
(Pop.: 1.597 – 698m NN)
Wer von Paulstedt kommend die Z-7 immer weiter ins Zentralmassiv hineinfährt, dem begegnet nach dem stillen Neusomm ein anderer Ort. Die Straße, die sich bis dahin eng an den mäandernden Bunbach schmiegte, weitet sich unvermittelt zu einem kleinen Talkessel. Hier, auf 698 Metern, wo der wilde Schattenbach mit lautem Tosen in den ruhigeren Bunbach stürzt, liegt Trentschin. Mit 1.597 Einwohnern ist es das größte Dorf im oberen Bunbachtal, ein Ort, der seine Lebendigkeit nicht zuletzt diesem steten Rauschen verdankt, das wie ein Grundton über allem liegt.
Das Dorf trägt seinen Namen seit alters her, und eine lokale Anekdote, die der Wirt der Bunbachterrassen gerne zum Besten gibt, besagt, dass einst ein erschöpfter Köhler namens Trenz hier am Zusammenfluss Rast machte und, vom Anblick der sich küssenden Wasser so gerührt, beschloss zu bleiben – „Trenz‘ sinn“ wurde volksetymologisch zu Trentschin. Historisch belegter ist freilich die Rolle des Ortes als kleine Grenzstation: Der nahe Kamm des Zentralmassivs trennt Zentravia vom nördlich gelegenen Nudelland und Tremoland, und schon die Mönche des Dekanats Zentravia, die im 9. Jahrhundert vor der Pestwelle flohen, nutzten diesen Übergang in das damals noch unbesiedelte Land im Norden. Die strategisch günstige Lage an der Vereinigung zweier Bäche machte Trentschin früh zu einem Rast- und später zu einem Handwerkerdorf.

Das Herz des alten Dorfkerns bildet die gotische Kirche St. Helena, ein schlanker Bau aus heimischem Bruchstein, dessen Spitzbogenfenster das Licht in sanften Farben ins Innere lenken. Der Schatz des Gotteshauses ist ein kostbarer Flügelaltar aus der Zentroer Schule, dessen bemalte Tafeln Szenen aus dem Leben der Heiligen Helena zeigen. Pfarrer Samuel Vogt, ein hagerer Mann mit einer Vorliebe für wollene Westen und präzise formulierte Predigten, betreut die Gemeinde mit derselben ruhigen Sorgfalt, mit der er sonntags die Glocke läutet. Das Pfarrhaus liegt direkt gegenüber, und die freundliche Hanna Vogt hält für Besucher den Kirchenschlüssel bereit – nicht selten duftet es aus ihrer Küche nach den kleinen Kräuterkuchen, deren Rezept sie von Neusomm ins obere Tal mitgebracht hat.

An den Hängen oberhalb der Kirche, wo einst die Köhler ihre Meiler rauchen ließen, thront die alte Burg Trentschin. Ihre dicken Mauern aus dem 14. Jahrhundert schmiegen sich an einen Felsvorsprung, von dem aus man das gesamte Bunbachtal überblickt. Heute sind die einstigen Rittersäle und Gesindekammern zu einer Jugendherberge umgebaut, die besonders bei Schulklassen und Wanderern auf dem Zentralmassiv-Höhenweg beliebt ist. An lauen Sommerabenden sitzt man im Burghof um das alte Steinkreuz und hört nichts als das Rauschen der beiden Bäche, die sich tief unten im Tal vereinen. Ein schmaler Pfad führt von der Burg hinab zum Trentschiner Kletterwald, einem Freizeitparadies, in dem zwischen den mächtigen Kronen alter Tannen und Buchen Parcours in schwindelnder Höhe gespannt sind. Der Platzmeister Erwin Fellner, ein drahtiger Mann mit grauem Schnauzbart, weist jeden Gast persönlich ein und hat für Kinder stets einen aufmunternden Spruch parat.

Den Abstieg von der Burg ins Dorf hinunter belohnt das Restaurant „Bunbachterrassen“. Auf der großzügigen Sonnenterrasse, die auf Stelzen über dem Fluss zu schweben scheint, lässt es sich vortrefflich rasten. Die Wirtin Martha Greilich serviert eine Forelle aus dem Bunbach, die so frisch ist, dass man fast meint, den Sprung des Fisches noch zu spüren. Ihr Mann Josef, ein passionierter Sammler alter Kochbücher, hat die Speisekarte um einige wiederentdeckte zentravische Eintöpfe bereichert, die mit einer Scheibe des dunklen „Bergknappen-Brotes“ serviert werden.

Die wirtschaftliche Seele Trentschins ist die Firma „Trentschiner Holzwaren“. In einer umgebauten alten Sägemühle am östlichen Dorfrand, dort, wo der Schattenbach sein Gefälle am stärksten zeigt, stellt der gelernte Holzschnitzer Thomas „Tom“ Eberlein mit seinen zwölf Gesellen Küchenutensilien her, die weit über die Kreisgrenzen hinaus bekannt sind. Ob schlanke Nudelhölzer aus einheimischer Buche, massive Schneidebretter aus Bergahorn oder tiefe Schüsseln aus der knorrigen Maser des Zirbelholzes – jedes Stück trägt den eingebrannten Schriftzug „Trentschin“ und wird in der Werkstatt von Hand nachbearbeitet. Wer montags durch das Dorf geht, kann das rhythmische Klopfen der Schnitzmesser hören, das sich mit dem Rauschen der Bäche zu einer eigentümlichen Melodie mischt.

