(Pop.: 147 – 838m NN)

Es gibt Orte, die sich nicht auf den ersten Blick erschließen, sondern ihre Eigenheiten erst nach und nach preisgeben. Krumdorf ist ein solcher Ort. Das Dorf liegt hoch oben im Tal des Skyggeelv, dort, wo das Zentralmassiv seine steilsten Hänge zeigt und der Fluss sich tief in den Fels gegraben hat. Der Sage nach soll ein Jäger namens Gunnar Hörnle einst eine alte, krumm gewachsene Kiefer am Ufer des Baches erblickt haben, deren Wuchs so seltsam war, dass sie den gesamten Flecken für immer prägte. Seither heißt die Siedlung Krumdorf – ein Name, der hier draußen niemanden mehr zum Schmunzeln bringt. Auf 838 Metern Höhe, umgeben von dichtem Nadelwald und den ungezähmten Wiesen des inmitten der Wälder des Zentralmassivs, leben knapp 150 Menschen in einem der abgeschiedensten Dörfer des Kreises Paulstedt. Die B5, die hier als Nudeltopf-Panoramastraße geführt wird, windet sich von Bachkomm herauf, passiert den Ort und zieht sich dann in weiten Schleifen die Südflanke des Berges Nudeltopf hinauf, ehe sie über den Bunpass hinüber ins benachbarte Tremoland fällt.

Doch Krumdorf wäre nicht Krumdorf, wenn nicht unter seinen krummen Dächern und verwinkelten Gassen ein stiller, aber beständiger Wohlstand läge. Dieser Wohlstand kommt aus der Tiefe. Seit Generationen wird in einem kleinen, aber ergiebigen Bergwerk Silber gefördert, und die Grube „Himmelsschlüssel“ ist bis heute der heimliche Mittelpunkt des Dorflebens. Der Eingang liegt versteckt hinter der alten Waschkaue, einem niedrigen Gebäude aus grauem Bruchstein, dessen Dach mit Moos überwuchert ist.

Für Besucher ist die Grube zugänglich: Wer sich bei Bergwerksdirektorin Helma Rotkoppel anmeldet, kann an einer Führung durch die unterirdischen Stollen teilnehmen, vorbei an glitzernden Adern und alten Abbaustrecken. Besonders beeindruckend ist die Schaukaue, in der originalgetreue Arbeitsgeräte und die klobigen, rußgeschwärzten Grubenlampen früherer Zeiten ausgestellt sind.

Die Bergleute, die aus anderen Teilen Zentravias angeworben wurden und oft wochenweise hier oben leben, finden Unterkunft in der Bergarbeiterherberge „Am tiefen Gang“, deren Sauna nach der Schicht dampft und in deren kleiner Biergarten das Bier an lauen Sommerabenden nach Himmelsschlüssel-Grünschnitt schmeckt.

Über dem Dorf, auf einem steilen Felsvorsprung hoch über dem Tal, thront die Ruine der Burg Alt-Krumdorf aus dem 12. Jahrhundert. Nur noch ein wuchtiger Bergfried, der trotzig dem Wind trotzt, und die Reste des Palas sind erhalten. Der Legende nach soll in den Kellern der Burg ein sagenhafter Schatz versteckt sein – ein ganzer Krug voller Krumdorfer Silbermünzen, die der letzte Burgvogt in einer Nacht-und-Nebel-Aktion vergraben ließ, bevor die Truppen des Nachbarn anrückten. Heute ist die Ruine ein beliebtes Ziel für Spaziergänger, die von hier aus einen weiten Blick über den gesamten Talkessel bis hin zum Bunpass genießen.

