(Pop.: 3.257 – 321m NN)

Wer am späten Nachmittag mit der Vennabahn aus der Inselhauptstadt anreist, erlebt Wum zunächst als Folge heller Dächer, ziegelroter Werkhallen und schmaler Straßen, die sich über ein Plateau am Ostabhang des Insulagebirges ziehen. Hinter dem Bahnhof öffnet sich unvermittelt die Landschaft: Unterhalb der Stadt verläuft der Bach Jaspisitz in einem grünen, stellenweise tief eingeschnittenen Tal, während am östlichen Horizont die Monstir-See glänzt. Wum liegt 321 Meter über dem Meeresspiegel und zählt 3.257 Einwohner. Damit ist der Ort zugleich Verwaltungsmittelpunkt und größte Stadt des gleichnamigen Landkreises, der vom 1.101 Meter hohen Insulaberg bis an die Küste reicht.

Der eigenwillige Ortsname beschäftigt die Wumer seit Generationen. Im Heimatmuseum wird eine Urkunde gezeigt, in der um 1170 ein Hof namens „Wunheim“ erwähnt sein soll. Sprachforscher führen den Namen auf eine alte Bezeichnung für eine windoffene Höhe zurück. Beliebter ist die Erzählung von einem klösterlichen Landvermesser, der nach dem mühsamen Aufstieg auf das Plateau nur ein erschöpftes „Wum“ hervorgebracht habe. Museumsleiterin Clara Jessen erzählt beide Fassungen mit derselben Ernsthaftigkeit und überlässt ihren Gästen die Entscheidung.

Das historische Zentrum beginnt an der oberen Jaspisstraße. Zwei- und dreigeschossige Häuser aus Backstein und verputztem Bruchstein stehen hier dicht beieinander. In einigen Fassaden sind keramische Zierbänder eingelassen, deren Farben von dunklem Blau bis zu einem mineralischen Grün reichen. Die Straße mündet auf den dreieckigen Marktplatz, dessen ungewöhnlicher Grundriss dem Verlauf dreier alter Wege folgt. An der Südseite erhebt sich das ehemalige Amtshaus des Klosters Sancta Catherina. Das Gebäude mit seinem hohen Walmdach diente einst der Verwaltung klösterlicher Ländereien und beherbergt heute das Heimatmuseum. Das Kloster selbst wurde um 890 gegründet, bewahrte Handschriften aus dem untergegangenen Dekanat Zentravia und zählt zu den wichtigsten historischen Orten Insulas.

Im Museum verfolgt eine Ausstellung den Weg des Tons vom Bergstollen bis zur gebrannten Fliese. Zu sehen sind alte Grubenlampen, handbetriebene Pressen, Musterbücher der Keramikfabrik und ein vollständig eingerichtetes Arbeiterzimmer aus der Zeit der Industrialisierung. Besonders anschaulich ist das Werkstattmodell von Emil Borst, einem pensionierten Formenbauer, der jeden Mittwoch vorführt, wie aus Gips die Arbeitsformen für Waschbecken entstanden. Ein kleinerer Raum widmet sich dem Kloster und seinen früheren Besitzungen. Dort hängt auch eine Karte der Alten Klosterstraße, die von der Hauptstadt durch das Insulatal hinauf nach Sancta Catherina führt.

Über den Dächern des Marktes steht die St. Laurentiuskirche. Der spätgotische Backsteinbau stammt aus dem 15. Jahrhundert; sein schlanker Turm bildet den weithin sichtbaren Orientierungspunkt der Stadt. Das Langhaus wirkt durch hohe Spitzbogenfenster und weiß gekalkte Gewölbefelder überraschend hell. Im nördlichen Seitenschiff befindet sich der sogenannte Töpferaltar, dessen keramische Reliefplatten Szenen aus dem Leben des heiligen Laurentius zeigen. Die Platten wurden 1898 von Beschäftigten der damaligen Tonwarenwerkstatt gestiftet. Pfarrerin Marlene Okafor leitet die Gemeinde gemeinsam mit Kantor Elias Brenner. Neben den Gottesdiensten prägen ein offener Mittagstisch, der Laurentiuschor und die Gruppe „Kirchturmkinder“ das Gemeindeleben. Beim jährlichen Lichterfest stellen Schülerinnen und Schüler Hunderte selbst getöpferte Windlichter auf den Stufen zwischen Kirche und Markt auf.

