(Pop.: 751 – 260m NN)

Am späten Nachmittag fällt das Licht schräg über den langen Dorfanger von Klassimo. Die dunklen Bruchsteinfassaden wirken dann fast kupferfarben, Schafe ziehen auf den Weiden oberhalb des Ortes, und vor dem Gasthof „Drei Grenzen“ werden unter alten Kastanien die ersten Tische für den Abend gedeckt. Mit 751 Einwohnern und einer Höhenlage von 260 Metern gehört Klassimo zu den größeren Dörfern auf dem Drosener Rücken, hat sich aber den geschlossenen Charakter eines alten Angerdorfes bewahrt. Es liegt am Ostabhang des Höhenzuges, unmittelbar an der Grenze zwischen Blumenland und Zentravia. Heideflächen, trockene Wiesen, kleine Äcker und verstreute Waldstücke bestimmen die Umgebung. Weiter östlich senkt sich das Land zur fruchtbaren Blumenthal-Ebene und zum Tal der Nova, während westlich die höheren Kuppen Zentravias folgen.

Das räumliche und gesellschaftliche Zentrum ist der ungewöhnlich lange, leicht ansteigende Anger. An seinem unteren Ende steht ein alter Ziehbrunnen mit einem hölzernen Schwengel, der noch immer benutzt wird, obwohl die umliegenden Häuser längst an die öffentliche Wasserversorgung angeschlossen sind. Die Einheimischen holen hier vor allem Wasser für Blumenbeete und Viehtränken. Ringsum stehen mehrere stattliche Höfe aus dunklem Bruchstein, dessen Material früher an den Hängen des Drosener Rückens gewonnen wurde. Niedrige Mauern, breite Tore und schiefergedeckte Dächer geben dem Ortskern ein geschlossenes, beinahe wehrhaftes Aussehen.

In der Mitte des Angers erhebt sich die Feldsteinkirche St. Severin. Ihr gedrungener Westturm ist älter als das Kirchenschiff und könnte einst auch als Zufluchtsort gedient haben. Im Inneren sind die Wände weiß gekalkt; ein schlichter hölzerner Altar, eine kleine Empore und eine reich verzierte Taufschale aus getriebenem Messing bestimmen den Raum. Besonders sehenswert ist ein Wandbild hinter der Kanzel, das den heiligen Severin vor einer hügeligen Weidelandschaft zeigt. Die Kirche wird von Pfarrerin Marit Engel betreut, die außerdem für Packelfeld zuständig ist. Neben den sonntäglichen Gottesdiensten gibt es einen offenen Singkreis, eine Kinderwerkstatt und im Winter die „Rückenabende“, bei denen ältere Bewohner von früheren Wintern, Grenzgängern und verschwundenen Höfen erzählen.

Westlich des Dorfes führt ein anfangs gepflasterter, später grasiger Weg hinauf zur Klassimoburg. Von der kleinen Grenzbefestigung sind nur die Grundmauern eines rechteckigen Turms, ein verfüllter Graben und Teile der äußeren Mauer erhalten. Vermutlich kontrollierte die Anlage einen Übergang über den Drosener Rücken. Eine örtliche Überlieferung erzählt von Burgwart Klas Simun, der Reisende nur gegen einen Laib Käse passieren ließ und damit dem Dorf seinen Namen gegeben haben soll. Sprachgeschichtlich ist diese Erklärung kaum haltbar, doch sie wird beim jährlichen Burgfest gern nachgespielt. Dann bezahlt jeder Besucher den symbolischen Wegezoll mit einem Stück Brot oder Käse, das später an einer langen Tafel geteilt wird.

Der ausgeschilderte Klassimoburg-Rundweg beginnt am Brunnen, steigt zur Ruine hinauf und führt anschließend über die Rückenheide zurück. Unterwegs öffnen sich weite Blicke über die Blumenthal-Ebene, nach Noramünde und zu den ersten Höhen des Zentralmassivs. An klaren Tagen sind im Westen die höher gelegenen Randgebiete Zentravias zu erkennen. Der Kreis Novatal vereint genau diese unterschiedlichen Landschaften: die fruchtbare Ebene, den Drosener Rücken und das Hochgebirge um den 1.734 Meter hohen Eisberg. Wacholder, Ginster und niedrige Kiefern säumen den Weg; im Spätsommer färbt die Heide größere Flächen violett. Mehrere hölzerne Gatter erinnern daran, dass die Landschaft nicht sich selbst überlassen bleibt.

Für ihre Offenhaltung sorgt vor allem die Kooperative Rückenweide. Sie hält robuste Rinder und zwei Schafherden, die im Wechsel auf den Heideflächen und trockenen Hangwiesen grasen. Schäferin Alina Voigt kennt jedes Tier und führt während der Lammzeit kleine Besuchergruppen über die Weiden. Die Milch wird in der Dorfkäserei am oberen Anger verarbeitet. Dort entstehen der milde „Klassimoer Angerkäse“, ein mit Wacholder eingeriebener Hartkäse und kleine Frischkäserollen mit Heidekräutern. Durch ein Fenster können Gäste vormittags bei der Verarbeitung zusehen. Verkauft werden die Produkte im angeschlossenen Kooperativladen, der außerdem Brot, Eier, Honig, Gemüse und einfache Haushaltswaren anbietet.

