Das Schwerspatbergwerk „Zur weißen Erde“ liegt nördlich von Artern, versteckt in einer kleinen Talsenke, die man über den Ingmarshofer Weg erreicht – eine schmale, von Fichten gesäumte Straße, die kurz hinter dem Ortsausgang nach rechts abzweigt und sich in Serpentinen den Hang hinaufwindet. Das Gelände selbst ist auf den ersten Blick unspektakulär: ein Fördergerüst aus genietetem Stahl, eine Reihe flacher Betonbauten für die Aufbereitung, ein paar Halden, auf denen das taube Gestein lagert. Wer aber mit dem Fahrrad oder zu Fuß anreist, dem fällt sofort der feine, weiße Staub auf, der sich auf den Blättern der Wegerichpflanzen absetzt und in der Nachmittagssonne schimmert. Dieser Staub ist das Produkt, um das sich hier alles dreht: Schwerspat, Bariumsulfat, ein Mineral von ungewöhnlicher Dichte und Reinheit, das in den Stollen unter Artern seit mehr als einem Jahrhundert abgebaut wird.

Die Lagerstätte wurde 1882 durch den Geologen Viktor Weiß entdeckt, der im Auftrag der Paulstedter Bergbauverwaltung das Gebiet kartierte. Weiß suchte nach Silber, fand aber stattdessen einen Gang mit weißem, schwerem Gestein, das sich mit dem Hammer kaum zerschlagen ließ. Die ersten Proben schickte er an das Königliche Mineralienkabinett in Zentro, wo man sie als Baryt identifizierte – damals ein Rohstoff von begrenztem Interesse. Erst mit dem Aufkommen der industriellen Papierherstellung um 1900 änderte sich das: Schwerspat eignet sich als Füllstoff, der das Papier glättet, beschwert und für den Druck vorbereitet. 1904 wurde die Grube offiziell unter dem Namen „Zur weißen Erde“ in das Bergwerksregister eingetragen. Der Name geht auf einen Ausspruch Viktor Weiß’ zurück, der in einem Brief an seinen Bruder schrieb, er habe „eine Erde gefunden, so weiß wie frisch gefallener Schnee, und so schwer, dass man meint, sie stamme von einem anderen Stern“. Die Bergleute übernahmen die Wendung, und als die Grube 1906 in den Dauerbetrieb ging, stand über dem Stolleneingang bereits der Name, den sie noch heute trägt.

Die Firmengeschichte ist eng mit der Familie Mertens verwoben. Erster Grubenverwalter war Johann Mertens, ein Steiger aus dem Silberbergwerk „Himmelsschlüssel“ bei Krumdorf, der 1905 nach Artern wechselte und die ersten Ausbaupläne entwarf. Sein Sohn Heinrich übernahm die Grube 1932 und führte sie durch die 30er und 40er Jahre. Dessen Sohn wiederum, Thomas Mertens, leitet das Bergwerk seit 1998 in dritter Generation. Thomas Mertens, Jahrgang 1963, hat an der Bergakademie in Zentro studiert und war anschließend drei Jahre in den Kupferbergwerken des Seelandes tätig, bevor er nach Artern zurückkehrte. Er ist ein schmaler, zurückhaltender Mann, der seine Sätze eher in technischen Zeichnungen als in großen Reden formuliert. Unter seiner Leitung wurde der Abbau von der Kammerbauweise auf das effizientere Örterpfeiler-Verfahren umgestellt, was die Jahresförderung um rund dreißig Prozent steigerte. Gleichzeitig führte er einen zweiten Schichtbetrieb ein, was die Förderleistung weiter erhöhte und die Betriebskosten senkte. Sein Büro befindet sich in einem Containerbau direkt am Förderturm; an der Wand hängt eine geologische Karte von 1911, auf der sein Großvater die ersten Streckenverläufe eingezeichnet hat. Wenn Besucher zur Grubenfahrt anreisen, führt Mertens sie oft persönlich durch die Stollen, wobei er die Geologie mit der Nüchternheit eines Ingenieurs erklärt, aber immer dann ins Stocken gerät, wenn er auf eine besonders reine Ader stößt – dann fährt er mit dem Daumen über das Gestein und sagt: „Sehen Sie, das ist es, was unser Papier ausmacht.“

Eine Anekdote, die man sich in Artern gern erzählt, stammt aus dem Sommer 1967. Damals, noch unter Heinrich Mertens, geschah etwas, das in den Logbüchern des Bergwerks nur knapp vermerkt ist, in der Erinnerung der älteren Arterner aber einen festen Platz hat. Ein junger Geologiestudent aus Zentro namens Albert Forsberg absolvierte ein Praktikum in der Grube und kartierte die östlichen Abbaustrecken. In einem stillgelegten Querschlag stieß er auf eine faustgroße Druse, die vollständig mit honiggelben Barytkristallen ausgekleidet war – ein Vorkommen, das in dieser Form in der gesamten Region unbekannt war. Forsberg meldete den Fund ordnungsgemäß, doch bevor das Stück geborgen werden konnte, brach die Firste des Querschlags ein und verschüttete die Druse unter mehreren Tonnen Gestein. Heinrich Mertens entschied, den Bereich nicht wieder freizulegen – der Aufwand wäre zu groß gewesen, und der Gang enthielt ohnehin kaum abbauwürdiges Material. Seitdem kursiert unter den Arterner Bergleuten die halb scherzhafte, halb ernste Rede vom „Forsberg-Schatz“, der irgendwo im Ostfeld des Bergwerks ruht. Thomas Mertens selbst winkt ab, wenn man ihn darauf anspricht, aber im Betriebsarchiv liegt Forsbergs Originalkarte, und wer genau hinsieht, erkennt am östlichen Rand eine Stelle, die mit einem roten Kreuz markiert ist.

Die Institutionen Arterns sind auf vielfältige Weise mit dem Bergwerk verbunden. Die nahe HeavyForge Industries GmbH, geführt von Dr. Elena Carstens, produziert Spezialpressen für die Mineralienaufbereitung, von denen drei Exemplare in der Barytmühle des Bergwerks im Einsatz sind. Carstens und Mertens treffen sich einmal im Monat zu einer gemeinsamen Inspektion der Anlagen, bei der technische Anpassungen besprochen werden. Das Institut für Verhaltensbiologie und Sozialforschung unter Professor Dr. Élodie Dupont beobachtet seit 2009 die Waldschweine des Sternenschauergehölzes auch im Umfeld der Abraumhalden, weil die Tiere die mineralhaltigen Aufschlüsse regelmäßig als Suhlstellen nutzen – ein Fall, den Dupont in zwei Fachaufsätzen dokumentiert hat und der in der Gemeinde zu gelegentlichen Diskussionen über die Vereinbarkeit von Bergbau und Tierforschung führt. In der neugotischen Backsteinkirche St. Maria am Marktplatz von Artern befindet sich ein Altarkreuz aus geschliffenem Schwerspat, das ein Vorgänger von Mertens 1954 gestiftet hat; es wirft bei Kerzenschein ein milchiges, diffuses Licht, das den Kirchenraum verändert. Und im Hotel „Zur alten Post“, das der Hotelier Johann Wagner führt, übernachteten früher die Einkäufer der Papierfabriken, die den Vertrag über die nächste Lieferung des „Arterner Weiß“ aushandelten – heute sind es vor allem Gastwissenschaftler des Instituts und gelegentlich ein Wanderer, der die Ruhe der Talsenke sucht.