
(Pop.: 167 – 369m NN)
Wer von Wum auf der B37 nach Süden fährt, sieht Vasus erst im letzten Augenblick. Hinter einer bewaldeten Geländekante öffnet sich das Tal des Kystå-Flusses, und zwischen dunklen Fichten, helleren Buchen und feuchten Bergwiesen erscheinen die Dächer des Dorfes. Nur drei Kilometer trennen Vasus von der Kreisstadt, dennoch wirkt der Ort deutlich abgeschiedener. Die Häuser stehen in lockeren Gruppen zu beiden Seiten des Flusses. Einige Höfe ziehen sich an den unteren Hanglagen hinauf, wo Holzstapel unter weit auskragenden Dächern trocknen und schmale Pfade zu den Arbeitsplätzen im Wald führen. Der Ort gehört zu den ursprünglichsten Dörfern des Kreises und lebt vor allem von Forstwirtschaft, Besenbinderei und Drechslerei. Am südlichen Dorfrand arbeitet zudem eine alte Wassermühle, in der weiterhin Getreide aus der Umgebung gemahlen wird.
Der Name Vasus soll nach örtlicher Überlieferung auf das alte Wort „Vasa“ für ein feuchtes, von Wasser durchzogenes Tal zurückgehen. Noch heute sprechen ältere Bewohner vom „Vas“, wenn sie die flache Uferzone unterhalb der Kirche meinen. Dort tritt die Kystå nach langen Regenfällen über die niedrigen Böschungen und hinterlässt schmale Rinnen im Gras. Die ältesten Häuser wurden deshalb auf kleinen steinernen Sockeln errichtet. Besonders gut lässt sich diese Bauweise am Kyståweg erkennen, dessen gedrungene Wohnhäuser graue Bruchsteinmauern, verschindelte Obergeschosse und mit Moos bewachsene Schuppendächer besitzen.

Mittelpunkt des Dorfes ist die evangelische Kyståkirche Sankt Ansgar, ein schlichter Feldsteinbau mit rechteckigem Langhaus und einem hölzernen Dachreiter. Ihre ältesten Mauerteile stammen vermutlich aus dem 13. Jahrhundert. Im Innenraum fallen die grob behauenen Säulen der Empore und ein Taufstein aus dunkelgrünem Gebirgsgestein auf. Das Altarbild zeigt den Fluss als Lebensader des Tales: Menschen tragen Holz, mahlen Korn und setzen junge Bäume. Geschaffen wurde es 1986 von der Malerin Elvira Sandström aus Amselstrand. Pfarrerin Marlene Okafor kommt zweimal im Monat aus Wum. Die übrigen Gottesdienste und Andachten leiten die Lektorin Maren Voss und der Drechsler Andrei Popescu gemeinsam.
Das kirchliche Leben ist eng mit dem Dorfalltag verbunden. Im ehemaligen Küsterhaus treffen sich montags die Besenbinder, im Winter probt dort der zwölfköpfige Kyståchor unter Leitung von Nadine Keller. Das wichtigste Fest findet am ersten Sonntag im September statt. Nach dem Erntedankgottesdienst werden vor der Kirche Brotlaibe, gedrechselte Schalen und frisch gebundene Birkenbesen aufgebaut. Die Einnahmen fließen in gemeinschaftliche Vorhaben, über die während der Dorfversammlung entschieden wird. Diese lokale Mitbestimmung entspricht der dezentralen Ordnung Landauris, in der Gemeinden viele Angelegenheiten selbst regeln und kleine Werkstätten sowie gemeinschaftlich geführte Betriebe das Wirtschaftsleben prägen.
Direkt neben der Kirche liegt der kleine Biergarten „Unter den drei Eschen“. Wirtin Selma Arvidsson stellt im Sommer sechs schwere Holztische auf die Wiese und spannt bei Regen helle Segeltücher zwischen die Bäume. Ausgeschenkt werden Untertaner Dunkel aus dem Insulatal, Apfelsaft aus Farbo und ein leichtes Kräuterbier, das Selma Arvidsson gemeinsam mit der Brauerei in Untertane entwickelt hat. Auf der Speisekarte stehen Roggenbrot mit geräuchertem Käse, Kartoffeln mit Waldpilzen und die „Vasuser Mühlensuppe“ aus grob geschrotetem Getreide, Wurzelgemüse und Majoran. Wanderer erhalten hier auch Trinkwasser, Wegkarten und aktuelle Hinweise zum Zustand der Bergpfade.

Das handwerkliche Herz von Vasus schlägt in der Werkstattgemeinschaft Kyståbogen am Mühlweg 4. Besenbinder Manuel Ristic verwendet Birkenreisig aus der regelmäßigen Waldpflege, Heidekraut von trockenen Hangflächen und gedrechselte Stiele aus Esche. Seine Nachbarin Liv Andersson fertigt an zwei alten Drehbänken Schalen, Knöpfe, Spindeln und Griffe. Durch ein großes Fenster können Besucher ihr bei der Arbeit zusehen. Die Werkstatt verkauft außerdem Brotstempel, kleine Holzdosen und die charakteristischen Vasuser Wanderkugeln, handtellergroße, glatt polierte Holzkugeln, die unterwegs zur Lockerung der Hände dienen.

