(Pop.: 96 – 18m NN)

Wer von Goldstrand aus die K302 durch das sanfte Hügelland ostwärts nimmt, lässt die salzige Meeresluft bald hinter sich. Der Boden wird fester, die Kiefern des Küstenwaldes weichen einzelnen windzerzausten Eichen, und nach wenigen Kilometern öffnet sich die Landschaft zu einer weiten, von Koppeln durchzogenen Ebene. Hier, auf nur 18 Metern über dem Meeresspiegel, liegt Sommereck – mit 96 Einwohnern die nördlichste Siedlung im Hinterland der Goldküste und ein Ort, der in seiner stillen Selbstverständlichkeit leicht zu übersehen wäre, würde nicht die Bundesstraße 303 schnurgerade durch ihn hindurchführen.

Sommereck ist ein Straßendorf, wie es typischer nicht sein könnte: Die wenigen Gehöfte, das Gemeindehaus und die Kirche reihen sich entlang der B303 auf, als hätten sie sich einst um die zentrale Viehtränke aus Sandstein geschart, die noch heute den Mittelpunkt des Dorfes bildet. Das mächtige, von Moos und Flechten überzogene Becken stammt vermutlich aus dem 17. Jahrhundert und wird von einer unterirdischen Quelle gespeist, die selbst in trockenen Sommern nicht versiegt. Frühmorgens, wenn die Sonne den Tau von den Weiden hebt, kann man beobachten, wie die Goldküsten-Rinder mit ihrem dunkelbraunen Fell und den weit geschwungenen Hörnern gemächlich zur Tränke trotten – ein Bild, das sich seit Generationen kaum verändert hat. Die Rinderzucht ist bis heute das wirtschaftliche Rückgrat des Ortes, und die weiten Koppeln, die Sommereck umgeben, gehören zu den ältesten Weideflächen des Landkreises.

Die Geschichte Sommerecks reicht mindestens bis ins 13. Jahrhundert zurück, wie ein Blick auf die alte Dorfkirche St. Jakobus verrät. Der romanisierende Feldsteinbau duckt sich mit seinem gedrungenen Rundturm so selbstverständlich in die flache Landschaft, als sei er aus ihr herausgewachsen. Die Mauern des Turms sind fast einen Meter dick – eine Notwendigkeit in einer Gegend, die den unbarmherzigen Herbststürmen aus dem Norden schutzlos ausgeliefert ist. Über der schweren, mit Eisenbeschlägen versehenen Eichentür ist eine verwitterte Sandsteintafel eingelassen, deren Inschrift nur noch in Fragmenten zu entziffern ist: „Anno Domini 12.. Jakobus dem Älteren geweiht“. Im Inneren erwartet den Besucher eine schlichte, beinahe karge Atmosphäre, die jedoch einen ganz eigenen Zauber entfaltet. Der hölzerne Altar von 1688 zeigt in schlichter Schnitzarbeit die zwölf Apostel, und die kleine Orgel der Firma Dreher & Klose aus Kohla, eingeweiht im Jahr 1902, erklingt noch jeden Sonntag zum Gottesdienst. Küsterin Helene Vosskamp, eine rüstige Witwe von 78 Jahren, die den Schlüssel zur Kirche stets an einem Lederband um den Hals trägt, erzählt Besuchern gern von der Legende, nach der die Kirche auf den Fundamenten eines heidnischen Quellheiligtums errichtet wurde: „Die alten Leute sagen, dass das Wasser unter der Tränke und das Weihwasser in der Kirche aus derselben Ader stammen. Ob das stimmt, weiß ich nicht – aber es ist ein schöner Gedanke, finden Sie nicht?“