Wums Alltag ist eng mit dem Untergrund verbunden. Die Wumer Bergwerke fördern in den Hügeln Ton und hochwertigen Quarzsand. Lastwagen bringen das Material über die Grubenstraße zur Aufbereitung am westlichen Stadtrand. Ein Teil gelangt anschließend zur Keramik AG Wum, deren langgestreckte Hallen unterhalb der Bahnstrecke liegen. Das Unternehmen stellt Fliesen und Sanitärkeramik für den gesamten Inselstaat her. Produktionsleiterin Samira Haddad steht für die jüngere Generation des Betriebs. Sie hat die Glasurabteilung auf mineralische Farbstoffe aus regionalen Rohstoffen umgestellt und lädt zweimal im Jahr zu einem Werktag ein. Besucher sehen dabei Roboterarme, die Waschbecken glasieren, neben Arbeitsplätzen, an denen Fachleute jedes Stück auf Haarrisse prüfen.

Zum Industriegebiet gehört das Institut für Medizinische Mikrobiologie und Hygiene, eine kompakte Forschungseinrichtung in einem dreigeschossigen Klinkerbau an der Quarzsandallee 8. Das Institut entstand aus einem gemeinsamen Projekt der Kreisgesundheitsstelle und der Keramik AG. Untersucht werden Oberflächen, Trinkwasserproben und Mikroorganismen, die sich in feuchten Produktionsbereichen ansiedeln können. Institutsleiter Dr. Kenji Watanabe koordiniert ein Team aus Laborfachkräften, Hygienikerinnen und Materialforschern. Die Mikrobiologin Alina Petrova entwickelt mit der Keramikfabrik leicht zu reinigende Glasuren für Waschbecken und Fliesen. Im Erdgeschoss befindet sich eine Beratungsstelle, in der Beschäftigte aus Lebensmittelbetrieben, Gaststätten und Pflegeeinrichtungen Proben abgeben und Hygienefragen besprechen können. Einmal monatlich öffnet das „Laborfenster“ für Schulklassen. Dann werden Wasserproben aus dem Jaspisitz mikroskopiert und Abklatschkulturen von Türklinken verglichen.

Zwischen Institut und Altstadt liegt das Wumer Schulzentrum mit Grundschule, Kreisoberschule, Sporthalle und Keramikwerkstatt. Die Werkstatt wird auch von Erwachsenen genutzt. Töpferin Mirela Stanescu bietet dort Abendkurse an und lässt die Teilnehmenden mit Ton aus unterschiedlichen Grubenlagen arbeiten. Wenige Schritte entfernt stehen das Kreisamt am Laurentiusplatz 2, die Gemeinschaftspraxis Jaspisblick und das Bürgerhaus, in dem die örtlichen Versammlungen stattfinden. Die dezentrale Gesellschaft Landauris überträgt den Gemeinden weitreichende Entscheidungen; Landkreise koordinieren unter anderem Wege, Wasser, Energie und Kultur. Betriebe dienen dem Gemeinwohl und werden von den Menschen getragen, die in ihnen arbeiten. In Wum wird deshalb regelmäßig über den Rohstoffabbau, die Nutzung der Plateauflächen und den Schutz des Jaspisitzes beraten.

Der Marktplatz bleibt der praktischste Ort, um den Rhythmus der Stadt kennenzulernen. Dienstags und freitags verkaufen Höfe aus Vasus, Hama und dem östlichen Hügelland Gemüse, Käse, Wolle und Waldhonig. Hama liegt nördlich von Wum und ist durch seine Schafzucht, Wollweberei und handwerkliche Verarbeitung geprägt. In der Marktbäckerei „Krumme Kruste“ backt Jana Leclerc ein kräftiges Quarzbrot mit gerösteten Sonnenblumenkernen. Daneben führt Rafael Costa den kleinen Haushaltsladen „Topf & Tuch“, dessen Regale von Wumer Schalen, Gebrauchskeramik, Bürsten aus Vasus und handgewebten Decken aus Hama gefüllt sind. Für den täglichen Bedarf gibt es den Marktgarten, eine genossenschaftlich organisierte Lebensmittelhalle, außerdem eine Apotheke, eine Bankstelle und den Paketladen im ehemaligen Feuerwehrhaus.