Obwohl die Landwirtschaft sichtbar bleibt, ist Klassimo ebenso ein Handwerkerdorf. Hufschmied Hendrik Salm arbeitet in einer rußgeschwärzten Schmiede hinter der Kirche. Neben Pferden beschlägt er Arbeitsochsen und fertigt Torbeschläge für die alten Höfe. Die Landtischlerei „Rückenholz“ von Jaro Bednar baut Schränke, Stalltüren und robuste Möbel aus regionalem Holz. Dachdeckerin Miriam Kolbe ist auf Schieferdächer spezialisiert, während in der Werkstatt „Ackergang“ Traktoren, Mähgeräte und kleinere Forstmaschinen instand gesetzt werden. In ihrer offenen Halle stehen oft Maschinen aus beiden Ländern nebeneinander, denn die Grenze zu Zentravia hat im Arbeitsalltag kaum trennende Bedeutung. Der Austausch von Vieh, Holz, Käse und Handwerkswaren gehört seit Langem zum Leben auf dem Drosener Rücken.

Neue Akzente setzt die Designerin Ekaterina Orlova. Sie hat eine ehemalige Scheune am Brunnenplatz in das Atelier „Linie am Rücken“ verwandelt. Orlova entwirft Taschen, wetterfeste Umhänge und Wohntextilien aus Wolle der Kooperative. Ihre Muster greifen Mauerfugen, Weidegatter und die Grundrisse der Klassimoburg auf, ohne wie traditionelle Trachtenstoffe zu wirken. Im vorderen Raum stehen Arbeitstische und Webstühle; dahinter befindet sich ein kleiner Ausstellungsraum. Einmal im Monat lädt Orlova zu einem offenen Entwurfsabend ein, bei dem Stoffreste, alte Arbeitskleidung und ausgediente Wolldecken zu neuen Gebrauchsgegenständen verarbeitet werden.

Nur wenige Häuser weiter betreibt die Metallbauerin Chloé Robert die Werkstatt „Eisenhain“. Robert kam ursprünglich für die Restaurierung des Ziehbrunnens nach Klassimo und blieb im Dorf. Heute fertigt sie Geländer, Ofentüren, Weidetore und leichte Konstruktionen für landwirtschaftliche Betriebe. Bekannt sind ihre schlichten Wegweiser aus dunkel patiniertem Stahl, die entlang des Burgrundweges stehen. In Zusammenarbeit mit Ekaterina Orlova entstehen außerdem Garderoben, Leuchten und Sitzbänke, bei denen Metall, Schafwolle und Rückenholz miteinander verbunden werden. Beide Frauen organisieren im alten Feuerwehrhaus die Veranstaltungsreihe „Material am Mittwoch“, bei der Handwerker ihre Techniken vorstellen.

Geselligster Ort ist der Gasthof „Drei Grenzen“ am oberen Anger. Der Name spielt weniger auf einen exakten Grenzpunkt als auf die Begegnung von Blumenland, Zentravia und der gemeinsamen Höhenlandschaft an. Wirtin Fenja Rottmann serviert Kartoffelpfannen, geschmortes Rind, Kräuterklöße und Käsebrot aus der Dorfkäserei. Im Sommer sitzt man im kastanienbeschatteten Biergarten; bei schlechtem Wetter trifft sich das Dorf im holzgetäfelten Schankraum. Freitags wird dort gespielt, diskutiert oder musiziert, und zweimal im Monat zeigt der Kulturkreis Filme auf einer ausziehbaren Leinwand.

Am nördlichen Ortsrand liegt das kleine Wanderhotel „Heidekammer“ mit zwölf schlicht eingerichteten Zimmern, Trockenraum und Schuhwerkstatt. Gastgeber Tomás Vieira organisiert Gepäcktransporte nach Brenin und Packelfeld, sodass sich mehrtägige Wanderungen ohne schweren Rucksack planen lassen. Morgens werden Käse, Haferbrei, Eier und dunkles Bauernbrot serviert; auf Wunsch gibt es ein Wanderpaket mit Apfel, Kräuterkuchen und einer Flasche Brunnenwasser. Wer einige Tage bleibt, erlebt Klassimo am besten nicht als Ansammlung einzelner Sehenswürdigkeiten, sondern im Wechsel von Anger, Werkstätten und Weideland: morgens das Schlagen des Schmiedehammers, mittags den Betrieb an der Käserei und abends das ruhiger werdende Gespräch unter den Kastanien. Gerade darin liegt der besondere Reiz dieses Grenzdorfes.


Verkehrsverbindungen:
Straße: L4 (S: Packelfeld 15km, N: Brenin 14km); L-8 (O: Noramünde 12km, W: als Z-8 Gasston 12km)

Land: Blumenland
Landkreis: Novatal
Gemeinde: B-7120 Klassimo