Für den täglichen Bedarf sorgt Helga Finkes kleiner Dorfladen in der Mühlengasse, in dem man von frischem Brot der Bäckerei Sutter aus Paulstedt über Ausgaben der „Kreis-Post“ bis zu den handgestrickten Wollsocken der Seniorin Elsbeth Maurer alles findet. Eine Postagentur ist gleich mit im Laden untergebracht, und auch die Sparkassen-Kundin wird am Schalter von Frau Finke freundlich bedient. Die Gemeindeverwaltung residiert im schmucken Rathaus an der Bunbachstraße 4, einem zweigeschossigen Bau mit einem kleinen Uhrenturm, dessen Zifferblatt die Trentschiner stolz als das schönste im Tal bezeichnen. Bürgermeister Anton Haller, ein gemütlicher, aber durchsetzungsfähiger Mann, hält dort jeden Dienstag von neun bis zwölf Uhr Bürgersprechstunde, zu der die Einwohner auch dann kommen, wenn sie eigentlich nur einen Schwatz halten wollen. Die medizinische Versorgung sichert die Gemeinschaftspraxis von Dr. med. Veronika Asper und ihrem Mann Dr. med. Karl Asper im Ärztehaus an der Bachgasse. Sie ist eine resolute, aber warmherzige Internistin, er ein eher stiller Allgemeinmediziner, der in seiner Freizeit mit dem Bleistift Karikaturen seiner Patienten zeichnet – natürlich nur mit deren ausdrücklicher Erlaubnis. Zusammen teilen sie sich die Bereitschaftsdienste und sind rund um die Uhr für die Menschen der Umgebung da.

Trentschin ist mit der Außenwelt gleich auf zwei Wegen verbunden. Die Linie 112 der BZF (Bierona-Zentravia-Ferrovia) hält am kleinen, aber gepflegten Bahnhof im Dorfzentrum. Von hier erreicht man stündlich Bundorf und über Paulstedt und Drosen das ferne Kreuzberg im Süden – eine Bahnfahrt, die besonders bei Einbruch der Dunkelheit, wenn die Lichter des Zuges sich im Bunbach spiegeln, ihren eigenen Reiz hat. Für Autofahrer ist der Ort über die gut ausgebaute Z-7 an Neusomm und Paulstedt im Südwesten sowie an Bundorf im Nordwesten angebunden; eine Alternative bietet die Schattenbachstraße, die sich in Serpentinen zum Kamm der B5 hinaufwindet.

Bleibt man über Nacht, stehen dem Gast nicht nur die Betten der Jugendherberge auf der Burg offen, sondern auch der Gasthof „Zum tanzenden Schattenbach“ – ein Fachwerkbau von 1762, der von der Familie Geissler in der vierten Generation geführt wird. Der Sohn des Hauses, Lukas Geissler, hat das Brauen vom Braumeister der Wisnitzer Schlossbrauerei gelernt und braut im Keller ein dunkles, leicht rauchiges Bier, das unter dem Namen „Trentschiner Tosse“ ausgeschenkt wird. In der Gaststube mit ihren tiefen Fensternischen und dem fast schwarzen Holzboden trifft sich donnerstags der örtliche Stammtisch der Feuerwehr, deren Spritzenhaus gleich nebenan steht.
Kommandantin ist die resolute Maria Erlacher, die als erste Frau im Kreis diesen Posten bekleidet und mit ihrer ruhigen, bestimmten Art selbst die aufgeregtesten Übungseinsätze in geordnete Bahnen lenkt. Ihr Mann, der Musiklehrer Wendelin Erlacher, leitet den gemischten Chor „Bunbachklang“, der jeden Freitagabend im Gemeindesaal probt und bei Festen wie dem jährlichen Schattenbachfest am ersten Augustwochenende auftritt. Dann wird die Brücke über den Schattenbach mit Lichtern geschmückt, und das ganze Dorf tanzt zu den Klängen der Blaskapelle bis tief in die Nacht, während der Bach unermüdlich seine Lieder dazu rauscht.
Verkehrsverbindungen:
Bahn: Linie 112 (BZF Bierona-Zentravia-Ferrovia) stündlich 7:06-21:06 nach Bundorf, 6:10-19:10 über Paulstedt, Drosen, Wisnitz nach Kreuzberg, 20:10 nach Wisnitz, 21:10 nach Drosen
Straße: Z-7 (SW: Neusomm 5km, NW: Bundorf 7km), Schattenbachstraße zur B5 am Gebirgskamm
Land: Zentravia
Landkreis: Paulstedt
Postleitzahl: Z-2120 Trentschin