Eine Kirche besitzt Krumdorf nicht, dafür aber eine kleine, schmucklose Kapelle aus dem 18. Jahrhundert, die Sankt-Silvester-Kapelle. Sie steht am östlichen Ortsausgang, direkt an der B5, und ihr Inneres ist so schlicht wie die Landschaft ringsum: ein hölzerner Altar, eine einzige Glocke im Dachreiter und auf der Empore eine kleine Orgel, die nur an hohen Feiertagen gespielt wird. Die Postagentur des Dorfes, die sich in einem Anbau des alten Schulhauses befindet, ist zugleich für die Versorgung des benachbarten Bachkomm zuständig, das noch tiefer im Tal liegt. Wer hier ein Paket aufgibt oder eine Briefmarke kauft, trifft meist auf Briefträgerin Gunda Schwerdtfeger, die mit ihrem klapprigen Lieferwagen zweimal wöchentlich die steilen Straßen nach Bachkomm hinunterfährt.

Das kulturelle Herz Krumdorfs schlägt im Gasthaus „Frohsinn“. Die Gaststube mit ihren dunklen Holztischen und den geschnitzten Wandregalen ist der Versammlungsort für Jung und Alt. Wirtin Senta Zirbel kocht hier das berühmte Krumdorfer Hühner-Geschnetzelte – zarte Waldhuhnstreifen in einer cremigen Rahmsauce mit frischen Kräutern aus dem Garten. Die Hühner werden in den umliegenden Wäldern gehalten, wo sie zwischen Farnen und Moospolstern ihr Futter suchen. Dazu reicht Senta Zirbel selbst gebackenes Brot und einen trockenen Weißwein aus dem eigenen Keller. An den Wänden hängen alte Fotografien des Dorflebens, darunter ein besonders prächtiges Bild der Bergparade von 1954, bei der die gesamte Belegschaft des Himmelsschlüssels in ihren schwarzen Uniformen durch die Hauptstraße marschierte.

Neben dem Bergwerk und der Gastwirtschaft gibt es noch einen weiteren handwerklichen Schatz in Krumdorf: die „Krumdorfer Silberbrenner“. In einer kleinen Werkstatt an der Hauptstraße, die von der gelernten Goldschmiedin Liane Nadelstern geführt wird, entstehen aus dem geförderten Silber filigrane Schmuckstücke – zarte Ringe, Ohrringe und Anhänger, deren Motive oft die umliegende Natur aufgreifen: Fichtenzweige, Skigebiete oder die Silhouette des Nudeltopfes. Die Stücke werden in der eigenen Verkaufsstube direkt neben der Werkstatt angeboten, und wer Glück hat, kann Liane Nadelstern bei der Arbeit über die Schulter schauen.

Das Leben in Krumdorf ist ruhig, fast meditativ. Die Kinder besuchen die Grundschule im Nachbarort Bundorf, wohin sie mit dem Schulbus fahren, der einmal täglich die Strecke über die Panoramastraße bewältigt. Die älteren Bewohner treffen sich dienstags im Gemeindesaal, um beim Seniorenkaffee die Neuigkeiten aus dem Tal zu besprechen, während die Jüngeren am Wochenende im Musikverein „Silberklang“ proben, dessen Probenraum im alten Feuerwehrhaus untergebracht ist. Im Winter wird die Straße nach Bundorf oft tagelang unpassierbar, dann sind die Krumdorfer auf sich allein gestellt – doch die Vorratskammern sind gut gefüllt, und die Sauna in der Herberge lockt auch die Einheimischen an.

Für Besucher, die länger bleiben möchten, gibt es neben der Bergarbeiterherberge auch ein paar private Gästezimmer, etwa bei Familie Krumpholz, die direkt am Waldrand wohnt, oder bei der ehemaligen Bergmannswitwe Irma Gabel, die in ihrem Haus drei einfache, aber saubere Zimmer vermietet. Der Weg nach Krumdorf ist beschwerlich, aber er lohnt sich. Denn hier oben, wo der Himmel so nah scheint wie der Grund des Tals, findet man das, was anderswo längst verloren gegangen ist: echte Stille, ehrliche Gastfreundschaft und das Gefühl, in einer Welt zu sein, die ihren eigenen Rhythmus lebt.


Verkehrsverbindungen:
Straße: B5 (SW: Bachkomm 5km, O: über den Bunpass nach Tremoquell 35km, über die Z-7 nach Bundorf)

LandZentravia
LandkreisPaulstedt
Postleitzahl: Z-2210 Krumdorf