Wenige Schritte von der Kirche entfernt, zwischen dem Gotteshaus und der Viehtränke, steht die ehemalige Dorfschule – ein zweigeschossiger Backsteinbau von 1780 mit hohen Sprossenfenstern und einem Schieferdach, auf dem sich im Herbst das Laub der benachbarten Kastanie sammelt. 1962 wurde der Schulbetrieb eingestellt; seither fahren die Kinder aus Sommereck mit dem Schulbus nach Goldstrand, wo sie die Kreisgrundschule besuchen. Das alte Schulgebäude dient heute als Gemeindehaus und beherbergt im ehemaligen Klassenzimmer eine kleine, aber feine Ausstellung historischer Fotografien. Die Aufnahmen, sorgfältig kuratiert vom örtlichen Heimatverein, dokumentieren das landwirtschaftliche Leben im Kreis Goldküste von den 1880er-Jahren bis in die Nachkriegszeit. Man sieht darauf Ochsen vor hölzernen Pflügen, Erntefeste auf den Koppeln und die feierliche Eröffnung der ersten Milchgenossenschaft im Jahr 1911. An den Winterabenden, wenn der Wind um den alten Backsteinbau pfeift, trifft sich hier der Stammtisch des Heimatvereins, bei dem Heiner Lüttjohann – ein pensionierter Landwirt mit einem beeindruckenden Schnauzbart und einem schier unerschöpflichen Vorrat an Dorfgeschichten – bei einem Glas selbstgebrauten Kräuterschnapses so manche Anekdote zum Besten gibt.

Wer den südlichen Ortsausgang erreicht, dem schlägt ein unverwechselbarer Duft entgegen: eine Mischung aus Buchenholzrauch, Rindfleisch und den würzigen Noten von Kohl. Hier, in einem umgebauten ehemaligen Stall aus rotem Backstein, residiert die Fleischerei Ingmar Bergmann, ein Familienbetrieb in dritter Generation und die kulinarische Institution des Ortes. Hergestellt wird hier die traditionelle Kohlwurst – eine grobe Bratwurst aus dem Fleisch der Goldküsten-Rinder, angereichert mit feinen Kohlstückchen und über Buchenholz kalt geräuchert. Das Rezept stammt aus einem vergilbten Notizbuch von 1903, das der heutige Inhaber, Friedrich „Fiete“ Bergmann, in einem eisernen Tresor aufbewahrt und nur seinem designierten Nachfolger – in diesem Fall seiner Tochter Mareike – unter strengster Geheimhaltung zugänglich macht. „Mein Großvater hat immer gesagt, eine gute Wurst braucht drei Dinge: gutes Fleisch, Geduld und ein Geheimnis“, zitiert Fiete Bergmann gern, während er die Würste in der Räucherkammer wendet. Die Kohlwurst aus Sommereck wird nur im Umkreis von 20 Kilometern verkauft und ist in der gesamten Region so begehrt, dass an den Schlachttagen oft schon am frühen Morgen eine kleine Schlange vor dem Hoftor steht. Neben der Wurst bietet Bergmann auch selbstgekochte Kohl-Sülze, Rinderbrühe im Glas und – als besondere Spezialität – eine Hausmacher-Leberwurst an, die mit einem Schuss Kohlaer Apfelwein verfeinert wird.

