
(Pop.: 784 – 598m NN)
Wer von Paulstedt aus entlang der Z-7 weiter in das Zentralmassiv hineinfährt, dem verändert sich das Land fast unmerklich. Die rauchenden Schlote der Eisenhütte sind schon hinter dem ersten Höhenzug verschwunden; statt des dumpfen Vibrierens der Industrie hört man nur noch das Rauschen des Bunbachs, der sich neben der Straße durch sein felsiges Bett zwängt. Auf 598 Metern Höhe, dort wo das Bunbachtal sich zu einer schmalen, aber sonnigen Wiesenflur weitet, liegt Neusomm – ein Straßendorf mit 784 Einwohnern, das so gelassen und schnörkellos wirkt wie der klare Gebirgsbach, der es durchfließt.
Post aus der fernen Hauptstadt Zentro erreicht das Dorf mit der postalischen Kennung Z-2160. Wer hier ankommt, reist nicht durch Zufall hindurch, denn die Z-7 führt zwar weiter nach Trentschin und Bundorf im Norden und von da über die B5 über den Bunpass ins Tremoland, doch Neusomm ist ein Ort, an dem man ankommt – oder von dem aus man aufbricht. Der eine oder andere Wanderer, der die bewaldeten Höhen des Zentralmassivs durchstreift, findet in Neusomm einen stillen Stützpunkt.
Der Ortsname klingt nach Sommerfrische, und das nicht ohne Grund. Eine lokale Anekdote erzählt von einer Gruppe von Mönchen aus dem einst mächtigen Dekanat Zentravia, die im 9. Jahrhundert auf der Flucht vor Unruhen und der Pestwelle, die die Hauptstadt verwüstet hatte, in dieses abgelegene Tal kamen. Als sie die geschützte Wiesenlichtung und den sanft mäandernden Bunbach sahen, soll einer von ihnen ausgerufen haben: „Endlich ein neuer Sommer!“ – was sich auf das milde Kleinklima bezogen haben soll, das den Frühling hier oben tatsächlich einige Tage früher erwachen lässt als in den umliegenden, schattigeren Tälern. Ob die Mönche je ein Kloster errichteten, ist nicht überliefert; die schlichte Dorfkirche, die heute in der leichten Biegung der Hauptstraße steht, wurde jedenfalls erst um 1800 erbaut. Sie ist ein weiß getünchter Bau ohne Turm, nur mit einem bescheidenen Dachreiter, in dem eine einzelne Glocke hängt. Ihr heller, fast fröhlicher Klang ruft sonntags um zehn Uhr die evangelische Gemeinde zum Gottesdienst. Pfarrer Samuel Vogt, ein hagerer Mann mit einer Vorliebe für wollene Westen und präzise formulierte Predigten, betreut neben Neusomm auch die Gemeinde in Trentschin. Den Kirchschlüssel kann man bei seiner Frau Hanna im Pfarrhaus gegenüber abholen, wenn man die Kirche außerhalb der Gottesdienstzeiten besichtigen möchte – sie backt einem dann vielleicht noch einen der kleinen Kräuterkuchen, für die sie im ganzen Bunbachtal bekannt ist.

Das Leben im Ort verläuft ruhig und fleißig. Eine der ersten Adressen ist die BioFuture Solutions KG, ein mittelständisches Biotechnologie-Unternehmen, das in einem schmucklosen, aber modernen Funktionsbau am südlichen Dorfausgang forscht und produziert. Den wenigsten Bewohnern des Landkreises Paulstedt ist bewusst, dass in diesem abgelegenen Tal spezialisierte Enzyme für die Lebensmittelindustrie entwickelt werden, die bis ins ferne Bierland exportiert werden. Die Firma beschäftigt vierzig Menschen, teils hochqualifizierte Zugewanderte aus Zentro, teils junge Leute aus den Dörfern des Kreises, die nach ihrer Ausbildung gern in der Heimat bleiben möchten. Für das tägliche Brot sorgt unter anderem eine traditionsreiche Korbmacherei, die Körbe und kleinere Flechtarbeiten aus Weidenruten fertigt, die entlang des Bunbachs geschnitten werden. Die Werkstatt mit dem hölzernen Vordach gehört Elin Andersson, einer Elektrikerin, die neben ihrer Installationsfirma die Korbmacherei von ihrem Vater übernommen und zu einem kleinen, aber feinen Nebenerwerb ausgebaut hat. Wer auf der Durchreise ist und ein Stück echtes Handwerk sucht, kann bei ihr direkt im Hofladen vorbeischauen; auf Vorbestellung flechtet sie sogar individuelle Fahrradkörbe.