Gäste finden in der Marktstraße 17 das Hotel und Restaurant L’Auberge Lumière. Das Haus belegt eine frühere Villa des Fabrikarztes und besitzt zwölf Zimmer, einen Wintergarten und eine Terrasse über dem Jaspisitztal. Gastgeberin Amélie Fournier verbindet Gerichte aus der insulanischen Bergregion mit einer französisch geprägten Küche. Auf der Karte stehen gebratene Pilze auf Keramikbrot, Forelle aus dem Jaspisitz mit Kräuterbutter und ein im Tontopf gegartes Wurzelgemüse. Als Dessert wird eine Quarzsand-Tarte serviert, deren Name auf den wichtigsten Rohstoff der Stadt anspielt; tatsächlich besteht der knusprige Belag aus gemahlenen Mandeln, Karamell und einer kleinen Prise Meersalz. Küchenchef Nils Berger richtet jedes Gericht auf eigens für das Restaurant entworfener Wumer Keramik an. Am Sonntagmorgen kommen Einheimische zum langen Frühstück, bei dem das Marktgeschehen durch die Fenster des Wintergartens beobachtet werden kann.

Nach Einbruch der Dunkelheit verlagert sich das Stadtleben in die tiefer gelegene Bahnhofstraße. Im ehemaligen Warenmagazin am Gleis befindet sich der Nachtflüsterer Club. Sein Name geht auf die leisen Unterhaltungen der früheren Nachtschicht zurück, die hier vor Arbeitsbeginn Kaffee trank. Betreiberin Yara Mensah hat den Backsteinraum mit einer kleinen Bühne, einer langen Theke und schallgedämmten Musikzimmern ausgestattet. Donnerstags treten Liedermacher und Jazzgruppen auf, freitags bestimmen elektronische Musik und Projektionen den Abend, samstags wechseln Tanzveranstaltungen mit Lesungen und Improvisationstheater. Der Club arbeitet eng mit dem Schulzentrum und der Keramikwerkstatt zusammen. Viele Lampenschirme, Wandfliesen und sogar die Getränkebecher wurden von jungen Leuten aus Wum gestaltet.

Der Bahnhof liegt am nördlichen Rand des Zentrums. Die Vennabahn verbindet Wum stündlich mit der Hauptstadt Insula und mit Venna an der Monstir-See. Die Züge benötigen von Wum rund 42 Minuten bis Insula Hauptbahnhof und neun Minuten bis Venna. Das kleine Empfangsgebäude trägt ein keramisches Wandbild mit Insulaberg, Kloster und See. Vor dem Bahnhof treffen Regionalbusse aus Hama und Vasus ein, während Wandernde dem markierten Jaspisweg hinunter ins Tal folgen können. Die Straßenverbindungen führen westwärts nach Wieso, ostwärts nach Venna sowie nach Norden in Richtung Hama und nach Süden nach Vasus.

Den passenden Abschluss eines Besuchs bietet der Wum-Blick, ein Aussichtspunkt auf einem vorgelagerten Hügel östlich der Stadt. Der Weg beginnt hinter der Laurentiuskirche, führt durch die schmale Tonsteig-Gasse und anschließend zwischen Wiesen und niedrigen Wacholderbüschen empor. Auf der Kuppe stehen eine steinerne Bank und ein keramisches Relief, das die sichtbaren Berge und Küstenorte bezeichnet. Kurz vor Sonnenuntergang nimmt die Monstir-See die Farben des Himmels an. Unterhalb zeichnet der Jaspisitz eine dunkle Linie durch das Tal, in Venna leuchten die ersten Hafenlichter, und hinter den Häusern Wums ragt der Turm von St. Laurentius aus dem Plateau. Von hier erschließt sich die Stadt als Ganzes: Bergwerksort, Forschungsstandort, Kreiszentrum und eine überschaubare Gemeinschaft, deren Geschichte aus Ton, Backstein, klösterlicher Überlieferung und dem täglichen Austausch ihrer Bewohner geformt ist.


Verkehrsverbindungen:
Bahn: Vennabahn (IB120) stündlich 6:11-21:11 nach Insula Hbf, 6:57-21:57 nach Venna
Straße: B34 (W: Wieso 14km, O: Venna 5km); B37 (N: Hama 15km, S: Vasus 3km)

Land: Insula
Landkreis: Wum
Gemeinde: I-5000 Wum