(Pop.: 460 – 257m NN)

Schon am frühen Morgen verrät ein feiner Duft nach frischem Holz, dass Obertana mehr ist als ein stilles Gebirgsdorf. Sägemehl liegt auf den Fensterbänken der Werkhallen, im Hof der Porzellanmanufaktur werden Kisten verladen, und über den Dächern steigt der bewaldete Hang zum Insulaberg auf. Mit 460 Einwohnern bildet Obertana das wirtschaftliche Zentrum des Insulatals im Landkreis Wum. Die historische Alte Klosterstraße folgt dem Fluss und verbindet das Dorf mit Untertane, der Hauptstadt Insula und den hoch gelegenen Siedlungen am Kloster Sancta Catherina.

Der Insulafluss zieht sich in mehreren Bögen durch den Ort. An seinem westlichen Ufer stehen ältere Wohnhäuser aus dunklem Bruchstein, während sich auf der Sonnenseite Werkstätten, Gemüsegärten und hell verputzte Häuser entlang der Talstraße gruppieren. Zwei schmale Fußbrücken verbinden beide Dorfhälften. Besonders hübsch ist der Catherinensteg hinter der Kirche, dessen Geländer der Künstler Mehmet Yılmaz mit kleinen Metallblättern und glasierten Porzellanblüten versehen hat. Bei Hochwasser rauscht der Fluss dicht unter den Bohlen hindurch; an ruhigen Sommertagen sitzen Kinder auf den Steinen am Ufer und beobachten Forellen.

Einer örtlichen Erzählung zufolge hieß der Platz ursprünglich „Ob der Tanne“. Fuhrleute sollen damit die Stelle oberhalb eines mächtigen, weithin sichtbaren Nadelbaums bezeichnet haben. Später sei daraus Obertana geworden. Sprachforscher halten eine Ableitung von einer älteren Bezeichnung für das obere Insulatal für wahrscheinlicher. Im Dorf erzählt man trotzdem lieber von der Tanne, die so groß gewesen sein soll, dass die Mönche des Klosters Sancta Catherina an ihrer Spitze eine Laterne befestigten, um Reisenden den Weg zu weisen.

Die ersten festen Höfe entstanden vermutlich als Versorgungsplatz an der Klosterstraße. Das um 890 gegründete Kloster Sancta Catherina entwickelte sich zu einem bedeutenden Ort der Schriftkultur und bewahrte Handschriften aus dem ehemaligen Dekanat Zentravia. Seine abgelegene Lage im Gebirge schützte die Sammlungen während der unruhigen Zeit nach dem Zusammenbruch der alten Herrschaften. Obertana belieferte die Gemeinschaft später mit Holz, Getreide und Werkzeugen. Noch heute tragen Häuser an der Klosterstraße Namen wie Schreiberhof, Maultierhaus und Alte Kornwaage.

Den Mittelpunkt des Dorfes bildet die Kirche St. Martha am Fluss, ein kompakter Bau aus grauem Gebirgsstein mit einem verschindelten Dachreiter. Ihr ältester Teil stammt aus dem 15. Jahrhundert, der helle Gemeindesaal wurde 1988 angebaut. Hinter der Kirche liegt der ungewöhnlich große Marthagarten. Pfarrerin Johanna Varga bewirtschaftet ihn gemeinsam mit dem Gärtner Samuel Okeke und etwa dreißig Freiwilligen. Zwischen niedrigen Trockenmauern wachsen Bohnen, Mangold, Zwiebeln, Kürbisse und robuste Bergtomaten. Ein Teil der Ernte gelangt in den Dorfladen, ein weiterer wird donnerstags in der offenen Gemeindeküche verarbeitet. Beim jährlichen Marthafest schmücken Kinder den Eingang mit Gemüsekränzen, während auf dem Kirchhof Suppen, gefüllte Teigtaschen und Brot mit Kräuterbutter ausgegeben werden.

Das wirtschaftliche Rückgrat Obertanas ist das Holzformwerk Insulatal am südlichen Dorfrand. Rund sechzig Menschen aus Obertana und den Nachbarorten arbeiten dort. Der Betrieb verarbeitet langsam gewachsenes Gebirgsholz zu schmalen Leisten für die Schuhproduktion, Resonanzleisten, Wirbelkästen und vorbereiteten Bauteilen für Streich- und Zupfinstrumente. Betriebsleiterin Mirela Popescu achtet darauf, dass auch kurze Abschnitte genutzt werden. Aus Restholz entstehen Knöpfe, Werkzeuggriffe und kleine Baukästen, die im Laden an der Werkszufahrt verkauft werden. Durch die hohen Fenster der Sortierhalle fällt vormittags Licht auf sorgfältig gestapelte Ahorn-, Fichten- und Birnenholzbretter.

Wenige Schritte entfernt arbeitet die Porzellanmanufaktur „Obertanaer Blüte“. Ihr dünnwandiges Geschirr wird von Hand gedreht, gegossen und bemalt. Typisch sind kleine Blumenmotive, die den Pflanzen des Insulatals nachempfunden sind: violette Glockenblumen, Farnwedel, Waldmeister und die gelbe Insula-Nelke. Gestalterin Alina Petrescu entwickelte zudem eine Serie mit stilisierten Flusslinien, deren blaugraue Bögen auf jeder Tasse etwas anders verlaufen. Besucher können durch eine Glaswand in die Malstube sehen. Freitagnachmittags bietet Porzellanmalerin Élodie Bernard zweistündige Kurse an, bei denen Schalen oder kleine Anhänger gestaltet werden.