Etwa drei Kilometer östlich von Sommereck zweigt von der K302 ein unbefestigter Feldweg ab, der sich durch Ginsterbüsche und windzerzauste Kiefern windet und schließlich den Nordrand des Drømmeskog erreicht. Der Drømmeskog, ein geheimnisvoller Mischwald, der sich von hier bis tief ins Hinterland erstreckt, ist Schauplatz zahlreicher lokaler Legenden. An seinem Rand, auf einem 40 Meter hohen bewaldeten Hügel, thront die Ruine der Burg Goldwacht – Ziel für Schulausflüge, Geschichtsinteressierte und jene, die einfach nur einen unvergleichlichen Ausblick genießen möchten. Die kleine Höhenburg wurde im 15. Jahrhundert erbaut und diente als Grenzstation der Provinz Kohlonia zum unwirtlichen Ödland im Norden. Von dem einst zweigeschossigen Wohnturm mit umlaufender Ringmauer sind nur noch die bis zu sechs Meter hohen Außenmauern und ein tiefer, direkt in den Fels gehauener Brunnen erhalten. Im 17. Jahrhundert verfiel die Burg allmählich; die Garnison war abgezogen, die Grenze hatte sich verschoben, und die Bauern der Umgebung nutzten die Steine für ihre eigenen Gehöfte. Heute brütet ein Wanderfalkenpaar in den zerfallenen Zinnen, und an klaren Tagen reicht der Blick vom Burgplateau über den gesamten Landkreis Goldküste bis zur Sturmsee, deren schimmernde Wasserfläche am Horizont mit dem Himmel zu verschmelzen scheint. Der örtliche Lehrer im Ruhestand, Wilhelm Kröger, führt an den Wochenenden regelmäßig Schulklassen und interessierte Wanderer zur Burg und weiß die Geschichte der alten Grenzfeste so lebendig zu schildern, dass man fast die Kettenhemden der längst vergangenen Wächter klirren hört.

Das alltägliche Leben in Sommereck ist geprägt von den Rhythmen der Landwirtschaft und einem tiefen Gemeinschaftssinn. Einen Supermarkt oder eine Bank sucht man vergeblich; für Besorgungen fahren die Bewohner ins nahe Goldstrand. Zweimal wöchentlich, immer mittwochs und samstags, kommt der Bäcker aus der Kreisstadt mit seinem Lieferwagen und hupt dreimal vor dem Gemeindehaus – ein Signal, das im ganzen Dorf bekannt ist. Der Dorfladen im ehemaligen Molkereigebäude („Tante-Emma-Laden“ wäre angesichts der resoluten Inhaberin Bärbel Ohmstedt, 64, ein unpassender Ausdruck) führt das Nötigste und fungiert zugleich als Paketshop, Postannahmestelle und informelles Nachrichtenzentrum. Wer wissen will, wessen Kuh gekalbt hat, welcher Traktor ein neues Getriebe braucht oder ob die alte Linde am Dorfeingang den nächsten Sturm überstehen wird – Bärbel weiß Bescheid.

Im Sommer verwandelt sich die Wiese hinter dem Gemeindehaus zum Austragungsort des alljährlichen Sommerecker Viehmarkt-Festes, bei dem die schönsten Rinder des Kreises prämiert, die neuesten Landmaschinen bestaunt und die Bergmann‘sche Kohlwurst in solchen Mengen verzehrt wird, dass der Buchenholzrauch für drei Tage nicht vom Fleisch der Räucherkammer weicht. Besucher, die etwas länger verweilen möchten, finden auf dem Hof der Familie Vogeler („Ferienzimmer Vogeler“) eine einfache, aber gemütliche Unterkunft – drei frisch renovierte Gästezimmer mit Blick auf die Koppeln und einem Frühstück, das die Eier der hofeigenen Hühner, frisch gebackenes Brot und selbstverständlich die berühmte Kohlwurst umfasst.

Sommereck mag auf der Landkarte Kohloniens kaum zu finden sein – doch wer die Stille der Weiden, den Duft von Buchenrauch, die dicken Mauern einer 800 Jahre alten Kirche und den unvergleichlichen Weitblick von den Zinnen einer verfallenen Grenzfeste zu schätzen weiß, der wird diesen kleinen Ort am nördlichen Rand der Goldküste mit dem Gefühl verlassen, einen jener seltenen Plätze entdeckt zu haben, an denen die Zeit noch in einem menschlicheren Takt zu schlagen scheint.


Verkehrsverbindungen:
Straße: B303 (S: Frühlingsdorf 13km, N: Argeno 8km); K302 (W: Goldstrand 5km, O: Südort 16km)

LandKohlonia
LandkreisGoldküste
Postleitzahl: K-5130 Sommereck