Aufbruch erklärt Dario Bellini den Umgang mit Leitseil, Bürste und Packtaschen. Besonders Familien wählen gern die kurze Waldrunde zum Catherinenblick, während geübte Wanderer dem historischen Weg bis zum sechs Kilometer entfernten Kloster folgen.
Die Alte Klosterstraße beginnt hinter dem Eselstall mit zwei gepflasterten Kehren. Bald wird sie zu einem schmalen Bergweg, auf dem stellenweise noch bearbeitete Randsteine und eingelassene Abflussrinnen zu erkennen sind. An einer Felswand befindet sich das sogenannte Kutscherzeichen, eine eingeritzte Hand mit erhobenem Zeigefinger. Einer örtlichen Erzählung zufolge warnte Severin Rüdecker damit Reisende, ihre Wagen zurückzulassen. Dario Bellini deutet das Zeichen hingegen als Hinweis auf eine frühere Quelle. An warmen Tagen wird über beide Erklärungen ausgiebig diskutiert.

Das dritte Haus des Waldfleckens gehört der Töpferin Luca Romano. Ihre Werkstatt „Ton am Berg“ nutzt den hellen, quarzhaltigen Ton des Wumer Berglandes, der auch die Keramiktradition des Landkreises geprägt hat. Luca Romano formt daraus robuste Trinkbecher, flache Wanderschalen und kleine Keramiktafeln mit den Umrissen der Klosterstraße. Typisch sind dunkelgrüne Glasuren, in die sie mit einem Holzstift Linien wie Baumrinde einritzt. Einige Arbeiten brennt sie mit Asche aus dem Kamin des Rasthauses, wodurch jede Oberfläche anders ausfällt.
Besucher können Luca Romano an zwei Nachmittagen pro Woche bei der Arbeit zusehen. In kurzen Kursen entstehen „Pilgerbecher“, deren Henkel wie ein gewundener Wanderstock gestaltet wird. Auf einem Regal stehen außerdem tönerne Esel in verschiedenen Größen. Das Modell mit hartnäckig schief gelegten Ohren trägt den Namen „Severin“ und zählt zu den beliebtesten Erinnerungsstücken des Ortes. Die Werkstatt dient zugleich als kleine Verkaufsstelle für Wanderkarten, Postkarten und Keramikknöpfe aus Obertana, wo Holzverarbeitung und die Porzellanmanufaktur „Obertanaer Blüte“ das örtliche Handwerk prägen.
Rüdeckers Waldhaus bildet einen guten Ausgangspunkt für mehrere Touren. Nach Norden führt ein acht Kilometer langer Waldweg nach Antos, das an der Waldgrenze liegt und für Holzverarbeitung sowie dicht gewachsenes Fichtenholz bekannt ist. Ein östlicher Pfad erreicht die höher gelegene Forsthütte. Der anspruchsvollste Weg folgt der alten Klosterstraße nach Sancta Catherina und lässt sich mit Forsthütte und Insulaberg zu einer 24 Kilometer langen Gebirgsrunde verbinden.
Seinen besonderen Reiz entfaltet der Waldflecken am späten Nachmittag. Dann kehren Wanderer mit staubigen Stiefeln und ruhig gewordenen Eseln zurück, vor dem Rasthaus werden Packsättel abgenommen, und aus Luca Romanos Werkstatt riecht es nach warmem Ton und Holzfeuer. Rüdeckers Waldhaus wirkt in solchen Stunden wie ein kleines Tor zwischen Tal und Gebirge, zwischen dem geschäftigen Obertana und der klösterlichen Bergwelt von Sancta Catherina.
Verkehrsverbindungen:
Straße: Alte Klosterstraße im Insulatal (W: Obertana 6km, S: Kloster Sancta Catherina 6km); Insulatalstraße (O: Forsthütte); Wanderwege (N: Antos 8km, Alte Klosterstraße im Insulatal – hier nur noch zu Fuß oder mit Esel passierbar S: Kloster Sancta Catherina 6km)
Land: Insula
Landkreis: Wum
Gemeinde: I-5140 Obertana
Ort: I-5141 Rüdeckers Waldhaus