Oberhalb der Manufaktur steht das Institut für Nachhaltige Energie in einem umgebauten Sägewerksgebäude. Das kleine Forschungszentrum untersucht, wie abgelegene Berggemeinden Wärme und Strom gemeinsam erzeugen und verteilen können. Institutsleiter Dr. Kenji Sato arbeitet mit Ingenieurin Małgorzata Nowak und acht weiteren Beschäftigten an Kleinwasserkraft, Holzrestverwertung und Wärmespeichern aus keramischem Material. Ein Versuchskanal am Insulafluss treibt verschiedene Turbinenmodelle an. Die dabei gewonnenen Messwerte werden auch von der Hochschule in der Hauptstadt genutzt. Einmal im Monat öffnet das Institut sein Energielabor für Schulklassen und interessierte Gäste. Die Verbindung von Forschung, lokalen Betrieben und gemeinschaftlicher Verantwortung entspricht der dezentralen Gesellschaft Landauris, in der Gemeinden viele Entscheidungen selbst treffen und wirtschaftliche Tätigkeit am Gemeinwohl ausrichten.

Von diesen Entwicklungen berichtet regelmäßig die Reporterin Lucía Martínez. Sie wohnt im ehemaligen Posthaus an der Flussgasse und schreibt für die Kreiszeitung „Wumer Rundblick“. Ihre Themen reichen von den Energieversuchen des Instituts bis zu Streitfragen über Wanderwege, Holztransporte und die Nutzung leer stehender Häuser. Jeden Dienstag sitzt sie am großen Tisch des Dorfladens und sammelt Hinweise. Ihre Reportagen gelten als genau beobachtet und lebendig, weil sie Werkhallen, Küchen und Gemeinderatssitzungen gleichermaßen ernst nimmt.

Der Künstler Mehmet Yılmaz hat sein Atelier im alten Spritzenhaus gegenüber der Kirche eingerichtet. Er verbindet Holzreste, gebrochenes Porzellan und rostige Werkzeuge zu Reliefs, die er „Talgeschichten“ nennt. Sein bekanntestes Werk ist die sieben Meter lange Wandarbeit „Weg nach oben“ am Gemeindehaus. Sie zeigt den Verlauf des Insulaflusses, die Alte Klosterstraße und eine Reihe kleiner, vergoldeter Fenster, die für die bewohnten Häuser des Tals stehen. Im Herbst organisiert Yılmaz gemeinsam mit Jugendlichen eine nächtliche Kunstwanderung, bei der Installationen in Schuppen, Gärten und an den Flussbrücken beleuchtet werden.

Für den täglichen Bedarf sorgt der Dorfladen „Tante Mira“ an der Talstraße 18. Betreiberin Mira Jovanović verkauft Brot, Gemüse, Haushaltswaren, Wanderkarten und Erzeugnisse aus der Umgebung. Im selben Gebäude befinden sich der Paketdienst und eine kleine Ausgabestelle für Arzneimittel. An der Klosterstraße 7 liegt die Gemeinschaftspraxis von Dr. Amina Diallo, die an drei Tagen pro Woche geöffnet ist. Feuerwehr, Gemeindebüro und ein Mehrzweckraum teilen sich das Haus am Flussplatz. Dort finden Filmabende, Gemeindebesprechungen, Gymnastikkurse und die Proben des Insulatal-Chors statt.

Gäste übernachten im Gasthof „Zur Spindel“ an der Klosterstraße 31. Wirt Gabriel Costa serviert Pilzpfannen, Forelle mit Mangold und Kartoffelküchlein mit Untertaner Dunkel. Vier einfache Zimmer blicken zum Fluss, zwei weitere liegen im Gartenhaus. Wandernde finden außerdem in Rüdeckers Waldhaus, sechs Kilometer oberhalb des Dorfes, eine rustikale Unterkunft. Von dort führen Wege zur Forsthütte und weiter zum Kloster. Der anspruchsvolle Rundweg durch die Bergwälder berührt steile Felswände, alte Abschnitte der Klosterstraße und den Gipfelbereich des 1.101 Meter hohen Insulaberges.

Obertana lässt sich am besten zu Fuß entdecken. Ein Spaziergang vom Holzformwerk über die Porzellanmanufaktur, den Marthagarten und das Atelier von Mehmet Yılmaz zeigt auf wenigen hundert Metern, wie eng Arbeit, Forschung, Kunst und Dorfleben miteinander verbunden sind. Danach führt der Catherinensteg über den Fluss zum Uferweg. Von dort blickt man zurück auf die Werkhallen, den kleinen Kirchturm und die Häuser am Hang. Es ist ein Bild, das den Charakter des Ortes treffend zusammenfasst: Obertana lebt von seinem Tal, seinen Rohstoffen und den Menschen, die daraus gemeinsam etwas Eigenes schaffen.


Verkehrsverbindungen:
Straße: I-6 (NW: Untertane 2km), Alte Klosterstraße im Insulatal (O: Rüdeckers Waldhaus 6km); Waldrandstraßen (NO: Antos 8km, SW: Farbo 6km)

Land: Insula
Landkreis: Wum
Gemeinde: I-5140 Obertana
Orte: I-5140 Obertana, I-5141 Rüdeckers Waldhaus, I-5142 Forsthütte, I-5143 Kloster Sancta Catherina


Zur Gemeinde Obertana gehören:

Rüdeckers Waldhaus (Pop.: 11 – 501m NN)

Forsthütte (zu Obertana) (Pop.: 5 – 689m NN)

Kloster Sancta Catherina (Pop.: 36 – 836m NN)