Am nördlichen Ende von Neusomm, wo die Straße eine letzte Kurve macht, bevor sie im Wald Richtung Trentschin verschwindet, steht die Pension „Alpenblick“. Das dreigeschossige Haus mit den grünen Fensterläden und dem steilen Satteldach trägt seinen Namen aus einer Zeit, als sich die romantische Sehnsucht der Städter nach der großen weiten Welt selbst in den bescheidensten Gasthöfen niederschlug – die echten Alpen liegen weit entfernt – wenn es sie jemals gegeben haben sollte, aber die Aussicht von den oberen Zimmern auf die zerklüftete Silhouette des Zentralmassivs mit seinen im Abendrot leuchtenden Gipfeln hat durchaus etwas Alpines. Wirtin Greta Moosbrugger, eine gemütliche Frau mit ansteckendem Lachen, vermietet zehn einfache, hell möblierte Zimmer und kocht für ihre Gäste eine bodenständige Küche, sofern man ihr am Vorabend Bescheid gibt. Ihre Pilzsuppe mit frischem Bauernbrot ist unter Kennern der Region ein Geheimtipp. In der Gaststube mit den niedrigen Decken und dem großen Kachelofen treffen sich am Stammtisch die Honoratioren des Ortes: der Pfarrer, der Leiter der BioFuture Solutions KG, ein pensionierter Bergbauingenieur aus Paulbach und manchmal auch ein Ingenieur der Kreisstadt Paulstedt, der hier oben Ruhe sucht.
Einen Dorfladen klassischen Zuschlags gibt es in Neusomm nicht mehr; Frau Moosbrugger hat jedoch eine kleine Agentur der zentravischen Post in ihrer Pension eingerichtet, wo man Briefmarken kaufen, Pakete aufgeben und sein Sparbuch vorlegen kann – den Bankschalter ersetzt ein Terminal der Kreissparkasse Paulstedt, das jeden Mittwochnachmittag von einer mobilen Beraterin betreut wird. Fleisch- und Wurstwaren liefert einmal wöchentlich der Metzger aus Paulbach, Fisch gibt es nur geräuchert aus dem Angebot eines fahrenden Händlers, der mit seinem umgebauten Lieferwagen jeden zweiten Freitag im Monat auf dem Kirchenvorplatz Station macht.
Eine besondere technische Anlage, die Reisende kaum bemerken, verbindet Neusomm mit dem Nachbarort Paulbach. Die Bahnstrecke der Linie 112, die von Bierona über Zentro und den Drosener Rücken hinauf bis ins Zentralmassiv führt, zwängt sich zwischen den beiden Dörfern durch zwei Tunnel, die direkt in den Berg geschlagen wurden. Wer auf der schmalen, kurvenreichen Straße von Paulbach herauffährt, sieht von oben hinab auf die dunklen Tunnelportale, aus denen tagsüber der vertraute Zweistundentakt der roten Triebwagen quillt: stündlich von 6:58 bis 20:58 Uhr in Richtung Bundorf, von 6:18 bis 19:18 Uhr über Paulstedt, Drosen und Wisnitz hinunter nach Kreuzberg. Abends verkehren die letzten Züge um 20:18 Uhr nur noch bis Wisnitz und um 21:18 Uhr bis Drosen. Der kleine, unbesetzte Haltepunkt Neusomm liegt etwa zehn Gehminuten außerhalb des Dorfes an einem Schotterweg; ein hölzernes Wartehäuschen schützt vor Regen, und an der Wand hängt ein handschriftlicher Aushang der Fahrpläne, den Frau Moosbrugger jeden Monat erneuert.

Die Feuerwehr ist im Dörfchen ein zentraler Punkt des gesellschaftlichen Lebens. Das Spritzenhaus aus den 1950er Jahren beherbergt ein modernes Löschfahrzeug und einen stolzen, fünfundzwanzig Mitglieder zählenden Verein unter der Leitung von Brandmeisterin Katrin Mair. Einmal im Jahr, zum Dorffest am dritten Wochenende im Juli, verwandelt sich der Platz vor der Kirche in einen Festplatz mit Bierbänken, einer kleinen Bühne für die Blaskapelle aus Paulstedt und einem Grillstand, an dem die Feuerwehrleute Würste braten und der gesamte Ort zusammenkommt. Die Einnahmen fließen in die Jugendfeuerwehr, in der zwölf Kinder und Jugendliche aus Neusomm und Umgebung lernen, mit Schlauch und Leiter umzugehen.
So ist Neusomm – ein Ort, der weder durch große Geschichte noch durch spektakuläre Sehenswürdigkeiten auf sich aufmerksam machen will. Gerade darin liegt sein stiller Reiz: ein Dorf, das im Rhythmus der Jahreszeiten und des Baches atmet, in dem gearbeitet und gelebt wird und das dem Besucher, der sich Zeit nimmt, ein ehrliches, unverstelltes Bild des zentravischen Zentralmassivs schenkt.
Verkehrsverbindungen:
Bahn: Linie 112 (BZF Bierona-Zentravia-Ferrovia) stündlich 6:58-20:58 nach Bundorf, 6:18-19:18 über Paulstedt, Drosen, Wisnitz nach Kreuzberg, 20:18 nach Wisnitz, 21:18 nach Drosen
Straße: Z-7 (SW: Paulbach 7km, N: Trentschin 5km)
Land: Zentravia
Landkreis: Paulstedt
Postleitzahl: Z-2160 Neusomm