Oberhalb der Werkstatt liegt die Bildhauerscheune von Max Müller. Der in Wum geborene Künstler zog vor zwölf Jahren nach Vasus und arbeitet vorwiegend mit Sturmholz, das im Kreisgebiet anfällt. Seine Figuren zeigen Försterinnen, Holzarbeiter, wandernde Mönche und Tiere des Kyståtals. Besonders bekannt ist die lebensgroße Skulptur „Der Träger“, die vor der Wassermühle steht. Sie erinnert an jene Männer und Frauen, die früher Kornsäcke über die steilen Wege aus den abgelegenen Höfen heranbrachten. Max Müller veranstaltet an jedem letzten Samstag im Monat einen offenen Werkstatttag. Besucher dürfen dabei kleinere Stücke Lindenholz bearbeiten und lernen, wie Maserung, Astansatz und natürliche Risse in eine Figur einbezogen werden.

Die Kyståmühle am nördlichen Ortsausgang wird von Amira und Benedikt Lorenz betrieben. Ihr unterschlächtiges Wasserrad treibt zwei Mahlgänge an. Gemahlen werden Roggen, Gerste und Buchweizen für Höfe und Dorfläden zwischen Wum und Samo. Im angebauten Mühlenladen stehen Mehl, Grütze, Brotgewürz, Honig und gedrechselte Küchenutensilien in schlichten Holzregalen. Ein langes Fenster gibt den Blick auf Zahnräder und Wellen frei. Jeden Mittwoch backt Amira Lorenz im alten Steinofen kräftiges Kyståbrot, das oft bereits am frühen Nachmittag ausverkauft ist.
Hinter der Mühle beginnt das Naturschutzgebiet Oberes Kyståtal, das die bewaldeten Hänge, mehrere Quellmulden und einen Abschnitt des unverbauten Flusses umfasst. Der 4,5 Kilometer lange Mühlenweg eignet sich für eine kurze Rundwanderung. Er folgt zunächst der Kystå, überquert sie auf zwei hölzernen Stegen und kehrt durch einen lichten Buchenwald zurück. Anspruchsvoller ist der 10 Kilometer lange Kyståsteig nach Forsthütte. Der Weg steigt zunehmend steil in das Insulagebirge an und erreicht schließlich die Bergwälder oberhalb des Tales. Forsthütte liegt auf 689 Metern am Ende der Insulatalstraße und dient als Forststützpunkt sowie als Talstation der Güter-Standseilbahn zum Kloster Sancta Catherina.
Eine leichte Wanderung führt auf dem Amselweg vier Kilometer ostwärts. Zunächst geht es durch Mischwald, dann öffnen sich die Hänge und geben den Blick auf die tiefer liegende Küste bei Amselstrand frei. Der Ort an der Mündung der Kystå ist im Landkreis für Fischfang, Räuchereien und Fischküchen bekannt. Der Weg wird im Frühjahr gern für eine Dorfwanderung genutzt, bei der Bewohner aus beiden Orten Brot, Räucherfisch und Holzarbeiten austauschen.
Für Reisende bietet der Hof „Kyståruh“ am Waldhang 7 drei Gästezimmer. Gastgeberin Rebecca Novak serviert morgens Mühlenbrot, Waldhonig und würzigen Frischkäse. Der Dorfladen „Wurzel & Rad“ am Kyståweg 12 führt Lebensmittel, Haushaltswaren, Wanderkarten und Erzeugnisse der Werkstätten. In einem Nebenraum betreibt Pavel Horák eine kleine Paketannahme und eine Reparaturstelle für Schuhe, Rucksäcke und Werkzeugstiele. Die Gemeindevermittlerin Sofia Lindberg hält dort jeden Dienstag eine Sprechstunde ab.
Vasus erschließt sich am besten zu Fuß. Zwischen Kirche, Werkstätten, Mühle und Fluss liegen nur wenige Minuten, doch an jeder Wegbiegung ändert sich das Bild. Mal dominiert das Geräusch des Wasserrades, mal riecht es nach frischen Holzspänen oder feuchtem Laub. Wer auf der B37 weiter nach Süden fährt, erreicht nach acht Kilometern Samo; zur Küste führt die I-10 über Amselstrand. Viele Besucher bleiben länger als geplant, sitzen unter den drei Eschen neben der Kirche und beobachten, wie am Abend die letzten Sonnenstreifen über die bewaldeten Hänge wandern. Vasus wirkt dabei wie ein Dorf, dessen alte Arbeitsformen lebendig geblieben sind, weil seine Bewohner sie täglich gebrauchen und gemeinsam weiterentwickeln.
Verkehrsverbindungen:
Straße: B37 (N: Wum 3km, S: Samo 8km); I-10 (O: Amselstrand 4km); Wanderweg hinauf das Kyståtal ins Insulagebirge nach Forsthütte 10km

